Zwischen Klagen und Begeistern

November 2, 2026
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Der Siegfried an der Bayerischen Staatsoper (Foto: Rittershaus)

Willkommen in der neuen Klassik-Woche,

Dirk Kaftan ruft das Publikum zum Protest, Audi streicht sein Sponsoring, und die Salzburger Festspiele kämpfen mit Millionenrisiken. Dazu ein Dirigentenstreit in Berlin, Tugan Sokhiev zwischen Wien und Tokio – und die Frage, warum die Musik gerade so aufregend ist wie lange nicht.

Ey, Publikum, tu was!!!!

Krise an unseren Kulturinstitutionen – Lamentieren reicht nicht. (Bild: KI)

Der Chef des Beethoven Orchesters Bonn, Dirk Kaftan, sorgte diese Woche mit einem Instagram-Video für Aufhorchen: Die Konzerte des Orchesters seien voll, trotzdem würde an der städtischen Kultur gespart. Kaftan plädierte für Solidarität und vor allen Dingen dafür, dass das Publikum jetzt lauter werden müsse. Ich habe an dieser Strategie meine Zweifel (hier mein Antwort-Video). Es ist äußerst uncool, wenn Kulturschaffende immer wieder ihre eigene Bedeutung behaupten und um Solidarität betteln. Egal, ob in Sachsen, Berlin oder Bonn: Zum großen Teil demonstrieren hier die Kulturschaffenden selbst für die Kultur – und ihre Institutionen. Gespart und gestrichen wird trotzdem. Nicht, weil Kultur nicht mehr wichtig ist, sondern weil der Staat kein Geld hat und derzeit einfach alle um Existenzen kämpfen. In einem ausführlichen Essay erkläre ich, dass wir nicht wegschauen können, wenn sich derzeit die gesellschaftlichen Prioritäten verändern, dass es nicht darum gehen kann, jede Institution zu retten, sondern die Kunst an sich. Und ja, es könnte nötig werden, dass wir uns überlegen müssen, welche Strukturen noch überlebensfähig sind und ob die Kreativität der Kultur nicht auch für den Wandel der Institutionen gebraucht wird. 

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Von wegen »Horch«, Audi!

Die neue Bedeutungslosigkeit von Kultur wurde diese Woche auch an einem anderen Beispiel deutlich. Dass Audi-Chef Gernot Döllner bei Donald Trumps Wahlkampfveranstaltung aufgetreten ist – puh! Wovon aber nur wenig berichtet wurde: Kurz zuvor hatte Döllner Audis Kultursponsoring zusammengestrichen: Sommerkonzerte? Ausgesetzt! Weihnachtskonzerte in Ingolstadt und Neckarsulm? Gestrichen! Jazz am Audi Forum? Weg! Förderung der Kammerphilharmonie Ingolstadt? Nach 36 Jahren beendet. Und die Audi Jugendchorakademie? Eingestellt! »Audi« heißt übersetzt: »Horch«. Aber der Autobauer scheint inzwischen weitgehend taub zu sein. Ich habe Döllner einen Brief geschrieben. 

Was, wenn keine Kohle da ist? 

Audi ist längst nicht mehr der einzige Sponsor, der sich zurückzieht. BWT hat seine Zusammenarbeit mit Salzburg aufgekündigt, und in den USA ist zu sehen, wie schwer es geworden ist, Gelder für die Kultur zu akquirieren. Auch die Politik ist zum Sparen gezwungen und fordert öffentliche Häuser auf, mehr private Gelder aufzutreiben. Ein Konstrukt, das nicht funktionieren kann – auch, weil Spenden in Deutschland politisch nicht annähernd so lukrativ sind wie in den USA.     

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Aufstellungsfragen

Die Pressemitteilung war schlank gehalten, hatte aber Explosionspotenzial. Iván Fischer wird die kommenden Konzerte der Berliner Philharmoniker nicht dirigieren. Darauf habe man sich »im gegenseitigen Einvernehmen« verständigt, hieß es. Grund seien unterschiedliche Vorstellungen über die Orchesteraufstellung bei Gustav Mahlers 5. Symphonie. Das ist bemerkenswert: Fischer ist bekannt für sein (durchaus erfolgreiches) Experimentieren mit Aufstellungen. Dass das im Vorfeld nicht geklärt wurde – ein Versäumnis. Noch spannender ist, dass der Dirigent nicht eingelenkt und auf einen Job bei den Berlinern verzichtet hat. Das zeigt: Institutionen sind heute vielleicht nicht mehr so wichtig, wie sie einst waren. Das Konzept, die Idee und die eigene künstlerische Überzeugung wiegen mehr als der bloße Job. Pointe der Geschichte: Streaming-Anbieter Stage+ stellt Fischers Aufnahme der 5. kostenlos ins Netz, und die Berliner laden als Ersatz Andrés Orozco-Estrada ein. Na denn.   

Die 5 der Woche – Dauerton und Auferstehung

Auch diese Woche präsentiert BackstageClassical wieder die 5 wichtigsten Aufnahmen: Missy Mazzoli macht aus Verschwörung und Sehnsucht Musiktheater, Fanny Hensel bekommt endlich den großen editorischen Rahmen, das Fagott tritt aus dem Orchesterhintergrund und Martin Helmchen reist weiter durch Schuberts melancholisch-freudige Kontrastwelten. Besonders spannend aber: Paavo Järvi macht Simon Rattle und dem BRSO vor, wie Mahlers Auferstehungssymphonie auch klingen kann: sowohl brutal als auch sehnsuchtsvoll. Alle Aufnahmen auch zum Reinhören hier.  

In eigener Sache

Es war ein Experiment – und, man kann sagen: So viele positive Reaktionen hatten wir nicht erwartet! Unsere erste Klassik-Late-Night mit Stand-up, Maximilian Haberstock und Alois Mühlbacher hat ihr Publikum gefunden: Bislang rund 10.000 Zuschauerinnen und Zuschauer – und unglaublich viele persönliche Kommentare! Das Format ist aus der Idee geboren, nicht länger zu lamentieren, sondern den Spaß an der Musik, den Streit über Ästhetik und die Debatte um Kunst zu feiern. Und, ja: Es geht weiter. Am 23.11. wird die nächste Folge gemeinsam mit No-te bei Steinway in Wien aufgenommen! Ich freue mich sehr darauf. 

Sokhiev zwischen Neujahr und Tokio

Er ist der Dirigent der Woche: Tugan Sokhiev wird Musikdirektor des NHK Sinfonieorchesters – das war absehbar. Wenige Überraschungen bietet auch das Programm seines Neujahrskonzertes mit den Wiener Philharmonikern. Es wird mit dem »Vaterländischen Marsch« von Johann und Josef Strauss eröffnet, der 1859 während des Krieges Österreichs gegen Sardinien-Piemont und Frankreich entstand. Am Ende steht Johann Strauss’ Polka »Éljen a Magyar!« (»Es lebe der Ungar!«), die 1869 im Umfeld des erstarkten ungarischen Nationalbewusstseins entstand. Auch die Öffnung für Frauen bleibt zaghaft. Mit Cécile Chaminades »Air de Ballet« steht erstmals ein Werk dieser Komponistin auf dem Programm. Die Wiener Chormädchen dürfen bei zwei Polkas mitsingen. Gemessen an der langen Geschichte des Neujahrskonzerts sind das wieder nur sehr kleine Schritte.

Personalien der Woche

Die US-Amerikanerin Rebekah Rota wird ab der Spielzeit 2028/29 neue Intendantin und künstlerische Werkleiterin des Theaters Erfurt. Die 53-Jährige ist derzeit Opernintendantin in Wuppertal und soll das Erfurter Haus zunächst für fünf Spielzeiten leiten. Ihr zur Seite steht als kaufmännischer Werkleiter der ehemalige Geschäftsführer der Bayreuther Festspiele, Ulrich Jagels. Für den wiederum ist in Bayreuth noch immer kein Nachfolger gefunden. Angeblich steht der favorisierte Matthias Rädel nicht mehr zur Verfügung. Die Suche beginnt also von vorn. +++ Der Rechnungshof kritisiert die Planung des Salzburger Festspielumbaus: Statt ursprünglich 335 Millionen Euro könnte das Projekt bis zu 636 Millionen kosten. Bemängelt werden fehlende Kostentransparenz, unterschätzte Risiken und Finanzierungslücken. Im Zentrum der Kritik steht der kaufmännische Direktor Lukas Crepaz, der das Projekt seit Jahren verantwortet. Sein Vertrag läuft im März 2027 aus, seine Zukunft ist ungewiss. Die Festspiele weisen den Vorwurf einer Kostenexplosion zurück.

Gedenken an Giuseppe Sinopoli

Heute vor 80 Jahren wurde Giuseppe Sinopoli geboren. 2001 starb der Dirigent während einer Aufführung von Verdis »Aida«. Damals hatte er für die Aufführung einen Text über Streit, Freundschaft, Versöhnung und Vergänglichkeit geschrieben – für seinen erst kurz vorher verstorbenen Freund Götz Friedrich. »Du und diese Stadt«, heißt es da am Ende im Programmheft mit den Worten Sophokles‘, »das Schicksal sei Euch gnädig, und im Wohlergehen erinnert Euch immer mit Freude an mich, wenn ich tot sein werde.« Sinopoli konnte nicht ahnen, dass dieses Dirigat sein letztes sein würde. Eine Erinnerung an den großen Dirigenten lesen Sie hier. 

Und wo bleibt das Positive, Herr Brüggemann? 

Der Siegfried an der Bayerischen Staatsoper (Foto: Rittershaus)

Ja, wo zum Teufel bleibt es nur? Vielleicht ja hier! Ich war diese Woche in München bei Tobias Kratzers Inszenierung von »Siegfried« (hier meine Kritik). Mich hat das zu folgender Überlegung gebracht: Es scheint eine neue musikalische Vielfalt und eine neue Qualität in der Klassik zu geben. Selten waren die Zeiten so spannend wie heute! Das Debüt von Tenor Benjamin Bruns war großartig, so wie die gesamte Sängerriege – und auch das Dirigat von Vladimir Jurowski. Die Generation Jonas Kaufmann hat sich mit gutem Singen begnügt, heute haben wir Benjamin Bernheim oder Benjamin Bruns – beide echte Sonderklasse in ihren Fächern. Und auch die musikalische Bandbreite von Christian Thielemanns Bauch-Wagner über Kirill Petrenkos Kopf-Wagner bis zu Jurowskis Drama-Wagner und Pablo Heras-Casados Farben-Wagner – selten war so viel so große Klasse am Start wie dieser Tage! Selten so viel Vielfalt! Abgesehen von allen Struktur-Debatten: Wir erleben derzeit ziemlich oft, was für eine große Kunst die Musik ist!

In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif!

Ihr

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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