Bei den Salzburger Osterfestspielen wird Kirill Petrenko zum Nikolaus Harnoncourt für Richard Wagner: Ein Entdecker und Tiefseetaucher, der die Leitmotive längst hinter sich gelassen hat.
English summary: At the Salzburg Easter Festival, Kirill Petrenko approaches Wagner like Nikolaus Harnoncourt did Mozart: as a meticulous explorer of structure and depth. His Rheingold reveals unheard details and fluid orchestral colors without distorting the score. Unlike motif-driven conductors, he dives beneath the surface with precision and intent. Musically revelatory, the performance is weakened by uneven singing and a visually uninspired staging.
Nach diesem Rheingold bei den Salzburger Osterfestspielen musste man zu Hause noch einmal die Partitur aus dem Regal holen. Zu viel war da zu hören, was man so noch nie gehört hatte. Schleicht sich da, gleich im Es-Dur-Beginn, schon eine Vorahnung des Walhall-Motivs in die Rheinwellen? Ist die Sologeige wirklich derart oft so butterweich exponiert? Welche endlosen Weiten an lyrischen Gedanken legen sich rund um die ansonsten so dominanten verminderten Septakkorde in Nibelheim? Und was für mikrokosmische Wunderwelten liegen sonst noch hinter Wagners bekannten Motivgebirgen verborgen?
Kirill Petrenko dirigiert an diesem Abend keinen Ring für Anfänger. Er sucht niemals platt nach Motiven und hält sie dann stolz in die Höhe. Nach seinen Ring-Dirigaten in Meiningen und Bayreuth hat er in Salzburg mit den Berliner Philharmonikern nun den Luxus, ganz tief hinabzusteigen in die Musik. Einige Takte dirigiert er wie eine Operette, um dann unvermittelt die Brutalität eines Schostakowitsch auszupacken. Die Musik der Riesen klingt bei ihm nicht trampelig, sondern liebevoll sehnsüchtig. Manchmal wandelt er die Orchesterfarbe innerhalb eines Taktes, zuweilen während eines Atemzuges. Petrenko hält auch nichts von kleiberhaften Übergängen, er setzt lieber auf Vollgas und Vollbremsung. Man muss wach sein an diesem Abend. Sehr wach!
Der Surfer und der Tiefseetaucher
Während Christian Thielemann seinen Wagner als kongenialer Wellenreiter organisiert, der spontan mit der Gischt surft, sich leichtfüßig von der Strömung durch Wellentürme und -täler treiben lässt, nicht lange nachdenkt und der Sonne entgegenblickt, ist Petrenko ein gut ausgerüsteter und vorbereiteter Tiefseetaucher. Thielemann schenkt uns Rausch, Petrenko Klugheit. Er schnorchelt unter der Wasseroberfläche, taucht hinab, bis kein Tageslicht mehr in den Klang fällt, steigt dann wieder hinauf, um die Verästelungen einer Koralle zu bestaunen. Dann holt er wieder kurz Atem, um für weitere 10 Minuten in die Tiefe zu sinken – ohne Sauerstoff. Nichts ist hier Zufall. Jeder Schwimmzug hat ein Ziel. Jede Ecke des Wagner-Ozeans ist ihm bekannt. Alles hat Bedeutung. Alles!

Das Begeisterndste an diesem Dirigat ist, dass hier – trotz all des Neuhörens – nichts gegen den Strich gebürstet wirkt, nichts gegen Wagner organisiert ist. Nichts wird provokant neugedeutet. Es steht wirklich alles genau so in der Partitur. Vielleicht ist Petrenkos Zugang zu Wagner inzwischen am besten mit jenem einzigartigen Zugang zu beschreiben, den Nikolaus Harnoncourt zu Mozart hatte: Kein oberflächlicher Rausch, sondern berauschte Begeisterung an der harmonischen Struktur.
Schade, dass nicht alle Stimmen im Ensemble an diesem Abend mit der musikalischen Herangehensweise mithalten können. Aber vielleicht ist die Salzburger Felsenreitschule mit ihrem offenen Orchester vor der Bühne und dem breiten Bühnenraum auch nicht ideal für die Wagner-Koordination zwischen Szene und Graben.
Christian Gerhahers Wotan ist noch am ehesten als Neudeutung zu verstehen: Kein erhabener Weltengott, der seine Burg leichtfertig mit Raubgut bezahlt. Stattdessen ein schon zu Beginn gebrochener, hadernder, ja fast schüchterner Weltenwalter. Gerhaher – er singt nur den Rheingold-Wotan – weiß um seine Stimme und stutzt den Weltengott auf die gleichsam kosmische, aber eben auch mikrokosmische Größe des Kunstliedes. Dieser Wotan ist ein Gerhaher. Und das hat durchaus Charme.
Bewährten Wagner-Klang zum Schwelgen liefern Jasmin White als Erda (strömende Schönheit), Leigh Melrose als Alberich (etwas verschluckter Sound mit Charakter), vor allen Dingen aber Thomas Cilluffo als Mime (eine spielfreudige vokal breit gefächerte Rollen-Miniatur).
Serebrennikov als Afrika-Riefenstahl
Es war ein Abend, dessen Fortsetzung zu hören man kaum abwarten kann. Sehen muss man sie nicht unbedingt. Klar, die Zeiten des Regietheaters sind vorbei, aber dass Regisseur Kirill Serebrennikov gleich in die Uralt-Klamottenkiste der allzu menschlichen Götter greifen muss, wirkt hauptsächlich: müde. Dass auf acht tanzenden Lichtwänden andauernd ein nackter Alberich – samt Pimmelmann und archaischer Schminke – durch Island rennt, wirkt, wie so vieles an diesem Abend, wie bedrückende Riefenstahl-Ästhetik. Das ist keine Zeitlosigkeit, sondern Kitsch. All das krönt Serebrennikov am Ende mit einem Licht-»Ring« aus projizierten Nacktturner-Körpern.
Überhaupt scheint die Aufführung eine bisschen wie aus dem kulturhistorischen Museum nach dem Weltuntergang zusammengesucht. Schlingensiefs Bayreuther Drehbühnen-Parsifal mit dem verrottenden Hasen war dagegen eine kluge, sinnliche und herrlich absurde Auseinandersetzung mit Wagner-Mythen und Afrika-Mythen.

Bei Serebrennikov gibt es aber keine zweite Ebene. Hier wird viel (und lächerlich) getanzt, manches wirkt wie ein unfreiwilliger Runen-Aufmarsch, dann wird weiter gehüpft und das Rheingold als Stückchen aus dem ewigen Eis geraubt. So sehr auch diese Produktion vorgibt, die Sedimente der Weltgeschichte abzubauen, bleibt sie stets an der altbekannten Wagner-Oberfläche hängen. Schade, denn so bleiben auch die Verbindungen der einzelnen Charaktere zueinander weitgehend unklar. Und damit auch: egal.
Wenn sich in Salzburg alles an der Musik orientiert hätte, wäre der Abend eine Offenbarung geworden. So oder so kann Salzburg sich auf eine Fortsetzung seines Petrenko-Ringes freuen.
Hier geht es zu unserer Kritik von Haydns »Schöpfung« bei den Osterfestspielen mit Daniel Harding.

