Sie lebt! Die Neuköllner Oper lotet die Vielfalt der Musik aus. Ihr Motto: »No risk, no fun!« Ein Porträt von Antonia Munding.
English summary: Neuköllner Oper thrives on risk: quirky, accessible, and musically adventurous. Under new director Rainer Simon it rejects the canon with a wink, blends opera, pop and politics, and champions new voices—true to its motto: No risk, no fun. Berlin’s smallest house lives loudly.
In der Neuköllner Oper lagern nicht nur Gläser voller Kirschen, sondern auch zwei quicklebendige Axolotl und außerdem immer (!) ein großer – und voller – Kasten Bier im Tresor.
Wer sich auf der Suche nach etwas Unterhaltung auf die Webseite der Neuköllner Oper verirrt, stößt auf eine skurrile Mischung. So bieder und ambitioniert die Auftritte anderer Kulturinstitutionen sind – dieser zaubert uns ein Lächeln ins Gesicht.
Dabei verbreitet die Neuköllner Oper keinen Unsinn: Lediglich die Kirschen sind als Requisit der aktuellen Musical-Produktion unecht. Der eingeschlossene Bierkasten sei die gewichtige Reaktion auf einen früheren Diebstahl, erklärt der frischgebackene künstlerische Leiter, Rainer Simon. Vor seiner Zeit sei der Tresor einmal samt Bargeld-Einnahmen gestohlen worden – er habe einfach zu wenig Gewicht gehabt. Das ließ sich schnell ändern. Und die Axolotl? Die leben seit der Trennung zweier ehemaliger Mitarbeiter, die sich nicht über deren Verbleib einigen konnten, in einem Aquarium im Büro. Selbstverständlich glücklich, man kümmere sich rührend, versichert Simon. Und so sind die mexikanischen Lurche heute nicht nur Opern-Maskottchen, sondern auch so etwas wie das Symbol stetiger Neuerung.
Nahbar und zugänglich
»NO« – die dicken schwarzen Buchstaben auf hellrosanem Grund lassen den Besucher im Treppenhaus kurz straucheln: Nein – zur Operntradition? Zum Kanon? Es ist simpler: Das neue Logo ist eine alte Abkürzung. Intern wurde die Neuköllner Oper schon seit ihrer Gründung »NO« genannt, jetzt ist das Kürzel zum neuen Markenauftritt geworden.

Simon, der im September 2025 Bernhard Glocksin nach 21 Jahren als künstlerischer Leiter ablöste, leitete zuvor das Festival Schall&Rauch und die Außenspielstätten der Komischen Oper. Von 2012 bis 2022 war er Referent von Barrie Kosky. Inhaltlich wolle er keinen wirklich neuen Weg einschlagen, sagt er. Klar, es gebe ein »Nein« zum klassischen Kanon, aber eines mit Augenzwinkern. Keine aggressive Abgrenzung. Simon will »Volksoper« sein, nahbar, zugänglich, aber trotzdem komplexe Themen nicht vereinfachen.
Finanzielle Sicherheit
Anfang des vergangenen Jahres sah es für die NO alles andere als einfach aus. Auch hier war man mit drastischen Einsparungen von fünf bis 20 Prozent konfrontiert. Das hätte die Aufrechterhaltung eines qualitativen Spielbetriebs ernsthaft in Frage gestellt. Erst nach nach Verhandlungen mit Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson habe es im Sommer Entwarnung gegeben: von drei Prozent Subventionskürzungen war nun die Rede. Die Neuköllner Oper kam mit einem Schrecken davon und steht am Ende gar mit einem leichten Plus da: Ab 2026 kann das Haus mit einer jährlichen Zuschusserhöhung von 100.0000 Euro rechnen, so Simon
Jetzt ziert »NO« nicht nur die Spielpläne und frisch-designte Webseite, sondern setzt auch den Auftakt des Mottospruchs: »No risk, no fun«. Jedem Wort ist ein Stockwerk gewidmet.
No risk, no fun!
Mit »fun« im Rücken betritt der Zuschauer den Bühnenraum. Auf grünen Podesten sind Weck-Gläser mit knallroten Kirschen verteilt. In einer Ecke steht ein Grüppchen holzgeschnitzter Vodoo-Figuren.
Der zweite Kirschgarten verknüpft Tschechchows Tragikkomödie mit dem dunkelsten Kapitel deutscher Kolonialgeschichte, dem Völkermord an den Herero und Nama. Schwarzwälder Kirschtorte und einen badischen Männergesangsverein findet man im ehemaligen Deutsch- Südwestafrika noch heute leichter als die traditionelle Herero-Kunst des Bogenspielens.
Das Libretto von Martin G Berger reimt zwischen Kalauer und tiefgründiger Poesie, zuweilen jagen sich Kreuz-und Binnenreime in einem atemlosen Rap – und Tschechows Figuren verwandeln sich in gelangweilte Vertreterinnen der GenZ: Da ist Andrea, deren Vater in Namibia noch Großgrundbesitz hielt, Kirschbäume vor Augen wuchs sie auf, »erwachsen« ist sie deshalb noch lange nicht.
Verschmelzen der Stile
Als Hippie-Granddame pflegt sie nicht nur ihr Alkoholproblem, sondern auch ihre Stimmungsschwankungen, mit denen sie die übrigen Familienmitglieder terrorisiert. An den ehemaligen Kolonialbesitz erinnert nur noch ein mickriger Zweig mit ein paar Blüten, der in einer Glasvitrine wie ein lästiges Kleinod hin- und hergeschoben wird. Der zweite Garten, den man nach afrikanischem Vorbild in Deutschland angelegt hatte, soll mit all seinen »beschissen schönen«, dann wieder »zerwurmten« Kirschen verkauft werden. Vielleicht kann man ein luxuriöses AirBnB daraus machen. Doch so einfach ist das nicht.

Denn »der Garten ist mehr als ein Ort … ist Wurzel, ist Zuflucht, Zuhause…«, singt die Familie. Ein Leitmotiv, das immer wieder in unterschiedlichen Besetzungen angestimmt wird. Der Garten symbolisiert nicht nur historische Schuld und die ungelösten Traumata, er ist Paradies und Verderben, Heilmittel und Gift. Die inhaltliche Überfrachtung verdaut man vor allem durch Wolfgang Böhmers Musik, die zwischen Stephen Sondheim, Kurt Weill und melancholischem Banjar verführerisch melodiös oszilliert und sich auch nicht vor einer absichtlich misslungen Karaoke-Nummern scheut, an deren Ende ein virtuoses Saxophon-Solo triumphiert.
Wolfgang Böhmers Musik schätzt man schon lange am Haus. Für Peter Lund, der von 1996 bis 2004 zum Leitungsteam der NO gehörte, schrieb er die Musik zu Das Wunder von Neukölln, das bis heute Kultstatus genießt. Mit Der zweite Kirschgarten spinnt Martin M. Berger diese Musicaltradition nicht nur weiter, sondern fügt ihr eine neue literarische Dimension hinzu.
Anfang der neuen Oper
Die Geschichte des kleinsten Berliner Opernhauses begann mit einem Kammerchor, den der Komponist und Regisseur Winfried Radeke ins Leben rief. 1977 führte er zur Gründung der Neuköllner Oper. Die freie Musiktheatergruppe probte und spielte in Kirchen und einer Fabriketage, bis sie 1988 in den Ballsaal in der Karl Marx Straße 131 zog, bis dato Lagerraum eines türkischen Möbelhändlers.
Mit gut 200 Sitzplätzen ist es seitdem Brutstätte für spannende Hybrid-Formen an den Schnittstellen von Oper, Performance, Experiment und Kabarett und Verbindungsglied zwischen den klassischen drei Musiktheater-Häusern und der freien Szene. Das Selbstverständnis »Volksoper« sei dabei stets im Wandel, sagt Simon und zitiert Alexander Kluges Definition des Musiktheaters als »Kraftwerk der Gefühle«.
Spielarten des Populären
Darin erkenne er sich mit der Neuköllner Oper am ehesten, denn er wolle sich mit allen Spielarten des Populären befassen. Ein weites Feld, das noch von keiner Musiktheater-Institution innerhalb Deutschlands ernsthaft untersucht, geschweige ausgeschöpft worden sei. Wichtig ist Simon die Zugänglichkeit, die in Deutschland noch immer über E- und U-Klassifizierung stolpere – dabei suche in Neukölln doch niemand ein Opernhaus.
Im Gegenteil, man sei froh, seit bald vier Jahrzehnten diesen Raum einzunehmen, den mittlerweile nicht nur auswärtiges Publikum, sondern auch die Leute im Kiez annehmen würden – alteingesessene BerlinerInnen ebenso wie die migrantischen Communities. Lokal und global zu denken, schließe sich eben nicht aus, sagt Simon, Neukölln sei dafür ein gutes Beispiel.
Spannende Produktionen
Eine Ahnung, wie vielfältig die Pop-Landschaft ist, die Rainer Simon und das Neuköllner-Team mit unterschiedlichsten Künstlern und Kollektiven erforschen will, zeigten bereits die vergangenen Herbst-Produktionen.
In Hunter wurden Herzschläge zu Aufschlägen: die belgische Künstlerin Liesa van der AA verwandelte mit Sängerinnen des BODIES Ensemble und Songwriterin Kat Frankie den Neuköllner Ballsaal in einen nüchternen Basketballplatz. Björks mystischer Klangkosmos, inbrünstig intoniert, wurde von harschen Anweisungen immer wieder unterbrochen. Ein Abend, der nach Zugehörigkeit und Isolation fragte, nach den Regeln von Perfektion und der Freiheit diese zu durchbrechen und schließlich zum musikalischen Kampf gegen Gefühllosigkeit und gesellschaftliche Zerrüttung wurde.
Mit crime of passion hingegen untersuchte der türkische Singer Songwrirter und ausgebildete Opernsänger Anthony Hüseyin, wie Femizide romantisiert und verharmlos werden. Zwischen türkischer Kastenzither, Klavier, Pop und Romantik schlug er den Bogen nicht nur vom persönlichen Trauma hin zum sexistischen Blick auf der Opern-Bühne, sondern erzählte mit feinen Brüchen eine große Künstlergeschichte: vom Gesangsschüler, der von der Karriere träumt, aber am Ende kein klassischer Sänger mehr sein möchte.
Neue Gesichter
Immer wieder suche man nach spannenden Künstlerinnen und Künstlern, die an anderen Orten nicht gezeigt und gespielt werden, erklärt Simon, da sie durchs Profil-Raster der etablierten Häuser rasselten.
Zeitgleich möchte die NO aber auch Karriere-Sprungbrett für den Nachwuchs bleiben. Mit Absolventen der Musical-Klassen an der UdK verbinden sie ebenso wie mit den Musiktheater-Regie-Studenten der Hanns Eisler langjährige Kooperationen. Seit 1997 richtet die NO zudem den von der GASAG gestifteten Opernpreis aus, der sich an Komponistinnen und Komponisten aus ganz Deutschland richtet. Für die kommenden Ausgabe 2027 winkt den Gewinnerninnen und Gewinnern die Realisiserung dreier Kurzopern auf der NO-Bühne unter der Mentorenschaft von Moritz Egger und mit Hilfe von GesangstudentInnen der Hanns Eisler.
Grenzen überschreiten
Einen Abend, mit dem die NO im Juni die grenzüberschreitende Kraft der Musik feiern will, ist der Sängerin Umm Kulthum gewidmet: Sie galt als die Callas Ägyptens und starb vor 50 Jahren in Kairo. Mit ihrer Gesangskunst und ungewöhnlichen Bühnenpräsenz zog sie den kompletten Nahen Osten in Bann – und bis heute werden ihre Lieder auch im »Culture Radio Israel« gespielt.

Umm Kulthums Stimme sei noch immer in den arabischen Shisha-Bars der Nachbarschaft lebendig, sagt Simon – eine Konditorei in der Sonnenallee trägt sogar ihren Namen. Doch allein das Produktions-Team zu sichern, das unter anderen aus einem israelischen Regisseur und drei arabischen Sängerinnen bestehen wird, sei ein schwieriger Akt. Eine syrische Sängerin, die bereits für die Rolle gecastet wurde, sagte wieder ab, nachdem sie erfuhr, dass ein jüdischer Regisseur involviert sei – sie habe Angst, in Syrien keine Engagements mehr zu bekommen.
Keine politische Auseinandersetzung
Die NO suche keine politischen Auseinandersetzungen auf der Bühne, erklärt Simon. Dennoch wisse er natürlich, dass bereits einige Biografien und künstlerische Konstellationen ein Politikum darstellten. Die Neuköllner Bühne will er als offenen unvoreingenommenen Raum für künstlerische Begegnungen schützen, das sehe er als eine seiner wichtigsten Aufgaben – besonders in aufgeheizten, gewaltbereiten Zeiten wie diesen, in denen die Bereitschaft, komplexe Wahrheiten zu hören, verschwinde.
Übrigens, Der zweite Kirschgarten geht am Ende zu Tango-Rhythmen in Rauch auf. Und mit ihm das toxische Familiengefüge samt aller Besitzansprüche. Was bleibt, ist die Sehnsucht nach einer neuen Utopie.
„Der zweite Kirschgarten – ein Musical frei nach Tschechow“ von Martin G. Berger und Wolfgang Böhmer wird noch am 15.1.2026 und 16.1.2026 jeweils um 20 Uhr gespielt.
