Der Musikjournalismus steckt in der Krise: Redaktionen schrumpfen, Magazine verschwinden, vom Schreiben allein kann kaum jemand leben. Doch ausgerechnet die Hochschulen reagieren darauf kaum. Sie modernisieren die Technik, aber nicht den Journalismus.
Der Musikjournalismus steckt in der Krise. In überregionalen Feuilletons werden die Räume kleiner, im öffentlich-rechtlichen Radio verschwinden Kulturstrecken und Redaktionen, Klassik-Magazine werden eingestellt. Wer heute als junger Mensch beschließt, Musikjournalistin oder Musikjournalist zu werden, entscheidet sich für einen Beruf, von dem immer schwerer zu leben ist.
Vielerorts ist die Musikkritik längst zum Hobby geworden. Pensionierte Lehrer, ehemalige Musikerinnen und leidenschaftliche Opernbesucher schreiben für kleine Portale – oft für wenig Geld oder ganz ohne Honorar. Das ist ehrenwert. Als Berufsperspektive für eine neue Generation ist das aber wenig attraktiv.
Das Problem beginnt an den Hochschulen. Hier wird die Disziplin seit Jahren stiefmütterlich gepflegt und nicht weitergedacht. Dabei liegt das Material auf der Straße: Opernhäuser und Orchester sind keine ästhetischen Inseln. Sie sind Orte des gesellschaftlichen Lebens, um deren Existenz gerade massiv gerungen wird. Es geht um Macht und Moral, Arbeitsbedingungen, Politik und öffentliches Geld. Intendantinnen und Intendanten verwalten Millionenbudgets. Opernhäuser werden für Milliarden saniert. Festivals verteilen öffentliche Gelder. Agenturen entscheiden über Karrieren. Plattenfirmen bauen Strukturen ab.
Im Wirtschaftsjournalismus wäre all das selbstverständlich Gegenstand von Recherche. Im Sportjournalismus auch. Im Musikjournalismus erstaunlich selten.
Hier dominiert noch immer die Kritik. Wie war der neue »Ring«? Wie spielte das Orchester? Wie sang die Sopranistin? Was wollte uns die Regie sagen? Wichtige Fragen. Aber nur ein Bruchteil dessen, was Kulturjournalismus sein kann.
Die Form wird modern, der Journalismus nicht
Ein neuer Musikjournalismus müsste den Kulturbetrieb so ernst nehmen, wie Wirtschaftsjournalisten Unternehmen und Sportjournalisten Vereine und Verbände: als ein System aus Geld, Macht, Interessen, Abhängigkeiten und Konflikten. Dafür braucht es Recherche, Quellenarbeit und Reportage. Journalistinnen und Journalisten müssen Haushaltspläne und Geschäftsberichte lesen, Informantinnen und Informanten aufbauen und Geschichten erzählen können, die ein Intendant, eine Agentur oder ein Festival lieber nicht erzählt haben möchte. An unseren Hochschulen wird davon so gut wie gar nichts gelehrt.
Natürlich haben einige Hochschulen bemerkt, dass es inzwischen Podcasts, Videos, Instagram und TikTok gibt. In den Lehrplänen stehen deshalb Buzzwords wie »Crossmedia«, »Audio-Video«, »Social Media«, »KI« oder »Journalismus 4.0«. Aber ein Podcast ist noch keine Recherche, »Journalismus 4.0« bleibt undefiniert.

Besonders gut lässt sich die Krise ausgerechnet an einer der größten Kunsthochschulen des Landes verfolgen: in München. Der Master Kulturjournalismus an der Hochschule für Musik und Theater wird von Dorte Lena Eilers geleitet. Sie hat Musik, Biologie und Politik studiert, bei der »Neuen Osnabrücker Zeitung« volontiert und arbeitete anschließend 14 Jahre für »Theater der Zeit«, zuletzt als Chefredakteurin.
Eine klassische journalistische Karriere. Aber eben auch eine, die weitgehend aus jener Medienwelt stammt, deren Bedeutung gerade schwindet. Erfahrung in großen Tageszeitungen, im öffentlich-rechtlichen Rundfunk oder beim Aufbau neuer digitaler Medien findet sich in dieser Biografie kaum.
Viel Zukunft auf dem Papier
Dabei wimmelt es auf der offiziellen Seite des Münchner Studiengangs geradezu vor Zukunft: Der Master reagiere »umfassend auf den Wandel in den Medien«, heißt es. Er verbinde »Kunstanalyse, journalistisches Handwerk und Medieninnovation«. Im Lehrplan stehen »Journalismus 4.0«, »crossmediales Medienhaus«, Text, Audio, Audio-Video, eine eigene digitale Plattform und ein Gründer-Lab.
Viele Worte. Und in der Praxis? Unter den zwölf Modulen findet sich kein eigenes Recherche-Lab, keine investigative Werkstatt, kein Schwerpunkt Reportage. Quellenarbeit, Datenjournalismus oder investigative Methoden werden in der offiziellen Beschreibung nicht ausdrücklich genannt. Dafür gibt es gleich zwei »Kritiker*innen-Labs«. Hat München den Schuss verpasst?
Noch ernüchternder ist ein Blick auf die Plattform des Studiengangs. Auf kulturjournalismus-muenchen.de veröffentlichen die Studierenden ihre Arbeiten. Schon technisch beginnt es holprig. Podcasts der Reihe »Kontur« lassen sich nicht zuverlässig abspielen. Das Layout wirkt eher wie eine Ablage als wie ein journalistisches Medium. Vor allem fehlt etwas, das jede Redaktion täglich leisten muss: Gewichtung. Was ist wichtig? Was ist neu? Was ist exklusiv? Warum sollte ich gerade diese Geschichte lesen?
Inhaltlich fällt die große Zahl an Kritiken auf. Konzerte, Theater, Ausstellungen, Bücher: anschauen, anhören, beurteilen. Das klassische Handwerk des Kulturjournalismus ist präsent. Jenes Handwerk, das in Radioanstalten und Zeitungen gerade massiv abgebaut wird.
Schwerer zu finden ist originäre Recherche. Geschichten also, die etwas herausfinden, das vorher nicht bekannt war. Eine investigative Handschrift ist kaum erkennbar. Auch große Interviews oder Porträts mit prägenden Persönlichkeiten des aktuellen Kulturbetriebs spielen keine auffällige Rolle. Vieles bewegt sich am Rand.
28 Bewerbungen – und kein Problem
Kein Wunder, dass die Nachfrage – nun ja – spärlich ist. Für das Studienjahr 2026/27 gab es 28 Bewerbungen. Acht Studierende wurden aufgenommen. Insgesamt werden 22 Studierende in den verschiedenen Jahrgängen eingeschrieben sein. Auf die Frage von BackstageClassical, ob man merke, dass der Studiengang schlecht nachgefragt sei, antwortet die Hochschule knapp: »Nein.«

Hochschulpräsidentin Lydia Grün hat im Gespräch mit BackstageClassical einmal erklärt, sie wolle Musikerinnen und Musiker nicht für den Klassikmarkt von heute ausbilden. Hochschule müsse Menschen befähigen, den Klassikmarkt von morgen zu prägen. Für den Journalismus scheint ihre Hochschule diesen Anspruch bislang weniger radikal zu verfolgen: Hier wird eher für einen Markt von gestern ausgebildet.
Berlin schafft den Studiengang ab
Aber das Problem ist größer als München. An der Universität der Künste in Berlin gab es einen Master Kulturjournalismus, der eng mit journalistischer Praxis verbunden war. Studierende produzierten unter anderem Hörstücke für das rbb Kulturradio und Magazinsendungen für Deutschlandfunk Kultur. Eine prägende Figur war Bascha Mika. Die ehemalige »taz«-Chefredakteurin lehrte seit 2003 an der UdK, ab 2007 als Honorarprofessorin, und leitete den Studiengang von 2007 bis 2014.
Dann begann der Rückbau. Seit dem Wintersemester 2020/21 wurden keine neuen Studierenden mehr aufgenommen. 2022 wurde die Aufhebung formal beschlossen, inzwischen ist der Studiengang geschlossen.
Dortmund nach Noltze
Und dann ist da Dortmund. Über Jahre war der Studiengang eng mit Holger Noltze verbunden. Er stand für einen Musikjournalismus, der Musik nicht nur als Gegenstand ästhetischer Betrachtung, sondern als Teil öffentlicher Debatten verstand.

Noltze ist gegangen. Geblieben ist unter anderem »Terzwerk«, die Plattform der Studierenden. Die TU wirbt mit Radio, Podcast, TV, Print, Online und Social Media. Studierende können Angebote des Instituts für Journalistik und der Landesanstalt für Medien NRW nutzen. Auch hier ist die Technik also angekommen. Die entscheidende Frage bleibt dieselbe wie in München: Was wird mit ihr journalistisch gemacht?
Etwas herausfinden
Musikjournalismus muss sich wieder stärker als Journalismus über eine Branche verstehen. So wie Wirtschaftsjournalismus nicht nur Produkte bewertet und Sportjournalismus nicht nur Spiele rezensiert. Opernhäuser, Orchester, Festivals und Plattenfirmen sind Teil unserer Gesellschaft. Sie handeln mit Macht und Geld, beschäftigen Tausende Menschen und leben zu großen Teilen von öffentlichen Subventionen. Sie verdienen denselben kritischen Blick wie Unternehmen, Parteien oder Sportverbände.
Hier liegt die Zukunft des Musikjournalismus. Nicht darin, eine Kritik zusätzlich als Podcast auszuspielen. Sondern darin, wieder etwas herausfinden zu wollen.

