Ein Western im Westen: Das Essener Aalto-Theater hat sich an Puccinis »La fanciulla del West« gewagt – und gewonnen. Johannes Mundry hat die Premiere besucht.
Puccinis Fanciulla ist ein Waisenkind. Die Uraufführung 1910 an der Met war einer der ganz großen Triumphe der Operngeschichte. Arturo Toscanini stand am Pult, Enrico Caruso sang den Johnson/Ramerrez, die feine New Yorker Gesellschaft war aus dem Häuschen. Dem Erfolg in der Neuen Welt folgten zahlreiche Inszenierungen in Europa, doch heute ist die Oper fast eine Rarität. Woran liegt das? Vielleicht, weil niemand Nessun dorma, Lucevan le stelle oder Che gelida manina singt. Nur eine einzige echte Arie hat Puccini eingebaut und auch die nur als Hommage an Caruso. Kaum einmal – am ehesten noch im zweiten Akt in Minnies Hütte – verlangsamen sich Geschehen und Orchesterfluss.
A propos Orchester. Anton Webern schrieb an Schönberg: »Eine Partitur von durchaus ganz originellem Klang. Prachtvoll. Jeder Takt überraschend. Ganz besondere Klänge, Kein Spur von Kitsch!« Recht hat er – bis auf die Bemerkung zum Kitsch, denn den gibt es durchaus im zweiten Akt und auch beim pompösen Ende. Insgesamt erweist sich die Musik als eine Wundertüte voller Fantasie und Kolorierung. Kaum hat man bei einem Einfall Puccinis aufgehorcht, folgt ihm schon der nächste. Oft schuf er Passagen, die weitab dessen liegen, was man 1910 erwarten durfte. Nur ein Beispiel: Als Sheriff Rance und die unbemerkt falsch spielende Minnie um Johnsons Leben pokern, hat der Komponist eine derbe, rhythmische Musik daruntergelegt, die ein John Williams nicht treffender hätte schaffen können.
Fantasiemaschine Film
Die Handlung führt das Publikum nach Kalifornien in der Mitte des 19. Jahrhunderts zur Zeit des Goldrauschs. Minnie, die Fanciulla del West (Das Mädchen aus dem Goldenen Westen), betreibt dort in einem Goldgräberlager die Polka-Bar. Sie ist die einzige Frau in dem gottserbärmlichen Ort, und die Männer liegen ihr zu Füßen. Der verheiratete Sheriff Rance macht sich besondere Hoffnungen, doch die Sache nimmt eine andere Richtung. Ein Herr namens Johnson kreuzt auf, der sich als Räuberchef Ramerrez auf Raubzug entpuppt. Minnie liebt ihn, und in letzter Sekunde kann sie seine Hinrichtung verhindern. Ihrer Macht über die Goldgräber verdankt Johnson/Ramerrez sein Leben. Das Paar verlässt den unwirtlichen Ort und zieht von dannen.
Was für ein cineastisches Happy End! Das schreit nach einer Verfilmung. Und genau hier setzt die Essener Inszenierung von Dirk Schmeding an. Als Grundgedanken erkennt man unschwer eine Parallelisierung mit dem zur Entstehungszeit aufkommenden Film als Fantasiemaschine. Charlie Chaplin tritt auf, verzehrt wie in Gold Rush seine Schuhsohle, auch ein Bär macht mit, hält Schilder mit Szenentitel hoch, das typische Flimmern des frühen Films schafft Kinoatmosphäre. Zahlreiche Anspielungen auf die amerikanische Filmgeschichte folgen bis zum kitschigen Abspann. Westernästhetik nicht zu knapp wird beigemischt. All das geschieht unaufdringlich in den offenen Bühnenbildern von Ralf Käselau und mit den detailreichen Kostümen von Julia Rösler.
Lyrik der Einsamkeit
In der Einführung vor der Premiere sprach die Dramaturgin von einer Hinführung in die US-amerikanische Gegenwart. Zu erkennen war davon auf der Bühne – zum Glück – kaum etwas. Die Fanciulla braucht nun wirklich keine wie auch immer geartete »Aktualisierung«. Aus der handlungsreichen Geschichte spricht noch etwas anderes, allgemein Menschliches: Einsamkeit. Nicht nur die Wirtin Minnie, auch jeder Einzelne in der rauen Männergesellschaft auf der Suche nach Glück lebt für sich, möchte so schnell wie möglich wieder weg von dem tristen Ort. »Da, wo du nicht bist, ist das Glück!« heißt es in Schuberts Lied Der Wanderer.
Zur gelungenen, Assoziationsräume gewährenden Inszenierung trat eine musikalische Darbietung der Spitzenklasse. Unter der Leitung ihres Chefs Andrea Sanguineti fluteten die Essener Philharmoniker das Opernhaus mit einem rauschähnlichen Soundtrack. Man musste um die eigenen Ohren und die Durchsetzungskraft der Sänger fürchten. Doch das Dreiecksgespann der Hauptrollen war durchaus in der Lage, sich gegenüber dem schillernden Orchestersatz zu behaupten: Ilaria Alida Quilico als Minnie mit hochdramatischem aber auch zu zartschmelzenden Lyrismen fähigem Sopran, Jorge Puerta als nicht minder durchsetzungskräftiger, farbenreicher Johnson und Massimo Cavalletti als Sheriff Rance, der seine Rolle zwischen Liebendem und polterndem Ordnungshüter vorzüglich auszubalancieren verstand. Die vielen kleinen Männerrollen hielten das hohe Niveau, auch der Männerchor war bestens disponiert.
Rundum also pures Opernglück. Das Premierenpublikum im nicht ausverkauften Opernhaus war höchst begeistert. Man kann den Bühnen nur raten, Fanciulla, das Waisenkind häufiger zu adoptieren.

