Liebe Kristin Okerlund,

Oktober 13, 2025
1 min read
Die Musikerin und Korrepetitorin Kristin Okerlund (Foto Wiener Staatsoper)

ich kannte Sie nicht, und ich werde Sie leider auch nicht mehr kennenlernen. Sie sind am Freitag gestorben – plötzlich und unerwartet. Und alle, wirklich alle, weinen um Sie: Piotr Beczała, Andreas Schager, Lise Davidsen… Alle überirdischen Stimmen auf unserer Welt.

Sie waren Korrepetitorin an der Wiener Staatsoper. Sie waren das Treppengeländer ihrer Töne.

Ein Beruf im Schatten, Arbeit hinter dem Vorhang. Dort, wo der Schweiß fließt und der Applaus unhörbar ist. Sie waren das Gewächshaus der Klänge, lauschten sich das Tempo bei den großen Dirigentinnen und Dirigenten ab. Sie waren das Scharnier zwischen Arbeit und Ruhm. Ihr Probezimmer war der Kreißsaal der Schönheit. In Ihren Fingern lebten Puccini und Mozart, Wagner und Rossini, Berg und Schönberg auf 88 Tasten. Unter ihren Händen entstand der tönende Schein der Welt. Nun ruhen Ihre Finger. Und es ist still.

Sie und Ihre Kolleginnen und Kollegen sind der Motor unter der Haube eines Opernhauses. »Klug«, »wissend«, »unaufdringlich« heißt es, seien Sie gewesen, »Musikerin und Mensch«. Ein Anker im luftigen Leben der Bühne.

Nun sind sie tot. Ihr Mann, Ihre Kinder und die ganze Welt der Musik trauern um Sie. Wie wichtig und großartig Sie waren, zeigt, dass auch die Staatsoper in Wien Schwarz trägt.  Ich habe Sie nie kennengelernt, aber ich werde Sie in Zukunft hören – in den Stimmen von Piotr Beczała, Andreas Schager oder Lise Davidsen. Dann werden Sie wieder da sein. Auf der Bühne. Im Saal. In der Welt. Als das gewisse Etwas. 

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

Fördern

Artikel auf BackstageClassical sind kostenlos. Wir freuen uns, wenn Sie unabhängigen Klassik-Journalismus fördern.

Mehr aktuelle Artikel

Die Hütte brennt

156 Jahre nach der Uraufführung der Walküre in München gelingt Regisseur Tobias Kratzer und Dirigent Vladimir Jurowski ein ebenso kluger wie packender Wagner-Abend. Eine bildstarke Inszenierung mit einem unvergesslichen Walkürenritt durch den

»Lasst uns die Musik ernst nehmen«

Die Sommerlichen Musiktage Hitzacker setzen auf radikale Ehrlichkeit statt auf Klischees. Intendant Oliver Wille kritisiert oberflächliches Jugendmarketing und fordert mehr Sensibilität im Umgang mit Machtmissbrauch.

Die neue Spießigkeit

Opernhäuser versuchen auf Instagram ein neues Publikum zu erreichen und werben lieber mit Aperol-Spritz als mit Arien. Ein Panoptikum der Peinlichkeiten.

Hinterhäuser meldet sich zurück

Der ehemalige Intendant der Salzburger Festspiele wird im Juli gemeinsam mit Matthias Goerne ein neues Schumann-Album vorstellen – ob es zu einem Konzert in Salzburg kommt, scheint ungewiss.

Liebe Annette Josef,

Der MDR schaltet seinen Klassik-Sender ab und verkauft das ganze als Gewinn. Das ist mehr als ein gefährliches Spiel.

Videoanalyse im Fall Gardiner 

John Eliot Gardiner wird kritisiert, weil er einer Mitarbeiterin beim Bachfest zu nahe gekommen sei. Wir schauen uns das Video noch einmal genau an.

Radikale Krise? Radikale Hoffnung! 

Der BackstageClassical-Newsletter: Heute mit deprimierenden Zahlen und allerhand Hoffnung. Kultur und Klassik sind keine Selbstläufer – wir müssen sie behaupten: Von Paris über Berlin bis nach Ingolstadt.