Kann Nelsons Leipzig noch Mal inspirieren?

September 6, 2025
1 min read
Andris Nelsons beim Gewandhaus (Foto: Gerber)

Der Vertrag von Andris Nelsons als Gewandhauskapellmeister soll bis 2032 verlängert werden. Leipzig hat lange um diese Entscheidung gerungen.

English summary: Andris Nelsons will remain Gewandhauskapellmeister in Leipzig until 2032, entering a third term. Despite internal debates and criticism, the orchestra chose continuity. Joint projects with Boston will continue.

Es war längst beschlossene Sache, wir hatten bereits im Mai berichtet,  nun ist es auch offiziell: Andris Nelsons bleibt Gewandhauskapellmeister bis 2032 und tritt damit seine dritte Amtsperiode an.

Vorausgegangen ist offenbar eine grundlegende Debatte im Orchester und in der Stadtpolitik: Nelsons ist ein teurer Chef, das Gewandhaus hat ihn nicht exklusiv, und ob das Orchester unter ihm wirklich an Glanz gewonnen hat, wird unterschiedlich bewertet. Nelsons scheint seinem Ensemble in Boston mehr verbunden zu sein als jenem in Deutschland, und überhaupt: Ist die Geschichte mit ihm nicht auserzählt? 

Das Gewandhausorchester selber hatte zwischenzeitlich die Fühler in andere Richtungen ausgestreckt, hatte hier geflirtet und dort geflirtet – und am Ende offensichtlich doch kalte Füße bekommen und sich (in einer Orchester-Abstimmung) auf das Bekannte geeinigt. Nun soll es mit Nelsons weiter gehen –  bis 2032, vier Jahre länger als der amtierende Intendant Andreas Schulz beim Orchester bleiben wird.

Und darin liegt die eigentliche Krux: Tatsächlich hätte Leipzig die Chance gehabt, 2027 (wenn Nelsons Vertrag ausgelaufen wäre) seine Klassik-Szene grundlegend neu zu ordnen. In den letzten Monaten haben unter anderem die etwas verunglückten Ausschreibungen der Stellen des Opernintendanten und des Gewandhaus-Geschäftsführers für allerhand Unruhe gesorgt und gezeigt, dass Leipzigs Klassik-Institutionen nicht optimal geordnet sind. Neben dem Gewandhauskapellmeister gibt es einen Opern-GMD, ebenso gibt es an beiden Häusern, an denen das Orchester spielt, unterschiedliche Intendanzen.

Wäre es nicht ein guter Zeitpunkt gewesen, diese unzeitgemäße (und kostspielige) Posten-Aufteilung neu zu sortieren? Leipzigs Kulturbürgermeisterin Skadi Jennicke fehlte der Mut dafür, sie vertraut nach allen Abwägungen offensichtlich mehr auf die Strahlkraft von Nelsons und hofft auf seine internationale Wirkung. Nun heißt es also: Weiter wie bisher. 

Die Zusammenarbeit zwischen dem Gewandhausorchester und dem Boston Symphony Orchestra soll weiter laufen, gemeinsame Projekte, wie zuletzt beim Schostakowitsch-Festival sollen dabei im Mittelpunkt stehen. Zudem soll die Zusammenarbeit der Ausbildungszentren beider Orchester (Mendelssohn-Orchesterakademie und Tanglewood Music Center) weiter intensiviert werden.

Außerdem will Nelsons mit der Ernennung von Gewandhauskomponistinnen oder -komponisten fortfahren. Parallel dazu wird die Präsenz von Schlüsselwerken im beliebten Kanon des Gewandhausorchesters gestärkt, auch im Rahmen der intensiven Fortführung der Zusammenarbeit mit der Deutschen Grammophon. Verschiedene Aufnahmeprojekte, beginnend mit dem Abschluss des Mendelssohn-Zyklus, sowie Sibelius und Dvořák sind in Planung. 

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

Fördern

Artikel auf BackstageClassical sind kostenlos. Wir freuen uns, wenn Sie unabhängigen Klassik-Journalismus fördern.

Mehr aktuelle Artikel

Ein Angebot, das er nicht ablehnen kann

Showdown: Das Festspielkuratorium der Salzburger Festspiele hat Markus Hinterhäuser ein Szenario offeriert, über das er nun bis zum 20. März nachdenken kann. Ein Kommentar.  

American Nightmares in der Klassik

Kultur-Diskurs zwischen Eskapismus und Widerstand: Hannah Schmidt und Axel Brüggemann debattieren im Podcast Takt & taktlos die aktuellen Themen der Klassik.

Das Reich der kulturellen Mitte

Kanzler Friedrich Merz ist in China. In Peking gastieren sowohl Valery Gergiev und sein Mariinksy Orchester als auch die Berliner Philharmoniker mit Kirill Petrenko. Ein historischer Rückblick auf Europäisch-Chinesische Musik-Beziehungen.  

Liebe Papagenas,

Achtung! Achtung! Da draußen ist ein bunter Vogelfänger unterwegs. Er tarnt sich als Sänger. Früher war er Tenor, heute hat er Federn gelassen – tingelt als Bariton und Clown durch die Gegend.

Einspruch, Herr Wolffsohn

Michael Wolffsohn hat Karajan in seinem neuen Buch vom Nazi-Sympathisantentum weitgehend reingewaschsen. Nun widerspricht ihm der Karajan-Experte und Historiker Oliver Rathkolb. Er sagt: die Faktenlage spricht eine andere Sprache.

Fliegender Teppich ohne Magie

Bluescreen-Effekte prägen Händels »Tamerlano« bei den 48. Internationalen Händel-Festspielen Karlsruhe. Doch der eigentliche Zauber entsteht im Orchestergraben.
Bogdan Roščić Porträt

Lieber Bogdan Roščić,

meinten Sie wirklich den gerngroßen Medien-Mufti Mucha, der über Ihr Opernball-Musical-Programm polterte, als Sie George Bernard Shaw auf Instagram zitierten: »I learned long ago never to wrestle a pig. You get dirty

Liebe Stefanie,

seit der BR sich Dich als »Gesicht« für sein Klassik-Programm vorstellt, bist Du irgendwie anders geworden. Weißt Du noch, wie wir auf dem Flokati gelegen, Tristan gehört und Erdnussflips gegessen haben? Und

Epstein und die Klassik

In den Epstein Files kommen auch zahlreiche Klassik-Künstler vor – oft sollten sie das Image des kulturinteressierten Mäzen pflegen. 

Verpassen Sie nicht ...