Kommt die »Alice Weidel Oper Unter den Linden«?

September 4, 2025
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Donald Trump im Kennedy Center – unser Kolumnist hat sich hineingeschmuggelt (Foto: White House, Facebook, Collage BC))

Donald Trump hat die US-Kulturpolitik im Würgegriff. Das Opernhaus in Washington soll künftig First Lady Melania Trump Opera House heißen. Unser Kolumnist Thomas Schmidt-Ott regt das zu fieberwahnsinnigen Gedanken an.

Das Leben, sagt man, schreibt die schönsten Libretti. Aktuell in Washington. Dort hat Donald Trump im Frühjahr das Kennedy Center gekapert, den repräsentativen Ort für die US-Kultur. Er hat unliebsame Verwaltungsratsmitglieder gefeuert, sich selbst in einer – ähh – demokratischen Wahl zum Aufsichtsratschef gekrönt und Richard Grenell als CEO installiert, jenen Ex-Botschafter, der in Deutschland ungefähr so beliebt war wie eine Zahnwurzelbehandlung an Heiligabend. 

Zur Abrundung gründete er eine »Taskforce gegen antichristliche Voreingenommenheit«. Klingt nach Frömmigkeit, ist aber ein Kreuzzug gegen alles, was im Verdacht steht, woke zu sein. Und die Krönung des Ganzen? Die Kennedy Center Honors! Wo eigentlich Persönlichkeiten des amerikanischen Kulturlebens gefeiert werden, kündigte Trump himself für den 7. Dezember dieses Jahres eine Castingshow der Achtzigerjahre an: KISS fürs kriegerische Make-up, Stallone für die neue Rambo-Kultur, George Strait fürs Fahneschwenken, Gloria Gaynor (I will survive) als lebende Überlebenshymne – und Michael Crawford für den Pflicht-Sentimentmoment. Fehlt eigentlich nur noch Chuck Norris. Anyway… 

Eine Auswahl, die klingt, als hätte Melania im Keller des Weißen Hauses eine BRAVO von 1987 entdeckt und zur neuen ästhetischen Leitidee des Hauses erkoren. Make the Eighties Great Again.

Kurze Pause – Trommelwirbel

Und weil ihr Name gerade fiel… – kurze Pause, Trommelwirbel – Ladies and Gentlemen, hier die beste aller News! Donald Trump will die Washington National Opera umtaufen: in First Lady Melania Trump Opera House. Ein Ausschuss im Repräsentantenhaus hat seinem Vorschlag schon zugestimmt, easy, als ginge es gerade mal um ein paar neue Schilder an der Garderobe. 

Kurzzeitig, ich muss es gestehen, überfiel mich beim Schreiben dieser Zeilen eine Art physisches Unwohlsein. Ich will es vorsichtig formulieren: ein Mix aus Würgen und dessen Zugabe. Doch dann, fast wie durch eine höhere Eingebung, erinnerte ich mich an alles, was ich Zeit meines Lebens in der positive-thinking-Selbsthilfeliteratur gelesen hatte. Und siehe da: Die Schatten der 1930/40er Jahre, die eben noch durch meinen Kopf geisterten, wurden jäh überstrahlt von einer Ergriffenheit, die mich wie ein göttlicher Lichtstrahl überfiel. Denn mir wurde klar: Melania bekommt ihr Opernhaus. 

Melania! Ein Opernhaus! Wie fantastisch ist das denn, bitte? Okay, demokratische Party Pooper hätten das Haus lieber nach Clara Kathleen Rogers, Marian Anderson, Leontyne Price oder Renée Fleming benannt – alles Frauen, die die amerikanische Operngeschichte geprägt haben. Aber warum woke kleckern, wenn man republikanisch klotzen kann? Melania ist schließlich selbst eine Ikone. Berühmt für ihr unerschütterliches Engagement für die Kultur. 

Die stille Diva

Wer erinnert sich nicht an ihre sympathisch zurückhaltenden, ja: stillen Auftritte? Ist sie nicht quasi Strauss‘ Schweigsame Frau der Migrationspolitik? Verdis »Gilda« der US-Frauenbewegung? Und – nicht zuletzt – Mozarts »Blondchen« im Singspiel Don Donaldi? Wie wunderbar, dass Washington die Größe hat, dieses segensreiche Wirken zu ehren. Nur: warum kam eigentlich Peter Gelb an der MET nicht längst auf diese geniale Idee?

Sollte das Melania Trump Opera House Wirklichkeit werden, hätte ich, persönlich/beruflich einst in der Hochkultur sozialisiert und mittlerweile boulevardesk verroht, ein paar heiße Tipps für die Premieren-Spielzeit.

  • 1. Wagners Ring In der Götterdämmerung verglüht alles im Flammenmeer. Die Inszenierung endet als XXL-Pyro-Show, so dass das Publikum glaubt, das National Museum of African American History and Culture und das Museum of Natural History gleich mit abzufackeln. Trump auf Truth Social: »Best flames ever, nobody burns better than us!«
  • 2. Verdis Don CarloEin König, erdrückt von Intrigen, nutzt Religion als Schlagstock, hat sein Volk längst abgeschrieben und endet einsam im Palast. Auf der Bühne: jede Menge Deals, ein paar neue Tochterrollen und ein kurzer Draht zu Putin, als Video-Liveschalte. So bleibt die Handlung für den MAGA-Fanclub realistisch. Trump auf Truth Social: »Unfair! Great king. Should have had four more years!«
  • 3. Mozarts Don GiovanniEin Narziss ohne Grenzen, bis ihn die Hölle verschlingt. Doch die Inszenierung sollte das nicht zu wörtlich nehmen: Am Ende ruft der Held einfach seinen Anwalt an, Rudy Giuliani. Die Arie Afferrala per la figa (ital. für Grab ’em by the p***) wird zur Hit-Nummer des Abends. Trump dazu: Fake ending, folks. Don Joe will not go to hell. He had fantastic ratings.
  • 4. Wagners Rienzi. Ein hochstaplerischer Volkstribun hetzt die Massen, bis sie ihn ins brennende Kapitol jagen. Hitler liebte diese Oper. Trump auch. Das Finale bitte als patriotisches Mega-Feuerwerk, proudly presented by Fox News.Trump im Interview: »Fantastic opera. Best message. Almost me. But I’ll never burn. Never. Fire loves me. I’m stronger. Fire looks at me and says: Sir!«

Wem all diese vielschichtigen Handlungen zu kompliziert sind, der findet Ruhe und Entspannung in den Pausen im Opern-Foyer. Das Ivanka-Bistro lockt mit Burgern im Blattgoldmantel und Chardonnay aus der Trump Winery. Deftiger geht’s in der Don Jr.’s Patriot Sportsbar zu: Zum Craft-Bier gibt’s hier eine Gratis-Waffenbroschüre dazu, abgestimmt auf die am Abend spielende Oper; das Wildragout auf der Karte stammt selbstverständlich aus der Jagd des Küchenchefs persönlich. Für die feiner gesinnte Klientel lockt die First-Lady-Lounge: Wodka-Martinis im Swarovski-Glas, serviert von zwanzig Melania-Doubles mit Blicken so frostig, dass selbst Wotan, Hagen und Siegfried sich warm anziehen.

Vorbild für Deutschland?

Evviva l’opera! Sie möge also beginnen, die erste Spielzeit des neu getauften Opernhauses. Die bange Frage sei erlaubt: Wird das Ganze zur Blaupause, falls in Deutschland Schwarz-Rot weiter so dilettiert wie bisher? Droht uns dann unter einer künftigen Bundesregierung eine Bundeskanzlerin-Alice-Weidel-Staatsoper Unter den Linden? Was würde Christian Thielemann dazu sagen? Gedankenspiele, die vielleicht zu weit führen. Noch. 

Und: noch liegt der Ball beim Kongress. Der Haushaltsausschuss hat bereits abgenickt. Das Plenum dürfte folgen. Aber: Zieht der Senat mit? Erste Stimmen melden verfassungsrechtliche Zweifel an. Wer weiß … Wenn alles glatt läuft, so die Erwartung der Republikaner, beginnt ab 2026/27 die neue Ära der First Lady Melania Trump Opera. Uns erwarten Götter im Flammenmeer, Könige im Gotteswahn, Narzissten im Unsterblichkeitsrausch. 

Wagner trifft WrestleMania, Verdi trifft Vegas, Mozart trifft Mar-a-Lago. Kurz: alles maga – pardon: mega! Und durch den Premieren-Rummel klingt, wer genau hinhört, Richard Wagner sei Dank, Meister Sachs’ berühmter Satz: »Wahn, Wahn, überall Wahn.« Selten war der so real.

Das passende Shirt zum Text gibt es im Online-Shop von BackstageClassical.

Thomas Schmidt-Ott

Thomas Schmidt-Ott promovierte über amerikanisches Orchestermarketing, nachdem er in den Marketing- und Development-Abteilungen der Orchester in Boston und Los Angeles tätig gewesen war. Im Anschluss arbeitete er als Leitungsreferent Kultur im Berliner Senat und war Vorstandsvorsitzender der Brandenburgischen Sommerkonzerte. 2003 übernahm er die Position des Chefmanagers für die Orchester und den Chor des Bayerischen Rundfunks. 2007 wechselte er als Programmchef in das Start-up-Team von TUI Cruises. Im Jahr 2020 kehrte er – zum zweiten Mal in seiner Laufbahn – als Direktor zum Deutschen Symphonie-Orchester Berlin zurück. Thomas Schmidt-Ott ist seit September 2025 Mitglied der Direktion und der Künstlerischen Leitung der Komödie am Kurfürstendamm.

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