Während die Politik in Bonn um Sanierung, Neubau und neue Standorte der Oper debattiert, melden sich jetzt die Intendanten Bernhard Helmich und Steven Walter und der GMD Dirk Kaftan zu Wort. Sie plädieren für Klugheit, Debatte und Vertrauen.
English summary: Bonn’s theater leaders Bernhard Helmich, Dirk Kaftan and Steven Walter urge unity in the city’s debate over whether to rebuild or renovate its stages. Writing on BackstageClassical, they call for trust, cooperation and a shared cultural vision, saying culture is not a cost factor but the creative force shaping Bonn’s future.
Bonn debattiert die Zukunft seiner Bühnen. Soll das Theater saniert oder neu gebaut werden? Kosten und Standorte stehen zur Diskussion. Nun melden sich der Generalintendant Bernhard Helmich, der Generalmusikdirektor Dirk Kaftan und der Intendant der Internationalen Beethovenfeste Bonn, Steven Walter, zu Wort. Bei BackstageClassical schreiben sie, dass die Zukunft ein gemeinsames Konzept braucht, Vertrauen und Zeit zur Entwicklung. Statt Streit und Einzelinteressen gehe nun um Besonnenheit, Kooperation und eine klare Vision, damit Kultur als gestaltende Kraft der Stadt wirken kann.
Von Bernhard Helmich, Dirk Kaftan und Steven Walter
Seit Wochen drehen sich die Debatten um Pläne, Varianten, Volumen, Standorte und Kosten. Sie sind Ausdruck notwendiger demokratischer Sorgfalt – und doch drohen sie, das Eigentliche zu übertönen. Kultur besteht nicht aus Kubaturen. Gerade wenn wir über ihre Zukunft diskutieren müssen wir aushalten können, was sie uns eigentlich lehrt: verschiedenste Fragen und Zweifel in einer Schwebe halten; unwahrscheinliche Begegnungen zulassen und Dasein in jener kostbaren Zeit, in der Menschen sich öffnen dürfen, bevor sie urteilen – und erst dann mit gereiftem Ausdruck selbstbewusst auf die Bühne treten.
Bonn hat Erfahrung mit dem Enden und Anfangen. Politischer Verlust hallt bis heute in der Stadt nach, als sei der Puls der Geschichte weitergezogen – und doch verwandelte sich diese Stadt auf inspirierende Weise in eine moderne, zukunftszugewandte Metropolregion. Kaum eine Stadt hat eine solche Wiederauferstehungsgeschichte geschrieben. Die Kultur hat an dieser Geschichte entscheidend mitgewirkt. Sie bot Ansätze zur Emanzipation und neuen Identitätsstiftung, sie trug wichtiges zur Verjüngung und Modernisierung der Stadt bei.
Baustelle ist keine Zukunft
Darum verkaufen wir die Kultur unter Wert, wenn wir heute so sprechen, als hinge die Zukunft der Bonner Bühnen allein an ein paar Baustellen. Wir können Häuser errichten – doch was nützen sie, wenn wir außer Acht lassen, wofür sie stehen und von welchem Inhalt sie leben?
Deshalb ist die eigentliche Frage nicht, wie wir bauen, sondern worauf aufzubauen ist. Die Bonner Kultur hat in den letzten Jahren starke inhaltliche Akzente gesetzt – diese gilt es in einem integrierten Gesamtkonzept zu gemeinsamen Grundsätzen und Zielen auszuarbeiten, die mit den kulturpolitischen Aufträgen abgeglichen werden müssen.
Über Bonn hängen Schatten vergangener Debatten. Klientelpolitik, Besitzstandswahrung, Zuständigkeiten, so manche Eitelkeit und vermeintlich verpasste Chance – die Vergangenheit prägt den Blick auf die Gegenwart. Was dieser Moment braucht, ist nicht der weitere Sturz kopfüber in den atemlosen kulturpolitischen Streit, der ohne wesentliche Grundlagen sinnlos ist – sondern dieser Moment braucht ein kollektives Atemholen.
Prozess des Vertrauens
Wir befinden uns als Stadtgesellschaft in einer Probenphase für ein kulturelles Werk, in dem das nun passieren muss, was in jedem künstlerischen Prozess vonstattengeht: vertrauens- und reibungsvoll sowie konzentriert daran arbeiten, aus dem Chaos der Möglichkeiten eine gerundete kulturelle Vision zu schaffen. Diese Arbeitszeit brauchen wir Verantwortlichen jetzt.
In den letzten Wochen gab es viele Wortmeldungen von aufrichtig engagierten Menschen, die aus ihren jeweiligen Perspektiven auf die aktuelle Verwaltungsvorlage im Stadtrat sehen. Kritikhat in diesem Prozess ohne Frage ihren Platz. Zu jedem Detail gibt es viele Argumente – doch sie sollten im Bewusstsein der Verantwortung für das Ganze bedacht werden. Eine Stadt, die nur noch gegeneinander abwägt und in der Logik der Mangelverwaltung denkt, verliert die stets möglichen Potentiale des Gemeinsamen, gar des gemeinsamen Vielfachen aus dem Blick. Die Vernunft ist die Ästhetik des Dauerhaften. Kluge Wege entstehen dort, wo Idee und Maß sich die Hand geben.
Mit der Prüfung unzähliger baulicher Optionen und ihrer Bezifferung ist ein sehr respektabler und wichtiger Zwischenschritt erreicht – dafür ist der Stabsstelle „Zukunft Bonner Bühnen“ und der Kulturdezernentin sehr zu danken. Genauso wie dem Oberbürgermeister, der beherzt für die Kultur und ihre Entwicklung einsteht und einem Kämmerer, der Maß und Mitte sieht. Was also nun tun?
Kein Zögern
Zunächst: glauben und gegenseitig vertrauen. Glauben an die Richtung, die der Stadtrat im Mai 2025 gewiesen hat – nicht als Endpunkt, sondern als Horizont. Glauben, dass Kulturentwicklung eine andere Zeitlichkeit braucht: besonnen, organisch, widerständig gegen die Ungeduld politischer Rhythmen. Die Kulturinstitutionen brauchen im wahrsten Sinne Raum zur Verortung, freie und kleinere Akteure sollen eingebunden werden. Der vielstimmige Chor des Publikums braucht Resonanzraum. Und zugleich ist allen klar: die »Probenzeit« ist nicht unbegrenzt; das Werk muss auf die Bühne. Die bisherigen Gebäude halten nur noch wenige Jahre.
Jedes Zögern wird schon sehr bald zur konkreten Einschränkung für Kunst und Kultur – und zu einer weiteren Hypothek für die Zukunft. Es geht nicht um Wochen, aber um Monate; nicht um Ruhe, sondern um konzentrierte und zielstrebige Besonnenheit. Der Prozess »Zukunft Bonner Bühnen« braucht strukturierten Entfaltungsraum, in der Kultur, der Verwaltung und Stadtgesellschaft, vor allem aber auch im Stadtrat.
Kultur ist kein Kostenfaktor
Wir, die Theater leiten, ein Orchester führen, Festivals gestalten, sprechen künstlerisch mit unterschiedlichen Stimmen, aber in derselben Sprache: der des Ermöglichens. Jede Entscheidung über die Form von morgen ist schon heute Teil eines größeren kulturellen Narrativs. Wir sind als Akteure ein Teil des notwendigerweise gemeinsamen Prozesses. Eine Stadt, die Kultur gestaltet, gestaltet sich selbst. Darum ist es Zeit, sich Zeit zu nehmen – klug, bewusst, entschieden.
Der wahre Zukunftsprozess der Bonner Kultur ist längst weiter als nur eine erste Stadtratsvorlage. Sie hat sich bereits gewandelt – hin zu Kooperation, Offenheit, vereintem Denken. Wir stehen nicht nebeneinander, sondern miteinander, in Verantwortung für dieses Ganze. Kultur ist kein Kostenfaktor, sie ist jene Sprache, in der eine Stadt über sich selbst nachdenkt.
Neue Wege
Bonns kulturelle Zukunft liegt nicht im Streit der Varianten, sondern in der Einigkeit über das Ziel. Wir wollen, dass dieser Prozess strukturiert weitergeht – behutsam, hörend, sortiert. Wir werden mit der Stabstelle Formate der Information und Beteiligung anbieten, die der Stadtrat evaluieren und in gesamtstädtische Prozesse, in eine Vision für die Stadt Bonn integrieren kann.
Denn wir entscheiden nicht – das ist dem Stadtrat vorbehalten – wir werden uns aber einbringen, einladen und mitnehmen. Uns ist bewusst: Nur, wer sich bewegt, kann verwurzelt bleiben. Nur, was sich verändert, hat Bestand. Wenn wir jetzt den Mut haben, städtebauliche, finanzielle, architektonische und kulturpolitische Fragen in das große Bild einer gemeinsamen Kultur einzuweben – und nicht umgekehrt – dann kann aus dieser offenen Phase das wachsen, was Bonn verdient: ein neues Selbstbewusstsein, das sich am Anfang einer Zukunft und nicht am Ende einer Vergangenheit wähnt.
Vielleicht ist das die schönste Variante von allen. Neue Ziele liegen auf neuen Wegen für unseren jahrhundertelangen Pfad der Bonner Kultur.
Der Text erschien zuerst im Bonner Generalanzeiger

