Marien-Erscheinungen

Mai 11, 2026
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Die tote Stadt in Hannover (Foto: Stöß)

Korngolds »Die tote Stadt« an der Staatsoper Hannover wurde in einer gleichermaßen durchdachten wie originellen Neuinszenierung zu einem Triumph.

Mit ihrer Neuproduktion von Erich Wolfgang Korngolds Geniestreich Die tote Stadt – der ersten Aufführung überhaupt an der Leine – hat die Hannoveraner Staatsoper einen Coup gelandet. Die Regie von Ilaria Lanzino braucht kein morbides Brügge, sondern setzt ganz auf die Bergung der psychologischen und psychoanalytischen Finessen, die das Libretto von Vater Julius Korngold bereithält.

Dafür muss sie sich gar nicht weit vom Text und überhaupt gar nicht von der triebhaften, schillernden Musik entfernen, sondern das angelegte Tableau nur auf die Spitze treiben. Wie ja bekannt, steigert sich der Witwer Paul erst in einen Erinnerungskult – die »Kirche des Gewesenen« – für die verstorbene Ehefrau Marie und dann in eine Vision über das Erscheinen einer lebenden Doppelgängerin namens Marietta hinein. Als diese lebenslustige Schauspielerin sich mehr und mehr von erstarrten Idealbild der Toten entfernt, als sie sich über die Reliquien lustig macht, bringt er sie um.

Lanzino nun hat nur einen Hauptgedanken, um dem Geschehen eine andere Wendung zu geben: »Für mich existiert die Trennung zwischen Marie und Marietta nicht.« Wenn es denn keine zwei Personen sind, dann muss man wissen, wie die eine ums Leben gekommen ist, ein Aspekt, der in anderen Inszenierungen kaum je behandelt wurde.

Suizid in der Wanne

In Hannover hat Marie sich (vor dem Beginn der Handlung) in einer Badewanne die Adern aufgeschnitten. Durch das Tagebuch, das Paul in die Hände fällt, erfährt er – und mit ihm das faszinierte Publikum – von den Abgründen aus dem Leben der Gefährtin. Sie war Künstlerin, eine Sängerin, die an den Ansprüchen an sie scheiterte. Von Kindheit an wurde sie bedrängt, fremdgesteuert, auch in der Ehe, die ja eigentlich ein Ruhepol hätte sein müssen. Depression und schließlich der Selbstmord sind die Konsequenz. 

Die Videos von Max Schweder zeigen sie im ersten Akt noch als immer strahlendes Kind, als Jugendliche, als erwachsene Frau. Doch für den Trauer- und Erinnerungsort wurden nur die Bilder aus glücklichen Momenten ausgewählt. Nach und nach sehen wir dann das allmähliche Fortschreiten der psychischen Katastrophe einer Frau. Es gibt Streit in der Ehe, der Mann hat eine Geliebte, sie selbst greift zur Flasche, findet für eine paar Augenblicke Frieden in den Armen Franks, Pauls einzigen Freundes. Ein Kind ist auch noch da.

In der Bebilderung des Dramas spielt Wasser ein starke Rolle (nicht nur das der Badewanne): eine Moorlandschaft, die bald auf dem Kopf steht und abbrennt (!), Meereswellen. Unrettbares Versinken.

Präzise gedacht

All dies ist bis ins Detail präzise ausgedacht. Nach dem statischen ersten Akt bieten der zweite und der dritte viel zu sehen (Bühne: Martin Hickmann, Kostüme: Vanessa Rust). Die Schauspieltruppe mit Marietta bricht herein, nicht weniger als sieben Marien/Mariettas aus verschiedenen Lebensaltern bringt sie auf die Bühne. Alle tragen dieselben blonden Haare. Die hohle und porentief reine Frau der Erinnerung spaltet sich in viele Persönlichkeiten auf – und wird so von einer Heiligen zum Menschen. Ecce homo. 

Die Steigerungskurve ist steil. Die Trauerfeier (die nicht im Textbuch steht) ist mit den frommen Gesängen der Heilig-Blut-Prozession von Brügge überlagert. Wer nun gehört in den Sarg, die Heilige oder der Mensch? Die aus dem Ruder laufenden Visionen verlangen nicht mehr nach Rationalität. Nicht »Marietta« stirbt am Ende, sondern Paul in derselben Badewanne wie Marie. »Jetzt gleiche ich ihr ganz«, singt er; im Libretto heißt es »Jetzt – gleichet sie ihr ganz.« Diese Textänderung hat sich die Regie am Ende der traumähnlichen, traumatischen Offenbarung der wahren Marie erlaubt. Nach der Offenlegung der Wahrheit über Marie gelingt die Wiedereingliederung ins Leben. Alles gut?

Musikalisches Drama

Bei der Auswahl der Sänger für die beiden gleichermaßen mörderischen wie umfangreichen Hauptpartien hat das Theater eine gute Wahl getroffen. Mirko Roschkowski sang die Rolle des Paul zum ersten Mal und dies mit Bravour, durchsetzungsstark, von zerbrechlichen Höhen bis zu brutaler Härte reich an Schattierungen. Kiandra Howarth als Marie/Marietta war ihm eine ideale Partnerin. Auch sie brachte ausreichend Volumen mit, um über dem Brodeln des Orchesters bestehen zu können und bewältigte alle heiklen Stelle und die Gesamtcharakterisierung hervorragend.

Die Nebenrollen, darunter Peter Schöne als sanfter, hellsichtiger, intellektueller Frank, Anthea Barać als Haushälterin Brigitta (bei Lanzino Maries Mutter) und Max Dollinger mit der Operettenschnulze »Mein Sehnen, meine Wähnen«, desgleichen Chor, Kinderchor und Statisterie komplettierten das Opernglück, an dem natürlich auch das Orchester seinen gewichtigen Anteil hatte. Mario Hartmuth, der scheidende Erste Kapellmeister des sehr motiviert auftretenden Niedersächsischen Staatsorchesters, hielt die Klangmassen mit ruhiger Hand zusammen. Solch ein Riesenorchester über zweieinhalb Stunden fast durchgehend auf 95 Grad zu beherrschen, dazu gehört nicht wenig. Klangrauch von der feinen Sorte.

Die Premiere am 9. Mai endete in einem wahren Operntriumph, der berechtigterweise allen Beteiligten galt.

★★★★★

Johannes Mundry

Mundry studierte Germanistik und Hispanistik in Marburg, Bonn und Madrid, 1. Staatsexamen und Magister Artium in Bonn mit Arbeiten über die dramatische Kunst bei Stefan George und seinem Kreis, seit 1991 Pressereferent und Zeitschriftenredakteur im Bärenreiter-Verlag, nebenberufliche Tätigkeit als Musikkritiker und Autor verschiedener Zeitschriften.

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