Von Kulturverflachungen und anderen Seichtigkeiten  

Oktober 12, 2026
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Louis Philippson (Foto: ARD)

Willkommen in der neuen Klassik-Woche,

man könnte sagen: Wer (über Klassik) schreibt, der bleibt – auf der Strecke. In diesem Newsletter schauen wir uns die Situation des Musikjournalismus aus verschiedenen Perspektiven an. Und konstatieren: Was auch immer passiert: Wir werden bleiben!   

Verflacht nun auch der Deutschlandfunk? 

Wird das Kulturradio zum Softfunk? (Bild: KI)

Der Deutschlandfunk plant eine Programmreform: Um Strukturen zu verschlanken, sagt Kulturchefin Christiane Florin – die Qualität soll beibehalten werden, wenn »Corso Kultur« und »Kultur Heute« in »Kultur Aktuell« verschmelzen. BackstageClassical liegt das »Stylebook« der neuen Sendung vor. Und das verheißt nichts Gutes: Man will dem Publikum auch im Deutschlandfunk wieder erklären, ob man im Konzert klatschen darf und bei der Themenauswahl auf Inhalte verzichten, die nur eine Nische ansprechen. Im Zentrum soll ein »breites öffentliches Interesse (Reichweite/Viralität)« stehen. Konkret heißt es, die Redaktion solle sich fragen: »Für wen ist die Nachricht eine Nachricht? Nur für uns oder eine bestimmte Branche? Das reicht nicht!« Aber liegt nicht gerade auch hier der Auftrag für einen öffentlich-rechtlichen Sender? Darin, Nischen abzubilden, deren Themen im freien Journalismus oft unwirtschaftlich sind? Geht die TikTokisierung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks also weiter?  Die ARD setzt schon lange auf Konrad, BR Klassik postet sehr gerne Klassik-Witze, und das ZDF bucht inzwischen selbst Opera Bert, um uns nach Neuschwanstein zu locken oder den OPUS Klassik endgültig zu bagatellisieren. Hier lesen Sie unseren Blick hinter die Kulissen der allgemeinen Kultur-Verflachung. 

Es beginnt in der journalistischen Ausbildung

Das Problem des Musikjournalismus beginnt wahrscheinlich schon früher. Redaktionen schrumpfen, Magazine verschwinden – vom Schreiben allein kann kaum jemand leben. Doch ausgerechnet die Hochschulen reagieren kaum darauf. Sie modernisieren die Technik, aber nicht den Journalismus an sich. Nirgends ist das so deutlich wie am Seminar für Kulturjournalismus in München. Hochschulpräsidentin Lydia Grün hat gegenüber BackstageClassical einmal gesagt, sie wolle nicht für den Markt von heute ausbilden, sondern den Markt von morgen vordenken. Im Studiengang Kulturjournalismus an ihrer Hochschule, der von Dorte Lena Eilers geleitet wird, scheint man allerdings noch immer am liebsten im Gestern zu leben: Eine technisch hinkende Seite, auf der in erster Linie Musikkritik aufeinandergestapelt wird. Klassischer Kulturjournalismus, Recherche, Hintergründe, Nachhaken – Fehlanzeige. Musik wird hier stoisch als ästhetische Kunst begriffen, nicht als millionenschwerer Raum, in dem es auch um Macht, Geld und Miteinander geht. Bei derartigen Ausbildungsplänen müssen wir uns ernsthaft um den Kulturjournalismus von morgen sorgen – hier unser Hintergrundbericht dazu. 

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Personalien der Woche I

Das kann nur Österreich: die Salzburger Nachrichten feiern das Antrittskonzert von Christian Thielemann als Professor am Mozarteum mit sakraler Götterverehrung, wenn sie titeln: »Eine Lichtgestalt erhellt den Dom«. Nur halbherzig wurde Thielemann vor Kurzem von der Zeitung mit dem Ergebnis der BackstageClassical-Recherche konfrontiert. Damit, dass es nur Jungs in seiner Dirigierklasse gibt, und dass einige der Studierenden glauben, es handle sich bei seiner Professur um eine Art »Alibi-Professur«, um die Karriere von Thielemanns »Team-Kollegen« (so nennt ihn das Mozarteum) Martin A. Fuchsberger voranzutreiben. Hey, Salzburger Nachrichten, werdet doch mal etwas mutiger. Die Dirigentinnen von morgen werden es Euch danken, bevor Ihr sie dann wahrscheinlich auch wieder unkritisch zu Göttinnen stilisiert! +++ Die armenische Sopranistin Arpi Sinanyan und der chinesische Bariton Jiazhou Wang sind die Gewinner des diesjährigen NEUE STIMMEN Gesangswettbewerb. Den Publikumspreis erhielt der mexikanische Tenor Rafael Rojas, der zudem auch den dritten Platz im diesjährigen Finale der besten acht Solisten erreichte. Bleibt eine Frage: Sinanyan war bereits unsere heimliche Favoritin beim eher merkwürdigen »Belvedere Wettbewerb« (hier unsere Reportage), hat auch beim Éva Marton-Gesangswettbewerb mitgemacht und tritt wohl auch bei Operalia an – aber wann, verdammt, beginnt denn ihre Karriere endlich? Oder ist sie lieber eine Wettbewerbs-Stimme?  

Was bedeutet der Sparkurs in Sachsen? 

Wir listen auf, was der geplante Doppelhaushalt für die Häuser in Sachsen bedeutet. Rund 1.000 Kulturschaffende demonstrierten vor der Semperoper unter dem Motto »Kultur braucht Zukunft – Sachsen braucht Kultur«. Die institutionelle Förderung kommunaler Theater und Orchester soll 2027 6,3 Prozent und 2028 um 10,1 Prozent sinken. Hier schreiben wir, was das für die Häuser in Leipzig, Dresden, Plauen, Görlitz und Chemnitz bedeutet. Außerdem wird Christoph Dittrich, Intendant in Chemnitz, am Mittwoch im BackstageClassical-Podcast über die Situation seines Hauses sprechen. 

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Ziehen die Berliner nach Tempelhof? 

Für die jahrelange Sanierung der Berliner Philharmonie zeichnet sich der ehemalige Flughafen Tempelhof zunehmend als Ausweichquartier ab. Für die Sanierung der Philharmonie und das Interim stehen insgesamt rund 1,15 Milliarden Euro im Raum. Offen bleibt die Finanzierung. Im Investitionshaushalt des Landes Berlin sind bislang 350 Millionen Euro vorgesehen. Der Bund hat im neuen Hauptstadtfinanzierungsvertrag eine Beteiligung von bis zu 225 Millionen Euro zugesagt. Voraussetzung ist ein von Bund und Land unterstütztes Sanierungskonzept. Damit stehen bislang Finanzierungsbausteine von bis zu 575 Millionen Euro einer derzeit kalkulierten Gesamtsumme von rund 1,15 Milliarden Euro gegenüber.

BRSO behält sein Maskottchen

Simon Rattle verlängert seinen Vertrag beim BRSO – und alle scheinen glücklich. Schade, dass das Orchester mit ihm eher ein sympathisches Maskottchen verpflichtet hat als einen Dirigenten, der das Orchester ernsthaft voranbringt. Vielleicht haben die Münchner es sich in den letzten Jahren mit ihm auch ein bisschen zu gemütlich eingerichtet – der alte Mariss–Jansons-Zauber ist auf jeden Fall verflogen. Und die Berliner Philharmoniker können ein Lied davon singen, wie lange es dauert, bis man sich vom eigenen Müßiggang erholt. Hier mein Brief nach München.

Empfehlungen der Woche

Auch diese Woche stellen wir wieder fünf Aufnahmen vor, von denen vier wirklich empfehlenswert sind: Alain Altinoglus wuchtiger Schostakowitsch mit Tiefenschärfe, eine fast vergessene Revolutionsoper von Michele Carafa und ein spannendes Barock-Album zwischen Himmel und Hölle: Hier unsere Top 5 (mit Spotify-Links).  Außerdem war Anne Proft für uns in Hannover und hat sich begeistert »Il Viaggio, Dante« von Pascal Dusapin in der Regie von Claus Guth angesehen: »Diese Hölle endet nicht mit Dantes Reise: Sie bleibt dort gegenwärtig, wo Erinnerung sich nicht mehr von der Gegenwart trennen lässt.« Hier die ganze Kritik.

Personalien der Woche II

Unsere Recherche über Vorsingen, bei denen die Bewerberinnen und Bewerber einen Großteil der Kosten tragen, schlägt weiterhin Wellen. Nachdem verschiedene Castingdirektorinnen und -direktoren beim Vienna Opera Lab abgesagt haben, erklärte die Hamburgische Staatsoper gegenüber BackstageClassical, dass sie in Zukunft nicht mehr an den NYIOP-Auditions teilnehmen wird – ebenfalls ein Vorsingen, bei dem die jungen Sängerinnen und Sänger zur Kasse gebeten werden. Vielleicht ist es grundsätzlich Zeit, darüber nachzudenken, ob es nicht bessere Alternativen zu dieser Art von Vorsingen gibt. Etwa Veranstaltungen, die von den Häusern selbst organisiert und finanziert werden. Die Bereitschaft dazu scheint zu wachsen. +++ Es gibt weiterhin erhebliche Probleme mit der Bühnentechnik an der Kölner Oper. Die Schwierigkeiten sind offenbar gravierender als bislang bekannt. Die für den 28. November geplante Premiere von Jacques Offenbachs »Hoffmanns Erzählungen« kann deshalb nicht in der ursprünglich vorgesehenen Inszenierung von Stefan Herheim gezeigt werden. 

Und wo bleibt das Positive, Herr Brüggemann?

 

Ab 20. Oktober – unsere Klassik-Late-Night

Ja, wo zum Teufel bleibt es denn? Vielleicht ja hier! Am 20. Oktober lädt BackstageClassical gemeinsam mit der Agentur NO-TE zur ersten Klassik-Late-Night: einer Show, die sich an amerikanischen Late-Night-Talks orientiert. In einem Stand-up wird die aktuelle Klassik-Szene aufs Korn genommen, zwei Gäste plaudern über ihr Leben in der Klassikwelt – und natürlich wird auch gemeinsam musiziert. Die Sendung, die wir bei Steinway in Wien aufnehmen, wird anschließend natürlich auch auf BackstageClassical gestreamt. Für die erste Live-Aufnahme am 20. Oktober in Wien verlosen wir zwei Karten – einfach per PN auf unserem Instagram-Profil bewerben.      

In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif.

Ihr

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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