Film zum Bühnenjubiläum von Anna Netrebko

Februar 11, 2025
2 mins read
Eine Youtube-Doku zum Bühnenjubiläum von Anna Netrebko

30 Jahre Netrebko auf der Opernbühne. Das hätte Anlass für eine spannende Doku sein können. Leider ist es nur ein PR-Film ihres Managements, in dem Justus Frantz die Stimm-Karriere kommentiert.

English summary: Anna Netrebko’s 30-year operatic career could have inspired a compelling documentary. Instead, the film she shared on Instagram, available on her manager Miguel Esteban’s YouTube channel, feels more like a PR piece. Notably, Justus Frantz, a German pianist known for his pro-Putin stance, provides commentary. The absence of key Western collaborators, such as Nikolaus Harnoncourt, Peter Ruzicka, Rolando Villazon, Placido Domingo, and Elina Garanca, is glaring. One wonders how different this film might have been had Netrebko distanced herself from Putin’s Russia earlier. This was a missed opportunity to create a nuanced documentary reflecting on her complex career.

Anna Netrebko hat auf Instagram gerade einen Film zu ihrem 30. Bühnenjubiläum vorgestellt. Zu sehen auf dem YouTube-Profil ihres Managers Miguel Esteban. Stellen wir uns einen Moment lang vor, wie ein solcher Film ausgesehen hätte, wenn Putins Russland die Ukraine nicht brutal und völkerrechtswidrig angegriffen und die Sängerin früher klar Position bezogen hätte. Es wäre sicherlich eine epische Doku geworden: Alte Interviews und Probeszenen mit Nikolaus Harnoncourt, dann Peter Ruzicka über seine Salzburg-Entdeckung, O-Töne von Weggefährten der Deutschen Grammophon, von Rolando Villazón, Placido Domingo und Elina Garanča. Es wäre sicherlich eine ZDF-Hauptprogramm-Doku geworden, ein BBC-Feature – ein Kinofilm! Doch die Zeiten haben sich geändert. 

Der Film zum Bühnenjubiläum

Nun ist der prominenteste deutschsprachige Künstler, der in der Doku über »die Netrebko« redet ausgerechnet Justus Frantz! Deutschlands ehemaliger Klassik-Onkel und Klavierspieler, der noch heute in Russland auftritt und immer wieder für eine Annäherung des Westens an Putin wirbt.

Dass darüberhinaus alte russische Weggefährten auftreten gehört zu Netrebkos Vita und ist zum Teil sogar sehr erhellend. Aber dass ihr gesamter Aufstieg im Westen seit ihres Salzburg-Debüts und ihrer Deutschen Grammophon Karriere nicht von entscheidenden Wegbegleitern dieser Zeit kommentiert wird, ist irgendwie: falsch. Was wäre das für eine Chance gewesen. Eine Chance für eine spannende Dokumentation, eine streitbare Dokumentation, eine Dokumentation, meinetwegen, die alle Zerrissenheit der Karriere beleuchtet hätte. 

Nun schaut man dieser Doku ein wenig mitleidig zu wie einem Autounfall. Warum haben Netrebko, ihr Management, aber warum hat nicht auch das ZDF den Mut gehabt, den Anlass zu nutzen, um das Vergangene aus dem Heute einzuordnen. Um über die Zerrissenheit zu sprechen, die Zerrissenheit zwischen der russischen Heimat und der westliche Wahlheimat der Sängerin, die ihr gerade wieder Türen öffnet? Ja, dieser Film wäre eine Chance gewesen. Eine Chance für eine spannende Begegnung und für ein Stückchen Wahrhaftigkeit. So aber wird die wohl bekannteste Stimme unserer Zeit (und das ist Netrebko wohl) in einem – nun ja – zweitklassigen YouTube-Film gefeiert. Eigentlich ein Trauerspiel.  

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

Fördern

Artikel auf BackstageClassical sind kostenlos. Wir freuen uns, wenn Sie unabhängigen Klassik-Journalismus fördern.

Mehr aktuelle Artikel

Die fünf Neuerscheinungen der Woche

Fünf neue Aufnahmen, fünf sehr unterschiedliche Welten: Schostakowitsch mit Wucht und Tiefenschärfe, eine fast vergessene Revolutionsoper, Barock zwischen Himmel und Hölle, Fatma Said vor den Pyramiden – und Susan Tomes mit einem

Lieber Simon Rattle,

Simon Rattle verlängert seinen Vertrag beim BRSO. Als Maskottchen ist das sicherlich eine gute Wahl – aber musikalisch stagniert das Orchester.

Kulturjournalismus: München steckt im Gestern

Der Musikjournalismus steckt in der Krise: Redaktionen schrumpfen, Magazine verschwinden, vom Schreiben allein kann kaum jemand leben. Doch ausgerechnet die Hochschulen reagieren darauf kaum. Sie modernisieren die Technik, aber nicht den Journalismus.

Was Sachsens Theatern blüht

Sachsens Kulturszene läuft Sturm gegen den geplanten Doppelhaushalt 2027/28. Der Gesamthaushalt wächst auf rund 53,5 Milliarden Euro, bei der Kultur sind dennoch Einschnitte geplant. Wir zeigen, wen es besonders hart trifft.

Verflacht jetzt auch der Deutschlandfunk?

Die letzte Bastion des Kulturauftrags verändert ihren Kurs. Ein internes »Stylebook« des Deutschlandfunks zeigt, wohin die Reise geht: breiter, zugänglicher, gesellschaftlicher. Was als Öffnung gedacht ist, könnte zu einer massiven Verflachung führen

Sony Classical verliert seine Eigenständigkeit

Per Hauber geht, einen Nachfolger gibt es offenbar nicht. Schon 2024 hatte sich Michael Brüggemann zurückgezogen. Sony Classical bleibt – aber seine Eigenständigkeit schwindet. Dahinter steht eine größere Frage: Wie viel ist