Welt ist aus den Fugen!

November 5, 2026
1 min read
Es wird gespart – von oben nach unten. (Bild: KI)

Während Intendanten und Chefdirigenten im öffentlich-rechtlichen Rundfunk Spitzengehälter kassieren, wird an Kulturprogrammen gespart. Und plötzlich steht eine absurde Frage im Raum: Brauchen wir mehr Orchester oder mehr Kulturjournalismus? Vielleicht fehlt es den Sendern gar nicht an Geld, sondern an einem Kompass.

Liebe Intendantinnen und Intendanten,

kann es sein, dass die Welt uns aus den Fugen geraten vorkommt, weil ihre Verhältnismäßigkeiten nur noch schwer zu erklären sind?

Dass Sie, Herr Gniffke, als Intendant des SWR mit über 400.000 Euro zu den Bestverdienern unter Ihren Kolleginnen und Kollegen gehören – geschenkt! Und dass Sie, Frau Wildermuth, mit 348.100 Euro nur wenig dahinter liegen – auch das sei Ihnen gegönnt. Ihr Job ist kein Zuckerschlecken.

Leider legt der öffentlich-rechtliche Rundfunk über die Gehälter seiner Chefdirigenten keine Rechenschaft ab. Über Simon Rattles Jahresgage kursieren nur unbestätigte Gerüchte – ob man da mit zwei Gniffke-Jahresgehältern hinkommen würde? Fraglich! Aber auch hier gilt: Spitzenkräfte kosten Spitzengehälter.

Was allerdings nur schwer zu erklären ist: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk spart auf der anderen Seite allenthalben an seinen Kulturprogrammen. MDR Klassik wurde weitgehend abgeschaltet, die Sendungen »WDR 3 Kultur am Mittag« und »WDR 5 Scala« wurden durch das gemeinsame Magazin »Westart« ersetzt, und beim rbb soll ein Drittel (!!!) der Programmeinsparungen 2026 aus der Kultur kommen: Hier berechnet der Sender Einsparungen von 1,2 Millionen Euro!

Das wirklich Perverse ist, dass selbst ich plötzlich anfange, den Kulturauftrag der Sender gegen den Kulturauftrag ihrer Orchester auszuspielen.

Wir geraten in den absurden Zwang, Fragen zu stellen, die wir eigentlich gar nicht stellen wollen: Was ist wichtiger? Dass sich der Bayerische Rundfunk in München weiterhin zwei eigene Orchester leistet – in einer Stadt, in der es mit den Münchner Philharmonikern und dem Bayerischen Staatsorchester bereits zwei weitere öffentlich finanzierte Spitzenorchester gibt? Oder dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk seinem Kulturauftrag nachkommt und über Kultur berichtet?

Und ist es nicht absurd, wenn die Gage eines einzigen Dirigenten fast so hoch sein soll wie die gesamten Einsparungen im Kulturbereich eines ganzen Senders? Wenn zwei Intendantengehälter einen erheblichen Teil dieser Kürzungen aufwiegen? Ich habe noch gar nicht davon angefangen, aufzurechnen, wie wenig eine junge Sängerin am Stadttheater oder ein Substitut in Euren Orchestern verdient.

Vielleicht fehlt es dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk gar nicht an Geld. Sondern an einem Kompass. Denn Kultur wird inzwischen vor allem von oben wegdirigiert.

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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