Die Dirigentin Marie Jacquot sieht die klassische Musikbranche in einem tiefgreifenden Wandel und warnt davor, dass die Kunst sich dem Markt anpasst. Sie plädiert dafür, dass Musik eine größere Rolle an unseren Opernhäusern spielt.
Erst kürzlich haben wir bei BackstageClassical über den Wandel des Berufes von Dirigentinnen und Dirigenten debattiert. Nun erklärt die designierte Chefdirigentin des WDR und die musikalische Leiterin deR Oper in Kopenhagen ihren Blick auf das Geschäft, auf die Gefahr, sich zu sehr anzupassen und auf die Frage, wie man sich in einer zunehmend vielfältigen Welt positionieren kann.
Im BackstageClassical-Podcast spricht die künftige Chefdirigentin des WDR Sinfonieorchesters über strukturelle Zwänge, veränderte Prioritäten und ihren eigenen künstlerischen Anspruch.
Die Oper bleibe für Jacquot unverzichtbar, betont die Dirigentin, auch wenn sie die aktuellen Produktionsbedingungen kritisch beurteilt. »Ich liebe die Oper«, sagte sie, das Opernhaus sei ein Ort intensiver Zusammenarbeit, an dem über Wochen hinweg eine besondere künstlerische und menschliche Nähe entstehe. Gleichzeitig beobachte Jacquot aber auch eine Verschiebung der Gewichtung: Visuelle Aspekte und Regiekonzepte rückten zunehmend in den Vordergrund, während die musikalische Qualität mitunter an Bedeutung verliere. Gerade kleinere und mittlere Häuser stünden unter Druck, ihr Angebot stärker auf Unterhaltung und Publikumsbindung auszurichten.
»Wir dürfen uns nicht nivellieren«
Mit Blick auf ihre Tätigkeit als Generalmusikdirektorin in Kopenhagen stellt Jacquot infrage, wie groß der künstlerische Gestaltungsspielraum in Leitungspositionen heute noch ist. Budgetzwänge, Zielgruppenanalysen und politischer Rechtfertigungsdruck erschwerten nachhaltige künstlerische Arbeit. Der Mut zum Risiko gehe dabei häufig verloren. »Wir drohen uns derzeit aus Angst vor der Krise selber zu nivellieren«, sagt die Dirigentin und warnt vor einer Entwicklung, die langfristig zu einem Verlust an künstlerischer Vielfalt führen könnte.
Zugleich beschreibt Jacquot die Gegenwart als eine Zeit großer stilistischer Offenheit. Anders als in früheren Jahrzehnten gebe es keine dominierenden Dirigentenfiguren mehr, sondern ein Nebeneinander unterschiedlichster ästhetischer Ansätze. Diese Vielfalt begreife sie als Chance: Sie wolle bewusst ein breites Repertoire pflegen – von Barock über Romantik bis hin zur Neuen Musik. Ein Orchester verstehe sie dabei »wie ein Mensch«, auf den man jeweils individuell eingehen müsse.
Kontinuität als Schlüssel
Für ihre künftige Arbeit beim WDR Sinfonieorchester setzt Jacquot auf Kontinuität. Ihr Ziel sei eine langfristige Zusammenarbeit, die über kurzfristige Erfolge hinausgehe. Sie wolle gemeinsam mit dem Ensemble eine unverwechselbare künstlerische Handschrift entwickeln und »einen Stempel hinterlassen«.
Karriere begreift Jacquot dabei nicht als Abfolge prestigeträchtiger Stationen, sondern als offenen Prozess. Entscheidend sei die kontinuierliche Selbstbefragung: zu klären, was man wolle – und was nicht. Gerade für junge Dirigentinnen und Dirigenten bestehe die Herausforderung darin, sich in einem vielfältigen, aber unübersichtlichen Feld zu orientieren, ohne das eigene Profil zu verlieren.

