Nach der Recherche von BackstageClassical zum Vienna Opera Lab gibt es eine weitere Absage – und zahlreiche neue Hinweise. Sie zeigen: Bezahlte Vorsingen und Geschäfte mit der Hoffnung junger Sänger sind längst kein Einzelfall.
Nach unserer Recherche zum Vienna Opera Lab hat nun ein weiterer Teilnehmer abgesagt: Trevor John Pichanick, Referent des Ko-Intendanten der Komischen Oper in Berlin und Leiter des Opernstudios (in einer vorherigen Fassung haben wir fälschlicher Weise »Casting Director« geschrieben), erklärte gegenüber BackstageClassical, dass er sich ebenfalls vom Opera Lab zurückgezogen habe. Nach unserem Bericht hatten bereits Peter Heilker, designierter Intendant der Oper Leipzig, und Malte Puls, Operndirektor der Volksoper Wien, ihre Teilnahme zurückgezogen.
Außerdem haben die Redaktion zahlreiche Reaktionen von Leserinnen und Lesern erreicht, von Sängerinnen und Sängern, Agenturen und Theatermitarbeitern. Viele weisen uns darauf hin, dass bezahlte Vorsingen und der kostenpflichtige Zugang zu Casting-Verantwortlichen längst kein Einzelfall mehr sind – und dass ein Großteil der etablierten Häuser oft sehr kritiklos bei diesen fragwürdigen Geschäften mitmacht.
300 Euro für ein Vorsingen in Berlin
Besonders häufig wurden wir auf die New York International Opera Auditions, kurz NYIOP, aufmerksam gemacht. Die Organisation veranstaltet seit Jahren Vorsingen, bei denen Sängerinnen und Sänger gegen Gebühr vor Casting-Verantwortlichen verschiedener Opernhäuser auftreten können. Das nächste Vorsingen findet im November in Berlin statt, die Teilnahme kostet 300 Euro – für den Pianisten fällt eine zusätzliche Gebühr an. Welche Casting Directors daran tatsächlich teilnehmen, ist derzeit noch nicht veröffentlicht. NYIOP wirbt damit, dass mindestens vier bis fünf internationale Casting- und Branchenvertreter die Vorsingen verfolgen.
Außerdem bot NYIOP das »ANON – Anonymous Audition Project« an: Sängerinnen und Sänger reichten zunächst Aufnahmen ohne Bild ein. 40 Ausgewählte wurden anschließend zu einem anonymen Zoom-Vorsingen mit ausgeschalteter Kamera eingeladen. Zum Panel gehörten laut NYIOP unter anderem Vertreter der Hamburgischen Staatsoper und des Staatstheaters Oldenburg sowie von Opera North, dem Jette Parker Young Artists Programme des Royal Opera House und mehreren Agenturen.
Ein größeres Geschäft
Auch aus den Opernhäusern selbst erreichen uns Reaktionen. Mehrere Theaterleute berichten BackstageClassical, dass Einladungen zu bezahlten Jurys, Wettbewerben und ähnlichen Formaten inzwischen zum Branchenalltag gehören. Teilweise würden dafür Honorare sowie Reise- und Aufenthaltskosten übernommen. Besonders häufig, so berichten mehrere Gesprächspartner, habe es in der Vergangenheit Einladungen zu Wettbewerben und Jurys in Russland gegeben. Viele, die uns geschrieben haben, lehnten derartige Einladungen allerdings ab und verurteilten sie als »Geschäft mit jungen Hoffnungen«.
Die Reaktionen auf unsere Recherche zeigen: Das Vienna Opera Lab ist offenbar nur ein Teil eines größeren Marktes, der um junge Sängerinnen und Sänger buhlt – und sie für ihre Karrierewege bezahlen lässt.
BackstageClassical wird diesem Markt auch weiterhin nachgehen. Dabei stellt sich eine grundsätzliche Frage: Warum organisieren Opernhäuser derartige Vorsingen nicht einfach selbst? Warum überlassen sie den Kontakt zwischen Nachwuchssängerinnen und -sängern und ihren Casting-Abteilungen privaten Anbietern – und damit teilweise einem System, in dem diejenigen bezahlen, die auf ein Engagement hoffen?

