Karajan Debatte weitet sich aus

März 11, 2026
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Herbert von Karajan (Foto: Unitel, DG, Lauterwasser)

Michael Wolfssohn gerät weiter in die Kritik – nach Oliver Rathkolb zeigt sich nun auch der Historiker Friedrich Geiger irritiert von seiner Nazi-Reinwaschung Karajans. Ein kritischer Zwischenstand.

English summary: Criticism of historian Michael Wolffsohn’s book on Herbert von Karajan is growing. Scholars Oliver Rathkolb and Friedrich Geiger say he ignores research and downplays antisemitism, portraying Karajan as merely an opportunistic “formal Nazi.” The dispute highlights broader debates about artists’ responsibility under authoritarian regimes.

Die Kritik am Karajan-Buch des Historikers Michael Wolffsohn wächst. Erst vor einiger Zeit hat der Historiker Oliver Rathkolb das Buch hier bei BackstageClassical verrissen, nun veröffentlichte auch Friedrich Geiger beim Spiegel einen heftige Kritik an Genie und Gewissen: Wolffsohn würde die Forschung ignorieren, antisemitische Belege verharmlosen, NSDAP-Quellen verbiegen und Karajans NS-Karriere zur bloßen Opportunistenstory umdeuten: »Der wissenschaftliche Wert ist gering, die Tendenz deutlich erkennbar, der Ton anmaßend.« Tatsächlich gibt es in diesem Buch, das im Auftrag der Karajan-Centers erschienen ist, nur wenig neue Fakten. Stattdessen aber eine weitgehende Reinwaschung der Nazi-Verbindungen des Dirigenten. Wolffsohn erklärt, Karajan sei ein »Formal-Nazi« gewesen, ein Mitläufer und, ja, auch ein »diskriminatorischer Antisemit« – aber eben »ohne liquidatorische Gesinnung«, und ohne selber zum Täter zu werden.

Damit rüttelt Wolffsohn – selbst Jude – gewaltig am bestehenden Bild des ehemaligen Chefdirigenten der Berliner Philharmoniker und dessen Rolle im Nationalsozialismus. Ausführlich (und zum Teil langatmig) dekliniert Wolffsohn die bekannten Vorwürfe: Dass Karajan dreimal in die NSDAP eingetreten sei, hält er für einen Irrtum, die beiden Anträge von 1933 (eingereicht in Ulm und Salzburg) seien formal nicht angenommen worden, der Antrag von 1935 eine Notwendigkeit für den Chefdirigentenposten in Aachen. 

Dass Karajan in der einst jüdischen und von den Nazis enteigneten Villa Schubert in Zell am See wohnte, kommentiert Wolffsohn damit, dass die einstigen jüdischen Besitzer nicht wegen des Dirigenten rausgeschmissen wurden und er deshalb nicht zum Täter geworden sei. Auch Karajans antisemitische Äußerungen wie sein Verzicht, an der Wiener Volksoper zu dirigieren, weil »das gesamte Palästina dort gesammelt« sei, hakt der Historiker als gängigen Antisemitismus ab: nicht schön, aber es gab Schlimmeres im »Dritten Reich«.

Anwalt für Karajan

Für Karajan spräche, dass er schon früh – nach einem provokanten Meistersinger-Dirigat – bei Hitler in Ungnade gefallen sei, dass sein Fürsprecher Hermann Göring nach dem Fiasko der Luftwaffe schlechtere Karten hatte als Propagandaminister Joseph Goebbels, der den Konkurrenten Wilhelm Furtwängler protegierte. Und überhaupt seien die Auftritte Karajans am Ende des »Dritten Reiches« immer seltener geworden, und er habe – im Angesicht seiner künstlerischen Qualität – nicht vom NS-System profitiert. Karajan sei nicht Spieler, sondern Spielball der Macht gewesen. Gegen seinen Antisemitismus sprächen außerdem die Ehe mit Anita Gütermann, die nach NS-Maßstäben sogenannte Vierteljüdin war, und viele jüdische Fürsprecher wie der einstige Konzertmeister der Berliner Philharmoniker, Michel Schwalbé.

Podcast mit Michael Wolffsohn

Kurzum: »Karajan der Nazi« sei ein Nachkriegsmythos, der von linken Ideologen bis heute gern gepflegt würde. Verständlicherweise hagelt es nun Kritik an Wolffsohns Buch. Oliver Rathkolb, einer der führenden Karajan-Forscher, widerspricht den Thesen vehement: Karajans NSDAP-Mitgliedschaft sei nicht nur eine Karriere-Mitgliedschaft gewesen, vielmehr sei der Dirigent schon vorher als Mitglied der schlagenden Salzburger Verbindung Rugia in nationalistischen und antisemitischen Kreisen zu Hause gewesen. Außerdem erinnert Rathkolb daran, dass mehr als 260 Briefe des jungen Karajan verschwunden seien, weil seine Frau Eliette und die beiden Töchter (die nun Auftraggeberinnen des neuen Buches waren) sie nicht freigegeben hätten.

Rathkolb verweist auf Karajans propagandistische Auslandsgastspiele, etwa in Frankreich, und kommt zu dem Schluss, dass der Dirigent ein »gefestigter Karriere-Nazi« gewesen sei. Wolffsohn wirft er vor, das Objekt seiner Recherche als »Genie« zu verehren, sein Buch lese sich, »als sei er Karajans Anwalt von 1945 im Entnazifizierungsverfahren«. Einig sind Wolffsohn und Rathkolb sich darin, dass dem späten Karajan keine Nähe zum Nationalsozialismus und zum Antisemitismus vorzuwerfen ist. Allerdings bewerten beide den Umgang Karajans mit seiner Vergangenheit unterschiedlich: Während Wolffsohn dem Dirigenten attestiert, nie gelogen zu haben, unterstellt Rathkolb ihm eine typische Nachkriegsverdrängung.

Verschiebung der Interpretation statt neuer Fakten

Tatsächlich ist Wolffsohns Buch weniger faktisch relevant, als dass es eine Verschiebung der bekannten Interpretation vorlegt. Wolffsohn versteht Karajans Rolle als Mitläufer, der selber keinen Schaden angerichtet habe, während Rathkolb genau dieses Mitläufertum als Grundlage des NS-Staates einordnet. Ein Streit, der im April noch einmal an Fahrt aufnehmen wird, wenn ein weiteres Buch des Münchner Historikers Wolfgang Rathert (Macht – Ohnmacht – Vermächtnis) erscheint; voraussichtlich eine erneute Gegenthese zu Wolffsohn. 

Das Spannende an Genie und Gewissen ist, dass die historischen Interpretationen auch Fragen an unseren gegenwärtigen Blick auf die Kulturpolitik aufwerfen. Es ist nicht schwer, den Streit über die Rolle Karajans für den Nationalsozialismus mit dem Blick auf den griechisch-russischen Dirigenten Teodor Currentzis zu vergleichen.

Aktuelle Parallellen

Der leitet in Russland ein von der sanktionierten VTB-Bank und Gazprom gesponsertes Ensemble und war gleichzeitig lange Chefdirigent des von deutschen Rundfunkgebühren finanzierten SWR Symphonieorchesters. Es stellt sich also die grundsätzliche Frage, wann und wie Künstlerinnen und Künstler zum Werkzeug nationaler Propaganda werden – und wann karrieristisches Mitläufertum zur Grundlage eines antidemokratischen Staates führt. 

Der Streit über das aktuelle Karajan-Buch ist deshalb auch Spiegel eines ganz gegenwärtigen Streites über die Entwicklung autoritärer Systeme. Ein Vergleich mit der kulturpolitischen Situation in den USA liegt nahe: Müssten amerikanische Intellektuelle derzeit lauter gegen Donald Trump protestieren?

Ermöglicht ihr Mitläufertum auch in unserer Zeit wieder die Etablierung rassistischer und nationalistischer Systeme? Gibt es unterschiedliche Verantwortlichkeiten zwischen aktiven und passiven Bürgerinnen und Bürgern? Wolffsohn hat ein Buch über Herbert von Karajan in der NS-Zeit vorgelegt, das in Wahrheit ein beängstigender Kommentar über die Entwicklungen unserer Gegenwart ist.

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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