Neuer Blick auf Karajan

Juli 28, 2026
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Herbert von Karajan beim Neujahrskonzert 1987 (Foto: Wiener Phil)

Karajans Rolle im Nationalsozialismus muss historisch genau betrachtet werden, sagt Biograf Wolfgang Rathert und fordert wissenschaftliche Sachlichkeit in der Karajan-Debatte. Dabei attestiert er dem Dirigenten Skrupellosigkeit in seiner Karriere.

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In der anhaltenden Diskussion um das Erbe und die NS-Vergangenheit des Dirigenten Herbert von Karajan plädiert der Musikwissenschaftler Wolfgang Rathert im Podcast von BackstageClassical für eine radikale Entmythologisierung. In seinem neuen Buch „Macht, Ohnmacht, Vermächtnis“ unternimmt Rathert den Versuch, die oft hochemotional geführte Debatte auf eine sachliche, quellenbasierte Ebene zurückzuführen. Karajan habe, so die zentrale These, einen „mephistophelischen Pakt“ mit der politischen Macht geschlossen, um seine Karriere mit rücksichtsloser Konsequenz voranzutreiben.

Der Aufstieg im „Dritten Reich“

Rathert legt dar, dass Karajan die ideologische Funktion, die der Musik im Nationalsozialismus zugedacht war, „perfekt bedient“ habe. Entgegen Karajans eigenen späteren Darstellungen belegen historische Quellen laut Rathert eine proaktive Beteiligung an der Durchsetzung nationalsozialistischer Ziele. Besonders die Zeit als Generalmusikdirektor in Aachen (1934–1942) diente dabei als Modell für seinen späteren Aufstieg. Hier knüpfte Karajan Netzwerke, die er auch nach dem Krieg weiter nutzte, und präsentierte ein Repertoire, das zahlreiche NS-affine Komponisten umfasste, von denen er nach 1945 nichts mehr wissen wollte.

Ein entscheidender Faktor für Karajans rasanten Aufstieg war laut dem Biografen zudem die Vertreibung jüdischer Musiker und Dirigenten nach 1933. Karajan habe die dadurch entstandenen Lücken im Kulturbetrieb gezielt genutzt. Rathert merkt kritisch an, dass Karajan in dieser Zeit auch deshalb so hell habe glänzen können, weil er oft von „Mittelmaß“ umgeben war, während Größen wie Otto Klemperer ins Exil gezwungen wurden.

Inszenierung und Machtanspruch

Nach 1945 stilisierte sich Karajan zum unpolitischen Genie und behauptete, Kunst und Politik ließen sich strikt trennen – eine Position, die Rathert als „moralisch vollkommen unhaltbar“ und Ausdruck einer enormen Verdrängung bezeichnet. Karajan habe sogar die Legende gepflegt, er sei in Wahrheit ein Opfer Hitlers gewesen, was Rathert anhand der Quellen widerlegt.

Karajan wird in der Biografie als ein Meister der Selbstinszenierung beschrieben, der die Massenmedien – von Home-Storys bis zum Jetset-Image – präzise einsetzte, um das Bild eines „Dirigenten-Darstellers“ zu erschaffen. Dabei orientierte er sich an internationalen Vorbildern wie Leopold Stokowski oder Leonard Bernstein, deren mediale Strategien er als Blaupause für seine eigene globale Vermarktung nutzte. Sein Ziel sei es gewesen, durch die technische Perfektionierung und massenhafte Verbreitung von Aufnahmen eine „Demokratisierung der Musik“ vorzutäuschen, während er gleichzeitig einen absolutistischen Machtanspruch über mehrere führende Musikzentren wie Berlin, Wien und Salzburg ausübte.

Forderung nach mutiger Kontextualisierung

Trotz der harten Kritik spricht sich Rathert entschieden dagegen aus, Karajan aus dem öffentlichen Raum zu tilgen. Das Entfernen von Büsten oder Monumenten halte er für eine „falsche Entscheidung“ und einen Akt der Geschichtsverdrängung. Statt einer „Verdunklung“ der Vergangenheit fordert er eine „mutige Kontextualisierung“. Karajans Wirken und seine glatte „Legato-Ästhetik“, die jegliche Widerständigkeit in der Musik zu polieren versuchte, müssten heute als historisches Lehrstück über das Verhältnis von Ästhetik, Technik und Macht verstanden werden. Das Ziel sei nicht, die alten Schallplatten wegzuschließen, sondern sie mit einem geschärften Bewusstsein für die historischen Realitäten neu zu hören.

Herbert von Karajan
Macht – Ohnmacht – Vermächtnis
Serie: SOLO – Porträts und Profile
29,00 Euro

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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