Orchester in Bremerhaven wehrt sich gegen neue Intendanten-Macht

Juli 1, 2024
1 min read
Das Stadttheater Bremerhaven (Foto BHV Tourismus, Junge)

Nach Kassel und Wiesbaden stellt sich nun auch das Orchester in Bremerhaven gegen den Intendanten. Es geht um Mitbestimmung und den Kurs des Hauses.

Es scheint ein strukturelles Problem an deutschen Stadttheatern zu sein: der Zoff zwischen Intendanz und Orchester. Wir haben die heftigen Kämpfe in Kassel beobachtet und in Wiesbaden – und nun tobt ein ähnlicher Streit am Stadttheater in Bremerhaven zwischen Orchester und Intendant Lars Tietje. Heute hat das Orchester einen öffentlichen Brandbrief versendet.

Im Theater in Bremerhaven wurde gerade die Stelle des scheidenden GMD, Marc Niemann neu ausgeschrieben – wenige Tage, nachdem das Orchester in die Sommerferien gegangen ist. Was die Musikerinnen und Musiker auf die Palme bringt ist, dass der neue Musikchef (so ist es in der Ausschreibung zu lesen) zukünftig nicht mehr gleichberechtigt neben dem Intendanten agieren soll. Alleinige Entscheidungsträger sollen in Zukunft der Verwaltungsdirektor und der Intendant sein. Ist das die stille Aushebelung einer jahrelange Tradition, in der das Orchester als wichtige Säule des Hauses seine Geschicke auch mitbestimmen konnte?

Tatsächlich muss die seit 1991 gültige Dienstanweisung des Hauses für eine derartige Ausschreibung umgangen worden sein, denn die sieht vor, dass der amtierende Musikdirektor in derartige Ausschreibungen einbezogen sein muss.

Intendant Lars Tietje (Foto: Boesel)

Die Suche nach einem neuen GMD ist offensichtlich nur der Kulminationspunkt mehrerer Ereignisse, durch die sich das Orchester in Bremerhaven von seiner Intendanz nicht mehr mitgenommen fühlt. Tietje hatte kürzlich in einem Interview mit der Nordseezeitung erklärt, dass er die Zukunft des Musiktheaters im Musical sehe – was das Orchester natürlich anders sieht. Außerdem wurde die hundertjährige Tradition einer Weihnachtsproduktion kurzerhand abgeschafft. Kritik wird am Hause nicht gern gehört.

Auf die Beschwerden des Orchesters reagierte der Intendant, indem er den Musikerinnen und Musikern unangemessenes Verhalten vorwarf. Das Orchester erklärte, dass der Intendant in seiner Antwort andeute, dass er das Ensemble nicht wie üblich und mit ihm abgesprochen am Findungsprozess für die GMD-Nachfolge beteiligen wolle.

Gegenüber BackstageClassical erklärte eine Sprecherin des Orchester-»Krisenstabes«, dass man sich »einfach nicht mitgenommen« fühle und den Verdacht habe, dass der Intendant das Haus am liebsten ohne Einfluss des Orchesters führen würde. In einem offenen Schreiben heißt es: »Die Machtkonzentration innerhalb eines Theaters auf eine Person steigert die Gefahr von Fehlern und Missbrauch deutlich und es ist in höchstem Maße undemokratisch.«

Die Amtszeit von Tietje endet offiziell 2026 – über seine Vertragsverlängerung müsste also in diesen Tagen mit dem (ebenfalls scheidenden) Kulturdezernenten verhandelt werden. Derzeit schleppt das Theater Bremerhaven ein gewaltiges Defizit von 1,499 Millionen Euro mit sich.

Hier ein älteres Podcast-Porträt des Theaters in Bremerhaven

BackstageClassical

BackstageClassical bringt Ihnen Debatten und Nachrichten aus der klassischen Musik. Die Seite ist kostenfrei. Bestellen Sie unseren Newsletter oder unterstützen Sie unseren unabhängigen Musikjournalismus durch Ihre Spende.

Fördern

Artikel auf BackstageClassical sind kostenlos. Wir freuen uns, wenn Sie unabhängigen Klassik-Journalismus fördern.

Mehr aktuelle Artikel

Lieber Justus Frantz,

Justus Frantz soll in der Gepäckausgabe am Flughafen Lübeck spielen – das passt ins Bild: Überzeugungen verleihen Flüüüüüügel!

Man wird ja wohl noch fragen dürfen

Der SWR stellt kritische Fragen – beantwortet sie aber selbst nicht immer gern. Auch arte schweigt, wenn es unangenehm wird. Über öffentlich-rechtliche Doppelmoral, mangelnde Transparenz und die Frage: Gelten journalistische Regeln in

Neues Orchester in Paris

Raus aus dem Operngraben, rauf auf die Konzertbühne: 116 der 174 Musiker des Orchesters der Pariser Oper haben mit Philopéra ein eigenes Symphonieorchester gegründet.

Von Beethoven bis Blondie: Warhol zum Auflegen

Bevor Andy Warhol Suppendosen und Marilyn Monroe zu Ikonen der Pop-Art machte, gestaltete er Plattencover. Rund vier Jahrzehnte blieb er dem Medium treu – von Klassik und Jazz bis Velvet Underground, Rolling

Hat die Oper Bonn eine Zukunft?

426 Millionen Euro für einen Neubau – oder bald gar keine Oper mehr? Die Finanzkrise in Bonn stellt plötzlich die Zukunft der städtischen Bühnen infrage. Im Stadtrat wird bereits über eine Schließung

Von der Straße in den Klangrausch

Das Lucerne Festival will raus aus dem Konzertsaal – und zugleich die großen Orchester feiern. Der neue Intendant Sebastian Nordmann schickt junge Musiker auf die Straßen, und das KKL bleibt, was es

Liebe Auslastungszahlen,

99 Prozent in München, mehr als 99 Prozent in Salzburg, Besucherrekorde überall: Die Klassik feiert ihre Auslastung. Aber was sagen volle Häuser eigentlich aus – außer, dass Intendanten gern mit Zahlen protzen?

Verpassen Sie nicht ...