Ist Netrebko am Höhepunkt ihrer Karriere?

Dezember 10, 2024
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Anna Netrebko an der Mailänder Scala (Foto: Amisano, Scala)

Buhs trotz großartiger Gesangkunst! Eine Feuilletonrundschau zur Saisoneröffnung der Mailänder Scala

English summary: The season opening of Milan’s La Scala with Verdi’s La forza del destino was met with prolonged applause but also controversy. Protests accompanied the event: pro-Palestine demonstrations, Ukrainian objections to Anna Netrebko, and manure on the red carpet. Netrebko received some boos during the final ovation, despite critical acclaim for her artistry. Critics praised her vocal maturity, blending beauty with emotional depth, though some noted minor flaws. Conductor Riccardo Chailly was widely lauded for his dynamic and precise interpretation, redeeming last year’s tepid performance. However, Teo Muscato’s staging drew consistent criticism for its lack of depth and banal treatment of the opera’s themes.

Die Eröffnung der Mailänder Scala mit Verdis La forza del destino wurde am Ende ungewöhnlich lange bejubelt. Und auch die traditionellen Proteste gab es zur Eröffnung der Saison an der Mailänder Scala: Gülle auf dem roten Teppich, pro-Palästina Demonstrationen und ukrainische Proteste gegen den Auftritt von Anna Netrebko. Und die kassierte im Schlussapplaus dann auch einige Buhs. Und das, obwohl die Feuilletons sie derzeit auf dem Höhepunkt ihrer Gesangkunst sehen. 

»Politisch motiviertes, eher einsames Buh gibt es immer bei den Vorhangauftritten der russischen Starsopranistin Anna Netrebko, die mit nun sieben Scala-Inaugurazione-Premieren Maria Callas überflügelt hat«, berichtet Brug in der Welt. Jan Brachmann schwärmt in der FAZ: »Netrebko singt mit geradezu unfehlbarer Professionalität. Vielleicht war sie in ihrer ganzen Laufbahn nie besser als jetzt, wo zur Schönheit ihrer Stimme, die früher oft oberflächenlackiert und inhaltsleer wirken konnte, eine neue, vom Leben verschrammte Ausdruckskraft hinzutritt.« Brug findet nur kleine Haare in der Stimm-Suppe: »Erstaunlich fahl, ein wenig weinerlich fast im Piano und deutlich unsicher bei der Intonation«, schreibt er. 

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Reinhard Brembeck ärgert sich in der Süddeutschen Zeitung besonders über die Buhs für die Sängerin: »In Mailands Opernhaus singt sie strahlend agil und verjüngt die Leonora in Giuseppe Verdis Kriegs- und Hass-Epos Die Macht des Schicksals. Ihre ätherische Friedensbitte zuletzt ist ein Höhepunkt feinen Singens, großer Ruhe, magischer Tongebung. Trotzdem kassiert ausgerechnet Netrebko im zwölfminütigen Schlussjubel, das ist viel für die kühlen Mailänder, einige Buhs.« Auch Thomas Hell kommentiert die Buhs in seinem Text für BR Klassik: »Unschön sind die Buhrufe dennoch, mit denen sich neben der Regie vor allem Anna Netrebko konfrontiert sieht. Weil relativ schnell deutlich wird, dass hier keineswegs die Sängerin, sondern vor allem die in den sozialen Medien kontrovers diskutierte Person Anna Netrebko unter Beschuss genommen wird. Denn obwohl es bereits nach ihrer ersten Arie zu einem kurzen Wortgefecht im Saal kommt, bereitet ihr die Mehrheit des Publikums schon im Laufe der Vorstellung immer wieder minutenlange Ovationen. Und dies mit Recht.«

Musikalische Spitzenklasse

Einhellig begeistert das Dirigat von Riccardo Chailly. Jan Brachmann findet »Riccardo Chailly will als Dirigent und Musikdirektor der Scala hörbar vom ersten Ton an die Scharte auswetzen, die er letztes Jahr zur Saisoneröffnung, die immer am Ambrosiustag, dem 7. Dezember, stattfindet, mit seinem matten, erschöpft wirkenden Dirigat von Verdis Don Carlo geschlagen hatte. Damals hatte es, selten an der Scala, für den Dirigenten Buhs gegeben. Dieses Mal stürzt er sich fast atemlos in den musikalischen Mahlstrom des Schicksals, treibt die Streicher zur Weißglut, hält das Orchester, auch den von Alberto Malazzi ausgezeichnet vorbereiteten Chor, in der Raserei mit Mühe, aber erfolgreich in der Kurve und sorgt im leise verglimmenden As-Dur-Schluss für eine Spannung, die keinen Lärm mehr braucht.« Tobias Hell schreibt: »Selbst das wilde Säbelrasseln in den Schlachtszenen wirkt so nie einfach nur plakativ, sondern wird stets durch die intimen Momente geerdet, die Chailly sich und seinem Orchester ebenso gönnt wie dem hoch sensibel agierenden Chor.« Und auch Manuel Brug ist musikalisch glücklich: »Schon die achtminütige Ouvertüre dirigiert er akzentsicher, kontraststark und effektbewusst, dabei biegsam und flexibel, nie grell überschraubt. Später gliedert unaufdringlich die himmlischen, einzig mit vokalen Mitteln die Zeit zum Stillstehen bringenden Längen.«

Einhellig auch die Kritik an der Regie von Teo Muscato. Reinhard Brembeck schreibt: «Während Netrebko und Chailly grandios die Tiefenstrukturen von La forza del destino ausleuchten, bleiben Regisseur Teo Muscato und die anderen, durchwegs überzeugenden Sänger konsequent an der Oberfläche des Textes. Dessen gesellschaftliche Störfeuer, Zumutungen, Provokationen, Rassismen werden hingenommen und banalisiert.» Dem stimmt Brug zu: »Das läuft alles dumpf dahin, ohne dass auf der Bühne – unter einem riesigen Neonring vom 18. Jahrhundert über die auf das Schicksalskarussell zurechtgebogenen Schützengräben des 1. Weltkriegs mit vielen lebenden Stehbildern bis in unsere Aggressionstrümmergegenwart – wirklich etwas passiert.«

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