ja, ein Sinn der Kunst ist es, unterschiedlicher Meinung zu sein: zu streiten über Ästhetiken, darüber, was das Vergangene (der Partitur) unserem Heute (den Künstlerinnen und Künstlern) zu sagen hat. Kritik ist immer auch Diskurs: über Moral, Ästhetik und Gesellschaft.
Aber die Musikkritik kennt auch unverhandelbare Konstanten: Ein falscher Ton bleibt ein falscher Ton.
Über den Kölner »Rosenkavalier« kann man sicherlich unterschiedlicher Meinung sein. Nicht aber darüber, dass das Gürzenich-Orchester unter Andrés Orozco-Estrada schlichtweg überfordert war. Allein Vorspiel und erste Szene – man kann das alles ja nachhören: Die Streicher verwackeln, die Einsätze stimmen nicht, der Rhythmus gerät außer Kontrolle, eindeutige Pianissimo-Stellen erklingen mindestens im Mezzoforte.
Klar, man kann all das relativieren: neues Haus, schwere Akustik oder Nervosität. Aber man kann diese Fehler nicht einfach ignorieren und seine Texte auf die wohlwollende Kritikerfloskel »Die Regie war zwar fürchterlich, aber das Orchester immerhin okay« herunterbrechen. »Sagen, was ist« muss – gerade in der Kritik – gelten, bevor gilt: schreiben, was man empfindet. Oder sind wir inzwischen alle Opera-Berts?
Der Beruf des Kritikers ist keine Gefühlssache. Er setzt Wissen und Kenntnis voraus, um dann, bitteschön, die Ästhetik klug zu debattieren.
Aber was ist von einem Kulturbetrieb zu halten, in dem die Moderatorin der Live-Übertragung auf 3sat die Zuschauerinnen und Zuschauer mit der Beichte empfängt, dass dies ja »ihr erster ›Rosenkavalier‹« sei, um dann gleich zu vermuten, dass es den meisten Leuten am Bildschirm sicherlich auch so gehe?
Nein, liebes 3sat: Ich befürchte, wer sich eine vierstündige Oper im Fernsehen anschaut, macht das nicht, weil er zum ersten Mal Oper guckt. Er guckt nicht, um durch Pausen-Lobhudelei verarscht zu werden, sondern um über die Kunst – und damit über unsere Welt – zu streiten!


