Absagen für Milo Rau

Februar 14, 2026
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Milo Rau in Sturmmaske bei der Pressekonferenz der Wiener Festwochen
Milo Rau in Sturmmaske bei der Pressekonferenz der Wiener Festwochen (Foto: Privat)

Kurz vor Beginn des dreitägigen Theaterprojekts Prozess gegen Deutschland am Hamburger Thalia Theater haben die Publizistin Leonie Plaar und der Philosoph und KI-Ethiker Rainer Mühlhoff ihre Teilnahme aus Protest gegen die Besetzung abgesagt.

Die beiden kritisieren, dass sie erst wenige Tage vor dem Start erfahren hätten, dass auf der Bühne neben Juristinnen, Politikern und Expertinnen auch Akteure aus dem ultrarechten, demokratiefeindlichen und radikalisiert konservativen Spektrum auftreten sollen.​

Plaar erklärte, ihr sei im Vorgespräch mit Regisseur Milo Rau und dessen Team der Eindruck vermittelt worden, es werde sich um eine kontroverse, aber innerhalb des demokratischen Spektrums geführte Auseinandersetzung über ein mögliches AfD-Verbotsverfahren handeln. Von einer Teilnahme »handfester Faschist*innen« auf dem Podium sei damals keine Rede gewesen; die Liste der Beteiligten sei ihr – wie anderen – erst kurz vor der Premiere zugänglich gemacht worden. Sie betonte, sie diskutiere regelmäßig öffentlich über ein AfD-Verbot, tue dies aber üblicherweise mit Expertinnen und Experten, die die AfD als rechtsextreme und gefährliche Partei einordnen und über die Folgen eines Verbots stritten.​

»Ich werde nicht meinen Namen, mein Gesicht und meine Plattform dafür nutzen lassen, Faschistinnen eine Bühne zu bieten“, begründete Plaar ihre Absage. Als lesbische Frau sehe sie es zudem als unzumutbar an, sich mit Personen auf eine Bühne zu setzen, deren politische Haltung ihre Community entmenschliche; dies stelle für sie eine akute Gefahrensituation dar, der sie von den Veranstaltern ohne Vorwarnung und ohne Schutzmaßnahmen ausgesetzt worden wäre. Demokratischer Austausch sei zwar wichtig, dürfe aus ihrer Sicht aber „niemals mit antidemokratischen Akteurinnen stattfinden“«​

Auch Mühlhoff, Professor für Ethik der Künstlichen Intelligenz und Autor des Buchs »Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus«, zog seine Teilnahme kurzfristig zurück, nachdem ihm die vollständige Liste der Mitwirkenden fünf Tage vor Beginn und wenige Stunden vor der Online-Veröffentlichung vorgelegt worden sei. Diese umfasse mehrere Akteure aus dem ultrarechten und radikalisiert konservativen Spektrum, über deren Mitwirkung er bei seiner Zusage nicht informiert gewesen sei; hätte er die Liste gekannt, hätte er nicht zugesagt.​

Bühne für Extremisten

Mühlhoff wirft dem Thalia Theater vor, mit dem Format extremistischen Stimmen eine Bühne zu bieten, die „methodisch an der Erosion unserer Demokratie und Diskussionskultur arbeiten“. Die Inszenierung trage seiner Ansicht nach zur Normalisierung neu-rechter, rechtsradikaler und menschenverachtender Positionen in der gesellschaftlichen Debatte bei, indem diese als vermeintlich gleichberechtigte Standpunkte innerhalb eines „Prozesses“ legitimiert würden. Das theatrale Prozessformat mit „echten“ Expertinnen, Zeuginnen und Richterinnen verschleiere, dass einige der Eingeladenen aktiv daran arbeiteten, rechtsstaatliche Institutionen zu schwächen oder abzuschaffen; bereits die Einladung an das Thalia sei für diese Akteure „ein Coup“.

Kunst dürfe und solle zwar provozieren, erklärte Mühlhoff, im vorliegenden Fall überwiege aber »die symbolische Aufwertung extremistischer Positionen«, an der er nicht mitwirken wolle. Beide Absagen fallen in die heiße Phase der Lessing-Tage, die Festivalleiter Matthias Lilienthal unter das Motto »Postpopulismus« gestellt hat und die sich ausdrücklich als politisches Festival verstehen. Zum Abschluss der Reihe inszeniert der Schweizer Regisseur Milo Rau mit Prozess gegen Deutschland einen mehrtägigen Schauprozess, in dem unter dem Vorsitz der früheren Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin (SPD) ein mögliches AfD-Verbot, rechtsextreme Medienökosysteme und »Techno-Faschismus« verhandelt werden.

Prozess mit Promis

Auf der Bühne stehen dabei keine Schauspieler, sondern reale Juristinnen, Politiker und öffentliche Figuren, darunter nach Angaben des Thalia Theaters und von Medienberichten etwa die frühere AfD-Vorsitzende Frauke Petry, CDU-Politiker Andreas Rödder, der Historiker Volker Weiß, Correctiv-Chefreporter und Aktionskünstler Jean Peters, Bild-Kolumnist Harald Martenstein und Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda (SPD). Das Gerichtsszenario wird an drei Abenden live im Thalia sowie als Livestream gezeigt und bildet den Schlusspunkt der Lessing-Tage, in deren Vorfeld bereits ein Gastspiel aus Graz mit rechtsextremen Parolen im Zuschauerraum für heftige Reaktionen und Sprechchöre gegen Faschismus gesorgt hatte.

Letztes Jahr hatte BackstageClassical-Herausgeber Axel Brüggemann bereits seine Mitwirkung bei einem Rau-Projekt bei den Wiener Festwochen abgesagt, da ihm die Veranstaltung zu populistisch erschien, und Prozesse als Schauspiele in dieser Zeit eher ein falsches Zeichen seien.

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