Kulturprogramme verschwinden, Sender kooperieren, Redaktionen werden kleiner. Nun verändert auch die letzte Bastion des Kulturauftrags ihren Kurs. Ein internes »Stylebook« des Deutschlandfunks zeigt, wohin die Reise geht: breiter, zugänglicher, gesellschaftlicher. Was als Öffnung gedacht ist, könnte zu einer massiven Verflachung führen – und zum Verlust von Expertise und Vielfalt.
Für Kulturjournalistinnen und Kulturjournalisten werden die Räume im öffentlich-rechtlichen Radio immer kleiner: Programme werden eingestellt, Sendungen verschwinden, unterschiedliche Sender teilen sich die gleichen Inhalte. Besonders deutlich zeigt sich das in der klassischen Musik. Im Sender-Jargon hört sich das dann so an: »Kooperation«, »Synergie«, »Digitalisierung« oder »Öffnung«.
Auf den Fluren vieler Redaktionen spaziert derweil längst der Frust mit. Redakteurinnen und Redakteure reden von »weniger Sendeplätzen«, freie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von »weniger Aufträgen« – es droht das Verstummen der vielfältigen Stimmen.
Viele sind beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk angetreten, um in einem Medium zu arbeiten, das als letzte Bastion der kulturellen Tiefe galt. Während Zeitungen den Kulturbegriff in ihren Feuilletons aufgeweicht haben, sendeten Anstalten wie der Deutschlandfunk unbeirrt weiter – und hielten die Fahne des Kulturauftrags hoch. Sendungen wie »Kultur heute« oder »Fazit« rechtfertigen für viele Hörerinnen und Hörer die Rundfunkgebühren. Hier findet etwas statt, das sich im privat finanzierten Journalismus nur schwer rechnet.
Hier wird in der Nische nach brisanten (Kultur)Geschichten recherchiert, hier wird um kluge Rezensionen gerungen und immer wieder niveauvoll über Kultur und Ästhetik gestritten. Doch dieser Standard scheint derzeit in Gefahr. Viele Radiomacher werden in ihrem Alltag immer öfter mit dem Anspruch ihrer Senderleitungen nach Öffnung konfrontiert. Und das bedeutet in der Regel, dass der ausgeruhte Journalismus schneller, breiter und flacher werden soll. Auf vielen Fluren regiert das Motto »Angst essen Seele auf«.
Interne Papiere: Museen und Memes
Wie sehr sich das Selbstverständnis des Kulturjournalismus derzeit verändert, zeigen interne Konzeptpapiere des Deutschlandfunks, die BackstageClassical vorliegen. Ein »Stylebook« für die neue Sendung »Kultur Aktuell« definiert als Zielgruppe ein Publikum, das zwar an Kultur interessiert, aber ausdrücklich »kein Fachpublikum« sei.
Bei MDR Klassik ist der Kahlschlag bereits Realität. Die eigenständige Radiowelle verschwindet, BR-Klassik hat die Frequenz übernommen. Inhalte des MDR sollen zwar erhalten und teilweise von anderen Programmen übernommen werden. Die Rechnung bleibt dennoch einfach: Wo bisher zwei eigenständige Klassikwellen Programme machten, gibt es künftig nur noch eine. Mit der Quantität der Kulturberichterstattung verschwindet auch die kulturelle Qualität in der Breite aus den Sendern – und die Vielfalt der Perspektiven.
In den internen Papieren lautet das Motto: »Kultur befragen. Gegenwart begreifen«. Der Kulturbegriff wird bewusst weit gefasst: »Von Buch bis Bühne, von Architektur bis Alltag, von Museen bis Memes, von Kulturpolitik bis Kino.« Dahinter steht die Hoffnung, dass Kulturjournalismus keine geschlossene Insel für Eingeweihte sein soll, sondern ein Paradies für jedermann. Doch eine derartige Öffnung hat auch eine Kehrseite: die Gefahr der Verflachung.
Gerade der Deutschlandfunk stand lange für eine ziemlich ideale Umsetzung des öffentlich-rechtlichen Kulturauftrags: Kultur wurde hier nicht immer wieder von Anfang an erklärt. Man ging davon aus, dass das Publikum a-Moll von C-Dur unterscheiden kann, um Wagners Antisemitismus und Gergievs Putintreue weiß. Der Kulturauftrag wurde auch als Nische begriffen, in der in die Tiefe geschürft werden konnte – gerade weil ein Grundwissen vorausgesetzt wurde!
Heute fordert der Sender in seinem »Stylebook« Rubriken wie: »Endlich mal erklärt: Weshalb darf ich im klassischen Konzert nicht klatschen? Was ist ein Tremolo? Wieso hängen Bilder im Museum, wie sie hängen?« Wird aus Deutschlandradio Klassikradio?
Die Opera-Bertisierung der Kultur
Wohin die Sehnsucht der öffentlich-rechtlichen Sender nach einer Erweiterung des Kulturbegriffs und einer Profanisierung des Programms führen kann, ist in anderen Teilen bereits zu beobachten. Etwa bei den digitalen Angeboten von ARD Klassik. Dort übernimmt der öffentlich-rechtliche Rundfunk zunehmend die Sprache der Influencer: kurze Clips, schnelle Pointen, Personality, Emotion und möglichst niedrige Zugangsschwellen.
Kurz gesagt: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk öffnet der »Opera-Bertisierung« des Kulturjournalismus seine Türen! Influencer wie er werden schon jetzt zu Sendungen wie den Konzerten in Neuschwanstein geholt, und was der ARD-eigene »Influencer« Konrad auf dem Insta-Kanal des Senders betreibt, ist ein ebenso kritikloses Geplapper – nur weniger glaubhaft als Opera Bert. Wahrscheinlich, weil Konrad sich gleichzeitig auch noch irgendwie als »Journalist« versteht.

Die ARD übernimmt inzwischen sogar das Marketing für mittelmäßige, aber massenkompatible Netz-Pianisten wie Louis Philippson. Plötzlich ist nicht mehr die musikalische Qualität entscheidend, sondern die kommunikative Fähigkeit. Virtuosität bedeutet neuerdings, Musik massentauglich und algorithmusgerecht zu erzählen.
Die VerTikTokisierung der ARD
Aber wohin führt die VerTikTokisierung der ARD? Wird das Klassik-Publikum so wirklich erweitert? Wohl kaum. Der Weg von einem Louis-Philippson-Konzert führt selten zu einem Aimard-Abend mit Schönberg-Miniaturen, sondern eher zur Candlelight-Klassik oder zu großen Filmmusikabenden. Und plötzlich ist der Schritt zu Helene Fischer kürzer als der in die Dortmunder Oper.
Die Programmmacher wollen derweil die Sprache der sozialen Medien übernehmen und so automatisch deren junges Publikum. Doch der Denkfehler liegt darin, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk ausgerechnet jene Medien kopiert, gegen die er im Wettbewerb um Aufmerksamkeit kaum gewinnen kann. Die Kopie ist immer schlechter als das Original. Es fehlt den meisten Sendern einfach an Netz-Credibility. Die Gefahr der Anbiederung ist groß. Vor allen Dingen aber verliert der öffentlich-rechtliche Rundfunk so seinen Markenkern: Zeit, Tiefe und Expertise.
Reichweite und Viralität
Die neue Logik der Sendeleitung schimmert nun auch beim Deutschlandfunk durch. Neben Aktualität, Originalität und Erklärungsbedarf nennt das Deutschlandfunk-Stylebook ausdrücklich »breites öffentliches Interesse (Reichweite/Viralität)«, Debattenwert und bundesweite Relevanz.
Noch deutlicher wird der neue Anspruch bei den Kulturmeldungen. Die Redaktion soll sich fragen: »Für wen ist die Nachricht eine Nachricht? Nur für uns oder eine bestimmte Branche? Das reicht nicht!«
Genau hier verändert sich der Kulturjournalismus. Denn sein Wert bestand bislang auch darin, dass Fachredaktionen Dinge für wichtig halten konnten, die außerhalb ihrer Kunst zunächst kaum jemanden interessierten. Eine Personalentscheidung an einem Opernhaus, eine ästhetische Entwicklung im Musiktheater oder eine Uraufführung müssen weder viral sein noch eine gesellschaftliche Debatte auslösen, um kulturell relevant zu sein.
Die Beispielplanungen, die den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gezeigt wurden, belegen diese Verschiebung. Da geht es um Fast Fashion, TikTok, Taylor Swift, Fußball und das »Wir-Gefühl«, Ernährungs-Influencer oder Triggerwarnungen. Das sind legitime Themen. Aber je mehr Raum ein derart weit gefasster Kulturbegriff beansprucht, desto weniger bleibt für Literatur, Theater, bildende Kunst – und klassische Musik.
Gespart wird an Spezialisierung
Klar, Verflachung bedeutet nicht zwangsläufig schlechten Journalismus. Viel schlimmer ist, dass sie strukturell verankert wird: Wenn weniger spezialisierte Redakteurinnen und Redakteure und weniger freie Fachautorinnen und Fachautoren größere, allgemeinere Flächen bedienen, muss stärker generalisiert werden. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk spart dann nicht nur Programme. Er spart Spezialisierung.
Gerade weil das Netz immer schneller, kürzer und oberflächlicher wird, könnten Radio und Fernsehen einen Gegenraum schaffen. Nicht die Verflachung kopieren, sondern einen Trend dagegen setzen. Zugang ist nicht dasselbe wie Vereinfachung. Reichweite an sich ist noch keine Qualität. Wir bei BackstageClassical sehen durchaus, dass das alte Kerngeschäft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, ernsthafter Journalismus, offene Debatte und analytische Kritik, durchaus ein Publikum erreichen kann. Die Nische lebt. Aber sie verschiebt sich.
Über Jahrzehnte haben die Kulturwellen ein Netz spezialisierter Autorinnen und Autoren aufgebaut: für Neue Musik, Oper, Jazz, Literatur, Tanz oder regionale Kulturszenen. Wenn Programme zusammengelegt werden, entsteht deshalb nicht nur eine wirtschaftliche Synergie, sondern auch eine publizistische: Ein Beitrag ersetzt mehrere mögliche Beiträge. Eine Kritik ersetzt mehrere mögliche Kritiken. Eine Redaktion entscheidet für mehrere Programme.
Das Beispiel radio3
Indem sich das Kulturradio immer weiter der Breite öffnet, droht es sich zugleich gedanklich zu nivellieren. Und hier droht es dann zu verlieren, worauf es besonders angewiesen ist: ein kulturbürgerliches Publikum. Wenn dieses dem Sender den Rücken kehrt, weil es sich »unterfordert« fühlt, fehlt Sendern wie Deutschlandradio ihre natürliche Basis. Es ist ein Trugschluss, dass diese Säule der Hörerschaft von heute auf morgen gegen ein junges, breiter aufgestelltes Publikum ausgetauscht werden kann. Der Deutschlandfunk spielt ein gefährliches Spiel: Wenn er sein Stammpublikum weiter verärgert, steht auch seine Glaubwürdigkeit infrage.
Dass aus rbbKultur 2024 radio3 wurde, sollte den Sender ebenfalls zugänglicher machen und für neue Hörerinnen und Hörer öffnen. Klassische Musik sollte dennoch Markenkern bleiben.
Doch beim bisherigen Publikum stieß die Reform auf erhebliche Kritik. Die erhoffte Verbreiterung stellte sich zumindest zunächst nicht ein, die Tagesreichweite ging nach der Reform deutlich zurück. Ein Beweis dafür, dass Kulturprogramme eben nicht automatisch erfolgreicher werden, wenn sie weniger spezialisiert und vermeintlich niedrigschwelliger werden.
Wenn Musik »blendbar« wird
Bei der Musik wird die Verschiebung besonders deutlich. Sie soll sich in den »musikalischen Fluss des Gesamtprogramms« einfügen. Vorgesehen sei Instrumentalmusik, »die auch unter Wort eingesetzt werden kann und blendbar ist«. Frei stehen könnten 20 bis 40 Sekunden.

Die Formulierung verrät einiges über die neue Funktion der Musik. Sie ist nicht mehr selbstverständlich ein Gegenstand, dem das Radio eigenen Raum gibt, sondern zugleich Gestaltungsmittel und Material für den Sendefluss.
Aus dem Werk wird Flow. Aus Expertise wird Vermittlung. Aus einem Kulturraum wird ein möglichst niedrigschwelliger Zugang zur Gegenwart. Das kann man Öffnung nennen. In Wahrheit ist es: Verflachung.
Sparen – obwohl Geld übrig bleibt
Der Umbau findet in einer Radiolandschaft statt, in der Sparen, Zusammenlegen und Synergien längst den Alltag bestimmen. Umso bemerkenswerter ist die finanzielle Entwicklung des Deutschlandradios. Den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wurde die Reform intern vor allem mit wirtschaftlichem Druck und notwendigen Einsparungen vermittelt.
Doch 2025 schloss Deutschlandradio wesentlich besser ab als geplant: Statt des erwarteten Fehlbetrags von rund 17,5 Millionen Euro stand am Ende ein Jahresüberschuss von 17,2 Millionen Euro – eine Differenz von 34,7 Millionen Euro.
Das erklärt sich teilweise durch Sondereffekte. Zugleich lagen die Ausgaben für Fremdleistungen um 9,2 Millionen Euro und für Personal um 5,9 Millionen Euro unter Plan – auch weil weniger Stellen besetzt waren. Die Programmreform wird trotzdem fortgesetzt.
Das wirft Fragen auf: Wurde mit zu pessimistischen Zahlen geplant? Hat der Sparzwang die Reform nur beschleunigt? Oder wurden Strukturen in vorauseilendem Gehorsam verändert, obwohl sich die finanzielle Lage anders entwickelte als prognostiziert?
Der Luxus der Tiefe
Am Ende geht es bei all dem nicht nur um Sendungen und Frequenzen. Es geht um Menschen. Was passiert mit einem öffentlich-rechtlichen Kulturauftrag, wenn zwar »Kultur« erhalten bleibt, aber immer weniger Menschen dafür bezahlt werden, wirklich etwas von ihr zu verstehen?
Kulturvielfalt besteht nicht darin, dass derselbe Beitrag auf drei Sendern läuft. Sie entsteht durch unterschiedliche Redaktionen, unterschiedliche Kritikerinnen und Kritiker, unterschiedliche Urteile – und durch Menschen, die sich über Jahre Spezialwissen erarbeitet haben.
Vielleicht wäre genau das die Aufgabe eines öffentlich-rechtlichen Kulturprogramms in einer Zeit der Algorithmen: nicht auch noch schneller, einfacher und gefälliger zu werden. Sondern den Luxus der Tiefe zu verteidigen.
In einer vorherigen Version hieß es, dass die vom WDR produzierte »Tonart« auch beim Deutschlandradio läuft – dem ist nicht so. Es handelt sich um ein eigenständiges Format.

