Advent, Advent, kein Lichtlein brennt…

Dezember 16, 2025
2 mins read
Der WDR feiert Advent – leider mit null Advent-Programm!

Viel wird vom Bildungsauftrag der Öffentlich-Rechtlichen geredet – aber an entscheidenden Punkten versagt der. Das zeigt ein Blick auf das Thema Advent. Da sieht es zappenduster aus. Eine Polemik von Guido Krawinkel

Vor einigen Jahren gastierte das offizielle Adventskonzert des Landes NRW in Bonn – für den lokalen Kulturschreiber ein Pflichttermin. Die Promidichte im damals frisch renovierten Bonner Münster verhieß Bedeutungsvolles: Ministerpräsident Hendrik Wüst war zugegen, ebenso der damalige WDR-Intendant Tom Burow. Heiner Lauterbach las Besinnliches, Susanne Wieseler moderierte.

Was Land und WDR dann aber unter dem Etikett »Advent« live in Radio und Fernsehen ausstrahlten, war nichts Anderes als ein pseudosakraler Einheitsbrei mit gefühlig-romantischer Weihnachtssoße. Adventliches kam da allerhöchstens in homöopathischen Dosen vor. Stattdessen hatte ein Großteil des Programms nicht das Geringste mit dem Thema Advent zu tun.

 Advent ist nicht Weihnachten

Natürlich kann sich kurz vor Heiligabend schon mal hier und da die Weihnachtsvorfreude Bahn brechen. Im Bonner Münster tat sie das allerdings so ungehemmt, dass man sich des Eindrucks nicht erwehren konnte, das fünfte Lichtlein würde schon brennen. Schlimmer noch: Auf ein Gloria von Vivaldi folge Panis angelicus von Franck, ein Ave Maria durfte natürlich auch nicht fehlen – alles schöne Musik, aber durchweg sakrale Allerweltskost, die mit Advent oder selbst mit Weihnachten nicht mal ansatzweise etwas zu tun hat. Und dann noch: White Christmas, Petersburger Schlittenfahrt, Schwanensee, Vivaldis Winter und Leise rieselt der Schnee – garniert mit betulichen Geschichten.

Im Hinblick auf besagten Bildungsauftrag war das im Grunde genommen eine Bankrotterklärung, ein Etikettenschwindel, denn von 18 musikalischen Beiträgen hatten genau drei (!) im wirklich engeren Sinne etwas mit dem Advent zu tun, eine klassische Mogelpackung also. An programmatischer Einfältigkeit war das zudem kaum zu überbieten. Oder vielleicht doch?

2025 kam das »Adventskonzert« aus Viersen-Dülken. »Wir wollen dem Advent heute Abend ganz, ganz viel Raum geben«, sagte Ministerpräsident Wüst in seiner Ansprache, doch das war im Grunde genommen gelogen. Live aus der Pfarrkirche St. Cornelius wurde wieder – garniert mit dem üblichen Promifaktor – haargenau der gleiche pseudoliturgische Einheitsbrei mit gefühlig-romantischer Weihnachtssoße übertragen, diesmal sogar noch weihnachtlicher. Denn der genuine Adventsanteil war nun auf sage und schreibe Null Prozent gesunken. Null!

Null Advent

Eine waschechte Nullnummer sozusagen, jedenfalls wenn man das selbstgestellte (!) Thema als programmatischen Maßstab nimmt. Bei den anderen Sendern sieht es – egal ob BR, NDR, MDR oder SWR, ob im Radio oder dem Fernsehen – nicht besser aus. Der Advent kommt im Programm im Grunde genommen nicht mehr vor – abgesehen vielleicht von einigen wenigen Spezialsendungen mit geistlicher Musik. Weihnachten hat übernommen. Denn was die Öffentlich-Rechtlichen als Advent verkaufen, also eine Zeit der Erwartung und der Hoffnung auf das erst noch kommende »Fest der Feste«, ist nichts anderes als ein verfrüht gefeiertes Weihnachtsfest – Nativitas präcox sozusagen.

Krankhaft ist das zum Glück nicht, aber scheinbar ansteckend. Dann kann Weihnachten aber bitteschön jetzt auch endlich kommen. Hoffentlich. Oder ist vielleicht schon längst Weihnachten? Dann wäre es wenigsten schon vorbei, das pseudoadventliche Elend.

Guido Krawinkel

Geboren 1970, Studium der Musikwissenschaften, Französisch, Kommunikations­forschung und Philosophie in Bonn. Parallel erfolgten Praktika und Fortbildungen im journalistischen und kulturpolitischen Bereich, sowie die Ausbildung zum nebenberuflichen Kirchenmusiker (C-Examen). Nach Tätigkeiten in der Tonträgerbranche, im Verlagswesen und beim Rundfunk arbeite ich heute als freier Musikjournalist unter anderem für Nachrichtenagenturen (KNA), Zeitungen (General-Anzeiger Bonn, NMZ), Internetportale (Klassik Heute), Fachzeitschriften (organ, chorzeit, Oper & Tanz, Crescendo) und schreibe Programmhefttexte, u.a. für die Elbphilharmonie, die Bremer Philharmoniker oder die Philharmonie Thüringen Gotha und eine PR-Agentur.

Fördern

Artikel auf BackstageClassical sind kostenlos. Wir freuen uns, wenn Sie unabhängigen Klassik-Journalismus fördern.

Mehr aktuelle Artikel

BackstageClassical ist in den Sommerferien

Die Klassik-Welt dreht weiter, aber wir machen Ferien. Am 1. September sind wir wieder für Sie da – mit täglichen News aus der Welt der Klassik. Bis dahin hier ein wenig Lektüre und

Publikumsbeschimpfug ist auch keine Lösung, Herr Mondtag

Ersan Mondtag nennt das Salzburger Publikum nach den Buh-Rufen für seine „Ariadne auf Naxos“ provinziell. Doch wer Kritik als Unfähigkeit abtut, verwechselt künstlerischen Anspruch mit Überheblichkeit – und verliert den Respekt vor

Friedman, Rienzi, Ring und Co. – eine Bayreuth-Bilanz

Peter Huth, ehemaliger Chefredakteur der Welt am Sonntag und Kommunikationschef von Axel Springer, bespricht mit Axel Brüggemann die erste Festspielwoche im Podcast von BackstageClassical. Auch Nathalie Stutzmann, Michel Friedman oder Katharina Wagner

Warum fällt Hinterhäuser der Abschied so schwer?

Markus Hinterhäuser ist nicht mehr Intendant der Salzburger Festspiele. Dennoch ist er allgegenwärtig. Der Streit um seine Trennung wirft Fragen nach Transparenz auf – und nach der Fähigkeit, ein Amt auch wirklich

Rienzi ist Wagners Monster

Die Dirigentin Natalie Stutzmann und die Regisseurinnen Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka haben in Bayreuth mit ihrer Lesart von Wagners Rienzi begeistert – hier blicken sie hinter die Kulissen und erklären Ihre Ansätze.

Neuer Blick auf Karajan

Karajans Rolle im Nationalsozialismus muss historisch genau betrachtet werden, sagt Biograf Wolfgang Rathert und fordert wissenschaftliche Sachlichkeit in der Karajan-Debatte. Dabei attestiert er dem Dirigenten Skrupellosigkeit in seiner Karriere.

12 Wurstfinger und ein König

Der KI-Ring in Bayreuth ist ein anstrengendes Unterfangen. Die von Marcus Lobbes kuratierten Bilder erinnern an die Pionierzeit der künstlichen Intelligenz. All das scheint nicht nur das Publikum abzulenken, sondern auch das

Diktator sind wir alle

150 Jahre Bayreuth: Zwischen Festakt und Rienzi drehen die Festspiele ihre eigene Geschichte durch den Necker-Würfel. Ein Essay über Erinnerung, Macht, Populismus – und die Verantwortung jedes Einzelnen.

Lieber Igor Levit,

Igor Levit und Danger Dan dürfen beim ZDF nicht auftreten – nun stilisieren sie sich zum Opfer. So geht PR.

Verpassen Sie nicht ...