Daniel Harding dirigiert Wagners »Siegfried« in Rom – und entfesselt mit dem Orchester der Accademia Santa Cecilia einen Klangrausch. Große Stimmen und eine Reise durch die Religionsgeschichte.
Zur Saisoneröffnung der Accademia Santa Cecilia in Rom dirigierte Chef Daniel Harding Richard Wagners »Siegfried«, den zweiten Abend des im letzten Jahr begonnenen neuen »Ring des Nibelungen«. Und der englische Dirigent erwies sich dabei erneut als großer Könner und Kenner der Partitur. Wir kennen die Diskussionen um einen transparenten Klang – wahrscheinlich entstanden aus der historisch-kritischen Aufführungspraxis, im Gegensatz zum eher massigen, voluminösen Eindruck, wie er gern mit romantisierenden Altmeistern à la Karajan verbunden wird. So einfach zu etikettieren ist das aber nicht. Gerade bei einer Wagnerschen Orchesterbesetzung mit einem halben Dutzend Kontrabässen und viel Blech.
Wichtig ist auch die lokale Akustik, und die ist im Hauptsaal des Auditoriums Parco della Musica vorzüglich: 2002 eröffnet und von Renzo Piano entworfen. Daniel Harding, seit 2024 Musikdirektor, hat das 1585 (!) gegründete Orchester in kürzester Zeit auf ein neues Niveau gehoben (natürlich immer auf dem Erbe seiner Vorgänger aufbauend, wie Pappano und Sinopoli). Das Ergebnis ist ein Rausch aus Klang, der beim »Siegfried« die Hörerinnen und Hörer mit dem Gefühl entlässt, als schwebe man in einer psychedelischen Wolke.
Mittendrin im Wald
Das kündigt sich im ersten Aufzug an, der die harte, böse Jugend des naiven Siegfried bei seinem gemeinen Ziehvater Mime mit einem weichen Soundtrack untermalt. Der grüne, moosige Boden des allgegenwärtigen Waldes prägt, was wir hören. Im zweiten Aufzug geht diese Naturnähe mit einer faszinierenden Klarheit weiter. Ob eine Harfensaite erklingt, am Kontrabass gezupft wird oder die Querflöte den Waldvogel ankündigt: Man ist mittendrin, hört und spürt jede Schattierung der Instrumente und ihrer Klänge; nichts verliert sich in einem »Klangbrei«.
Ein phänomenales Ensemble
Harding hat nicht bloß ein brillantes Orchester, sondern ein ebenso phänomenales Ensemble an Stimmen: Clay Hilley, der perfekte Siegfried mit dem Heldentenor des 21. Jahrhunderts, leicht kehlig und trotzdem strahlend. Michael Volle, der Gottvater Wotan und Wanderer, ein unübertrefflicher Bassbariton – nicht langweilig sonor, sondern intelligent erzählerisch modulierend.

Charaktertenor Wolfgang Ablinger-Sperrhacke singt und spielt als Mime wunderbar, was die Rolle braucht. Wer im Publikum auch weiß, welche Wörter gesungen werden, ist besser dran, denn seine Textverständlichkeit Ist nicht immer ganz deutlich. Darüber hinaus begeistert vor allem Anna Kissjudit (Erda) mit ihrem tiefen, kupfergoldenen Alt. Die Auftritte von Falk Struckmann (Fafner, rau, harsch) oder Wolfgang Koch (Alberich, wütend, bedrohlich) mögen kurz sein, stimmlich sind sie makellos und passend.
Wagner im Rom der Päpste
Regisseur Vincent Huguet und sein Team (Bühnenbild: Pierre Yovanovitch; Kostüme: Edoardo Russo; Licht: Christophe Forey; Bühnenregie: Michele Olcese) erzählen den »Ring« als Zusammenspiel von Mythos und Geschichte: Griechisch-römische Antike, ägyptische Symbole, westliche und orientalische Religiosität bilden den optischen Rahmen.
In »Siegfried« befinden wir uns im »Rom der Päpste«, in einer mittelalterlichen Epoche. Alle Figuren folgen in der Kostümierung einer kirchlichen/religiösen Ikonografie; recht simpel, aber schlüssig und einleuchtend: Mime und Siegfried kommen aus dem Klosterepos »Der Name der Rose«, sehen aus wie der Franziskanermönch William von Baskerville und sein Schüler Adson von Melk.
Alberich, der Hüter des Nibelungenschatzes: ein Tempelritter. Der Riese und Drache Fafner: ein persischer Magier (= ein böser Heiliger Dreikönig). Erda ist die Heilige Elisabeth von Thüringen, aus dem Turmfenster ihrer Kemenate singend. Wotan/Wanderer ein Papst in Weiß und Brünnhilde eine christliche Nonne. Und der Waldvogel ist ein byzantinischer Engel.
Letztere, die Sopranistin Lysa Menu, ist der einzige sängerische Fehlgriff. Weil nicht ätherisch körperlos, sondern mit viel zu viel Tremolo, Vibrato und fast quietschend, leider nicht zwitschernd.
Ein großer Dirigent ist auch ein Zauberer
Die Aufführung spielt in einem Einheitsbühnenbild: In der Mitte ein Tor, rechts und links gewaltige Treppenaufgänge, alles immer wieder stellenweise umdekoriert und dramaturgisch beleuchtet. Das gesamte Regiekonzept und dessen Optik sind stilistisch eine Neo-Postmoderne: zusammengewürfelt (wie z. B. die Kostüme), dabei vor allem beim Bühnenbild fast streng und minimalistisch – wenig organische Rundungen, mehr Linien und Kanten.
Organisch und atmend und das voller Energie ist die Musik, ist das Orchester. Wenn ein Hornbläser im Überschwang mal kurz wackelig pustet, dann ist es hier ein Zeichen künstlerischen Engagements, da darf auch mal etwas fast schiefgehen. Harding schwingt seinen Dirigierstab, und was er aus den Musikerinnen und Musikern herauszaubert, beweist: Ein großer Dirigent ist immer auch ein Zauberer.

Im dritten Aufzug überträgt sich diese Magie besonders deutlich auf das Publikum und transportiert alle in die oben erwähnte Gefühlswolke. Wenn sich Siegfried und Brünnhilde kennenlernen, zum ersten Mal sehen, verlieben und küssen, passiert Musik, die nicht von dieser Welt ist. Wegen Harding und dem Orchester der Accademia. Und wegen Elisabeth Strid als perfekte Brünnhilde mit himmlischem Sopran. Zwar keine Powerfrau à la Birgit Nilsson, aber mit derselben schwedischen Einzigartigkeit im strahlenden Timbre.
P.S.: Zu den Pausengesprächen in Rom gehörte auch die Frage: Wer sind die besten Wagner-Dirigenten unserer Tage? Top Five: Daniel Harding, Marek Janowski, Kirill Petrenko, Christian Thielemann, Simone Young. Die Rangreihung ist objektiv alphabetisch. Und zufällig aktuell 🙂

