Der Abstieg von Sony, der Aufstieg von Empathie  

Oktober 5, 2026
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Leben mit einem Idioten am Theater Magdeburgburg (Foto: Theater Magdeburg)

Willkommen in der neuen Klassik-Woche,

heute mit dem endgültigen Ende des Regietheaters, einem dramatischen Umbau bei Sony und kritikloser Kritik. 

Empathietheater statt Regietheater

Vera-Lotte Boecker in Hamburgs Paradies und die Peri (Foto: Oper Hamburg)

Werden wir am Anfang gleich mal grundsätzlich: Unsere Gegenwart ist brutal. Wir kleben in einer Zeit der Extreme, der Polemik, der Angst und der »alternativen Fakten«. Eine Zeit, in der die Mittel des alten Theaters nicht mehr zu greifen scheinen. Wir haben viel zu lange das Regietheater debattiert und vergessen, hinzuschauen, dass unsere Bühnen längst eine neue Sprache erfinden: Die Sehnsucht nach Sanftheit wird immer lauter – nicht nur bei Tobias Kratzer oder Julien Chavaz. Das neue Theater will nicht mehr belehren und entlarven, sondern zuhören, berühren – und Menschen verbinden. Empathie ist die Grundlage dieser neuen Ästhetik – und wir finden sie nicht nur auf der Bühne, sondern auch in den Orchestern. Ich habe einmal versucht, diesen Trend einzuordnen und finde: Das Theater hat in den letzten Jahren durchaus gute Antworten auf unsere verrückte Zeit gefunden! Ich lege Ihnen diesen Text (es gibt ihn auch als Podcast) sehr ans Herz!   

Ich huste Euch was! 

Manchmal macht dieser Job wirklich Spaß! Vor einiger Zeit habe ich mich an dieser Stelle lustig über FAZ und ZEIT gemacht, die den PR-Drop der neuen Caruso-Bonbons einfach so gelutscht haben. Der Text hörte damit auf, dass Caruso bei uns gern werben könne, wir aber sicher keinen journalistischen Beipackzettel schreiben: BackstageClassical trennt Redaktion und Werbung streng voneinander. Wenig später hat Caruso-Chef Hans-Dieter Mock bei mir angerufen und eine Werbung gebucht. Das hat er sehr charmant getan: Ein musikbegeisterter Rechtsanwalt, der – aus Begeisterung – den alten Lutschbonbon aufgekauft und neu erfunden hat. Nun will Mock Caruso in Theaterfoyers und an Klassik-Leute verkaufen. Einer, der nicht gleich umfällt, wenn man ihm kritisch etwas hustet! So, liebe Leserinnen und Leser: Das war bis hierher freiwilliger Content – und jetzt kommt – ganz unabhängig davon – die (bezahlte :-)) Werbung!   

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Umbau bei Sony Classical

Erst vor kurzem haben wir an dieser Stelle über den Poker um das Plattenlabel Naxos berichtet – nun schafft Sony Fakten: Per Hauber verlässt das Unternehmen nach 15 Jahren. Seit 2019 war er President von Sony Classical. Einen Nachfolger für Hauber gibt es offenbar nicht. Seine Aufgaben werden verteilt. Damit verliert Sony Classical eine weitere prägende Führungspersönlichkeit. Bereits 2024 hatte sich Michael Brüggemann nach mehr als 31 Jahren aus dem Unternehmen zurückgezogen. Es scheint so, dass Sony das Vertrauen in einen ganzen Musikzweig verloren hat.

Sind wir denn alle Opera Bert?

Mich hat das nicht ruhen lassen: Wie viele Kolleginnen und Kollegen nach dem Kölner Rosenkavalier dann doch irgendwie wenigstens in der Musik des Gürzenich-Orchesters noch etwas Gutes finden wollten. Und vor allen Dingen: Dass die 3sat-Moderatorin ihr Publikum mit der Beichte empfangen hat, dass dies ihr erster Rosenkavalier sei – aber für uns ja sicherlich auch! Ich habe 3sat einen Brief geschrieben: Ich befürchte, wer sich eine vierstündige Oper im Fernsehen anschaut, macht das nicht, weil er zum ersten Mal Oper guckt. Er guckt nicht, um durch Pausen-Lobhudelei verarscht zu werden, sondern um über die Kunst – und damit über unsere Welt – zu streiten! Bitte, stoppt die Opera Bertisierung der Musik!!! Könnt Ihr in den öffentlich-rechtlichen Anstalten nicht wenigstens die Kunst der Tiefe aufrecht erhalten? Und, liebes ZDF, ich weiß nicht warum, aber, wenn Du auch nur auf die Idee kommst, Opera Bert zum Opus-Klassik-Bert zu machen: Dann hast Du, glaube ich, endgültig einen Großteil des eigentlichen Klassik-Publikums verloren! Dann ist das, was Du unter dem Motto Klassik verkaufst, in Wahrheit bald wirklich nur noch Schlager.

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Personalien der Woche

Bonn hat den Vertrag mit Intendant Bernhard Helmich um zwei weitere Spielzeiten verlängert. Eine nicht ganz unbrisante Personalie: Das Theater in Bonn steht zur Disposition – zumindest die Schauspielsparte. Die Frage nach Umbau oder Neubau des Opernhauses ist weiterhin offen. Mit dem Festhalten an Helmich für nur zwei Jahre hält die Politik sich alle Optionen offen. +++  Der Streik beim Cleveland Orchestra ist nach drei Tagen beendet. Die Musiker hatten ursprünglich Gehaltssteigerungen von insgesamt 25 Prozent über drei Jahre gefordert. Das bisherige garantierte Mindestjahreseinkommen lag bei 165.516 Dollar. Der nun geschlossene Vertrag sieht Gehaltserhöhungen um jeweils fünf Prozent in jedem der drei Jahre vor. Damit kann auch die bereits gefährdete Europatournee unter Franz Welser-Möst wie geplant am 2. Oktober in Hamburg beginnen. +++ Er gehörte zu den wichtigsten Bewahrern und Erforschern des musikalischen Erbes von Robert und Clara Schumann: Der Musikwissenschaftler Gerd Nauhaus ist tot. Der langjährige Direktor des Robert-Schumann-Hauses in Zwickau starb am 25. September im Alter von 84 Jahren. 

Die Alben der Woche

Auch diese Woche stellt BackstageClassical wieder die wichtigsten Aufnahmen der Woche vor (mit Streaming-Links): Empfehlungen gibt es für Christophe Roussets »Messiah« und Pierre-Laurent Aimards Schönberg-Album. Letzteres ist das Debüt des Pianisten bei Alpha. Von den drei Stücken op. 11 bis zu Schönbergs später Klaviermusik fordert uns Aimard und lässt uns staunen. Warum noch eine Aufnahme von Mahlers 2. Symphonie – diese Frage kann Simon Rattle derweil nicht schlüssig beantworten. 

Und wo bleibt das Positive, Herr Brüggemann? 

Ja, wo zum Teufel bleibt es nur? Vielleicht ja hier: Wagnerianer sprechen gern vom »Wunder von Minden«. In den letzten 24 Jahren hat das Theater mit Hilfe des Wagner-Verbands alle 10 Opern aus dem Bayreuther Kanon gestemmt. Nun wurde die Serie mit den Meistersingern beendet (Dirigent: Frank Beermann). Fulminant, wie unser Kritiker Philipp von Studnitz erlebte. Minden tritt gleich zwei Beweise an: Die Wurzel des Klassiklebens in Deutschland liegt noch immer in den Stadttheatern, und – noch viel wichtiger – die blühen erst dann auf, wenn sie auf eine begeisterte Förderin – wie hier Jutta Hering-Winckler – treffen, die Bedenken und Zweifel einfach nicht zulassen! Man würde sich mehr Intendantinnen und Intendanten mit dieser Durchsetzungskraft wünschen!

In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif!

Ihr

Axel Brüggemann 

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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Empathietheater statt Regietheater

Unsere Zeit ist brutal. Und an unseren Bühnen wird die Sehnsucht nach Sanftheit immer lauter. Ein neues Theater entsteht: Es will nicht mehr belehren und entlarven, sondern zuhören und berühren und Menschen.

Liebe Kolleginnen und Kollegen,

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