Mit den »Meistersingern von Nürnberg« endet nach 24 Jahren ein einzigartiges Wagner-Projekt. Philipp v. Studnitz erlebt in dem kleinen Stadttheater große Oper – mit Frank Beermann, einem brillanten Ensemble und einem Minimalismus, der selbst Bayreuth überragt.
In der Welt der Wagner-Freunde und -Kenner weiß jeder um das »Wunder von Minden«. Das Stadttheater in Westfalen (rund 500 Sitzplätze und ein Mini-Orchestergraben für höchstens 22 Musikerinnen und Musiker) war seit 2002 der Ort eines einzigartigen Projektes, das sich zu einem Phänomen entwickelte: Alle zehn Opern Richard Wagners, die zum Bayreuther Kanon gehören, wurden dort in eigenen Produktionen auf die Bühne gebracht, vom Publikum und der Kritik umjubelt und gefeiert. Am Sonntag, 27. September, war mit der letzten Aufführung der »Meistersinger von Nürnberg« das Projekt vollendet, das ganze Wunder vollbracht.
Großes Wagner-Theater auf kleiner Bühne
Nun brauchen die »Meistersinger« ein Wagner-typisches Orchester in großer Besetzung, dazu Chorszenen in Volksfest-Dimension. Wie geht das in einem Haus, in dem die Bühnenfläche etwa 200 Quadratmeter beträgt? Normal wäre das Dreifache. Und wie musiziert man dort, wo allein ein Dirigent, zwei Kontrabässe, vier Geigen und drei Posaunen schon nach räumlicher Bedrängnis klingen?
Die Mindener Bühne mag zwar klein sein, aber sie hat genügend Tiefe, um im hinteren Bereich ein komplettes Orchester zu platzieren. Dazu kommt ein eigens konstruiertes Gerüst mit aufsteigenden Reihen für die Instrumentalistinnen und Instrumentalisten und den Chor mit fünf Dutzend Stimmen. So triumphiert, in glücklicher Fügung aus dem Zusammenspiel der Akustik des Hauses und der räumlichen Restriktionen, ein Minimalismus, dessen Wirkung völlig einzigartig ist. Und der in vielerlei Hinsicht »große« Produktionen in normalen Opernhäusern überragt, das Bayreuther Festspielhaus inklusive.
Komödie aus nächster Nähe
Glücklich ist, wer dieses Mindener Wunder gerade bei den »Meistersingern« erleben durfte. Es ist ja immer wieder viel diskutiert und besprochen worden, wie und warum dieses Wagnersche Werk eine Komödie ist. So eindrucksvoll und überzeugend wie im westfälischen Stadttheater konnte man das selten erleben.
Komödie lebt von Ausdruck und Präzision. Wenn man nun jede mimische und gestische Regung, jedes Grinsen, Stolpern oder Augenrollen aus nächster Nähe sehen und erleben kann, versteht man als Zuschauerinnen und Zuschauer gleich ganz viel mehr. Der Bühnenraum wird durch die Nutzung der Logen als Spielflächen vergrößert, die berühmte Prügelszene wiederum ist eine Verfolgungsjagd durch die Sitzreihen. Dass die »Meistersinger«-Truppe praktisch ausnahmslos brillant schauspielert, ist eine weitere Facette der so gelungenen Produktion.
Handwerk trifft Kunst
Nun ist es aber auch eine Oper, es geht um Musik. Es ist kaum zu fassen, auf welchem höchst meisterlichen Niveau hier gesungen und musiziert wird. An der Spitze steht der Dirigent Frank Beermann, seit 2002 dabei. Er verkörpert eines der »Meistersinger«-Prinzipien in Personalunion: Handwerk trifft Kunst. Inspiriertheit erweitert Können.
Dank Beermann und der Nordwestdeutschen Philharmonie hören wir perfekte Phrasierung, spüren den energiereichen Schwung des Vorspiels ohne albernes Pathos, fühlen jede Melodie – wie im Preislied oder im Quintett – direkt das Herz berühren. Nur die brummende Orgel am Beginn irritierte.
Stimmen auf höchstem Niveau
Dazu verblüffte jede, wirklich jede Rolle kritische Hörerinnen und Hörer durch die Erstklassigkeit der Stimmen. Als Walther von Stolzing, der fränkische Star und Publikumsliebling jeder Aufführung, schaffte Tenor Jussi Myllys alles: vom unsicheren Brautwerber hin zum klangschönsten und siegreichen Meistersinger.
Fast noch besser der typische Tenorkonkurrent und Schusterlehrling David, hier Stephen Chambers mit seinem platin-glänzenden Timbre zwischen Wagner-Held und ein bisschen Belcanto. Die Sopranistin Emma McNairy (Eva) hat eine fast zu große Stimme für ihre junge Rolle, was aber nur beckmesserisch überempfindliche Hörerinnen und Hörer stört. Kathrin »Magdalene« Göring singt alles als Vollblut-Komödiantin, vor allem wenn sie mitwippt und liebevoll strahlt.

Sixtus Beckmesser scheint für den Bariton Michael Borth erfunden und komponiert worden zu sein. Seine tuntige, linkische Körpersprache ergänzt diese Schlüsselfigur, die zwar großartig singen kann, aber auch zu verklemmt ist, um alles geradlinig toll zu machen.
Mittendrin brilliert Bassbariton Simon Bailey als Richard Wagners Alter Ego Hans Sachs. Man versteht jedes Wort, ist entzückt über sein Spiel – und vorbildlich schön singen kann er natürlich auch.
Hand in Hand
Die Publikumsbegeisterung gilt ebenso dem Chor unter Raymond Hughes und dem genialischen Team aus Regie, Bühnenbild, Licht/Videos und Kostümen – Jakob Peters-Messer, Guido Petzold und Angela Schuett. Alle sind, Hand in Hand mit den hauseigenen Technikerinnen und Technikern sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, essenziell für das Gelingen, hinter und vor den Kulissen.
Den hochpolitischen Schluss, das umstrittene »Heil«-Gesinge zur Ehre der teuren deutschen Kunst, löst die Regie durch den Kniff, der die ganze Produktion bestimmt: Die Figuren sind Darstellerinnen und Darsteller mit Arbeitsvertrag, keine echten Nürnberger Menschen mit ideologischem Programm. Wenn sie fertig gesungen haben, gehen sie nach Hause. Feierabend.
24 Jahre Wagner-Wunder
Das Wagner-Wunder von Minden wurde von Frank Beermann und Jutta Winckler-Hering über 24 Jahre lang möglich gemacht. Die Präsidentin des traditionsreichen Richard-Wagner-Verbandes vor Ort hatte einst die Idee – und alles mit ihrem strengen Charme plus kaum fassbarer Überzeugungs-Power realisiert; Spendensammel-Kraft nebst unvergleichlicher Wagner-Erfahrung gehören dazu.
Irgendwann bekam sie das Bundesverdienstkreuz. Wahrscheinlich auch für all die Opern im Stadttheater.

