Vom Sterben eines Unsterblichen

Mai 5, 2025
2 mins read
Der Regisseur und Intendant Pierre Audi

Der Intendant des Theater Dortmund, Heribert Germeshausen, würdigt Pierre Audi in einem persönlichen Nachruf.

English summary: Heribert Germeshausen honors Pierre Audi as a visionary who transformed opera worldwide. Audi shaped institutions like Dutch National Opera and Aix Festival, leaving a lasting legacy of brilliance and humility.

»Mann und Mythos« heißt eine wunderbare Biographie, die Roland de Beer 2013 über Pierre Audi veröffentlicht hat. Pierre Audi hat die internationale Opernlandschaft geprägt, wie kein anderer Künstler und Intendant in den letzten Jahrzehnten, zumal in einer Doppelrolle – Regisseur und Intendant – die heute fast unüblich geworden ist. 

30 Jahre lang, von 1988 -2018, war Audi Intendant der Dutch National Opera in Amsterdam und hat die junge Institution von quasi Null zu einem der spannendsten und Impuls gebendsten Häuser der Welt auf Dauer gemacht. Seit 2018 hat er das schon vorher herausragende Festival von Aix-en-Provence in neue Stratosphären katapultiert, wo man nur sagen kann: Besser geht es nicht!

Zum ersten Nachruf auf Pierre Audi bei BackstageClassical

Meine erste Begegnung mit dem Regisseur Audi war sein epochaler Ring, wobei es vom Ring abgesehen wahrscheinlich gerade die vielen Trouvaillen abseits des Kernrepertoires waren, die Audis Name die Aura des Außerordentlichen gegeben haben, im Barock wie in der Moderne, das Kondensat aus Stockhausens Licht – Zyklus beim Holland-Festival etwa.

Unsterblich ist Audi zu Lebzeiten aber bereits als Initiator zahlreicher bahnrechender Uraufführungen geworden, von Schnittkes Leben mit einem Idioten über Trojans Orest bis zur Kurtágs Fin de Partie. Und er hat wie kein anderer mit dem ihm eigenen sicheren Gespür für Konstellationen von Menschen und Räumen Nicht-Opernkünstler als Ausstatter oder Regisseur für die Oper gewonnen, die das Genre nachhaltig bereichert und verändert haben.

Fin de Partie am Theater Dortmund (Foto: Theater Dortmund)

Persönlich wurde unsere Begegnung erst sehr spät, zu spät wie ich jetzt leider schreiben muss: 2023 bei den Oper! Awards in Dortmund und weiter vertiefend dann 2024 anlässlich der Zweitinszenierung von Fin de Partie. Ich hatte ihn zu einem Gesprächsformat zum Dortmunder Wagner-Kosmos geladen. Er, der so ungern auf dem Podium saß, obwohl er soviel zu sagen hatte, sagte zu und schenkte uns eine absolute Sternstunde. Noch nie ist mir unter Künstlern ein so hochgebildeter und dabei gleichzeitig so absolut bescheidener Mensch begegnet, der seine Aura komplett aus seiner universalen Bildung speisen konnte. Es war der Beginn einer Freundschaft, die ich väterlich nennen möchte. Das unsere Begegnung anlässlich der Brüsseler Siegfried – Premiere unsere letzte war und unser geplantes Wiedersehen diesen Sommer in Aix nie nachgeholt werden wird, scheint mir komplett irreal. 

Auch wer sich zu Lebzeiten den Rang der Unsterblichkeit erarbeitet hat bleibt vom Streben nicht verschont. Pierre Audi hat eine Lücke hinterlassen, die sich nicht schließen wird, sie bleibt. Jedem, der ihm begegnen durfte, wird dafür für immer dankbar sein. Und mein Mitgefühl gilt seiner jungen Familie.

Pierre Audi und Heribert Germeshausen im Gespräch mit Johannes Kalitzke und Ingo Kerkhof beim Wagner-Symposion (Foto: Heinze)

Heribert Germeshausen

Er begann seine Opernkarriere 2004 bei den Salzburger Festspielen unter der Intendanz von Peter Ruzicka und ist heute Intendant des Theater Dortmund.

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