Hört auf, Euch an Timothée Chalamet abzuarbeiten, sagt der Leiter des Podium Esslingen, Joosten Ellée. Eine Plädoyer für die Tiefe des Nerdtums und gegen die Oberfläche Hollywoods.
Ja, wir haben das Meme gesehen. Wir haben es alles gesehen. Und ja, wir haben auch gesehen, wie eure verhältnismäßig gut ausgestatteten Kommunikationsabteilungen das als Aufhänger genutzt haben um wirklich mehrheitlich cringe Selbstlob-Posts abzufeuern. Komisch nur, dass es aus einer Richtung ziemlich ruhig blieb, oder? Während ihr euch auf diese billige Provokation ebenso billig eingestiegen seid, hatte die Freie Szene nämlich damit zu tun, einfach ihrer Arbeit nachzugehen. Ein Plädoyer dafür, warum das ganz genau die richtige Haltung ist:
Ich mag Dune, aber Chalamet ist Mittelmaß
Um es kurz aus dem Weg zu räumen: Keine Ahnung, warum wir das alles überhaupt so wichtig nehmen. Es ist doch schon länger auffällig, dass Chalamet vor allen Dingen das Glück hat, bei sehr guten Filmen MITzuspielen. Schon bei Call me by your name, aber noch stärker bei Dune wird deutlich: dieser Schauspieler ist mittelmäßig at best und die Filme funktionieren trotz seines sehr limitierten schauspielerischen Repertoires. Warum lasst ihr euch also überhaupt davon so provozieren?
Der Quatsch mit dem »angeschossenen Hund«
Ein Konterargument war schon früh: ja gut, Chalamet hat zwar nicht recht, trotzdem verdächtig, dass insbesondere die großen Häuser so heftig reagieren. Seien wir ehrlich: ihr habt doch alle nur, wie beim Release von Rosalias Berghain, einen Aufhänger gewittert. Das ist nicht mehr als eine verstaubte alte Kommunikationstechnik und vor allen Dingen: unehrlich. Ihr interessiert euch nicht wirklich für den popkulturellen Kontext, in dem hier in Hollywood so eine Flasche Unqualifiziertes sagt, genauso wie ihr euch beim Positivbeispiel Rosalia nicht wirklich dafür interessiert habt, was man im Kern von ihr lernen kann. Wo ist denn eure tiefe Kritik an Hollywood selbst? Reicht es euch wirklich, damit anzugeben, wie voll euer Auditorium ist? Reicht es euch, dass alles live ist?
Daher: Silence the rich
»No one cares about this anymore« ist das Urteil eines Vertreters einer Kunstsparte, die zersetzt ist vom Endstadium des Konsum- und Event-Parasitenbefalls. Sie produziert wahnsinnig viel Geld, das aus teils sehr zweifelhaften Richtungen vorgeschossen wird und wieder dorthin fließt, widersetzt sich nicht wirklich erkennbar einem autoritärer werdenden Regime, im Gegenteil nimmt teilweise das Geld aus seinem Umfeld dankend an und ist in Anbetracht der KI-Revolution in ganz ernsthafter und im Vergleich zu Konzert, Theater und Oper viel nachhaltigerer Gefahr.
Der große 146-tägige Streik der Drehbuchautorinnen und -autoren in Hollywood (Writers Guild of America) im September 2023 ist nur ein erster Hinweis darauf, dass sich das System Hollywood per se wesentlich weniger für Handarbeit, echte Kunst und vor allen Dingen die Menschen dahinter interessiert. Wir geben durch unsere Aufmerksamkeit dieser Szene ihre Kraft, können sie ihr aber dementsprechend auch wieder entziehen. Ganz ehrlich: nach der 100. Comicbuch-Verfilmung aus dem Hause Disney ist es vielleicht auch für uns an der Reihe zu sagen »No one cares about this anymore«. Da diese Kunstform viel mehr auf die Gunst der Masse angewiesen ist und keine sonstige kulturpolitische Dimension hat, tut ihr Misserfolg an der Kasse richtig weh. Lasst uns den Mist einfach ignorieren. Also den Fan-Service-Müll nicht angucken, das Disney-Plus-Abo kündigen, vor allen Dingen, den „Diskurs“ aus dieser Richtung ignorieren und stattdessen – zum Beispiel – für eine globale Reichensteuer kämpfen.
»Fear is the Mind-killer«
Frei nach dem Meditationsritual der Bene Gesserit aus Dune. Dass der Relevanz-Diskurs jetzt wiederkommt, nachdem wir ihn während Corona wirklich mit teils berechtigter Wucht durchlebt haben, aber in dem Gewand einer solch idiotischen Provokation, verrät etwas darüber, wie unsicher wir uns mittlerweile selbst sind. Diese Unsicherheit überzukompensieren mit PR oder einer Einladung des Kulturstaatsminister halte ich für wirklich die allerschlechteste Art mit ihr umzugehen. Besinnt euch darauf, was Euch inhaltlich motiviert und fasziniert.
Findet die Leichtigkeit im Spiel wieder. Bohrt euch in die Tiefe eures Nerdtums. Übt wie verrückt. Inszeniert bis sich die Bretter biegen. Feiert die Schrägheit, die Komplexität, die Radikalität euer Kunst. Aber macht das alles ohne Angst. Relevanz lässt sich nicht herbei diskutieren. Sie entsteht da, wo man selbstverständlich ist und diese Selbstverständlichkeit kann nur dort entstehen, wo man zu allererst selbst von der eigenen Kunst überzeugt ist.
»Where the fear has gone there will be nothing. Only I will remain.«

