Führer gibt es immer wieder

Juli 27, 2026
4 mins read
der Rienzi in Bayreuth ((Foto: Bayreuther Festspiele, Enrico Nawrath)

Willkommen in der neuen Klassik-Woche,

Sommerzeit! Festspielzeit! Heute reisen wir nach Bayreuth und Salzburg, versachlichen die Debatte um die Vergangenheit von Herbert von Karajan und suchen noch schnell neues Publikum. Und dann: Machen wir Pause! Der nächste Newsletter erscheint erst am 7. September. Vielleicht haben Sie ja Lust, uns bis dahin ein wenig bei unserer Arbeit zu unterstützen (mit einer regelmäßigen oder einmaligen Spende).

Der Braune Elefant in Bayreuth

Christian Thielemann dirigiert das Festspielorchester (Foto: Bayreuther Festspiele, Enrico Nawrath)

Mutig: Ein lachender Hitler hinter dem Vorhang, Christian Thielemann dirigiert einen verunglückten Beethoven vor den Bildern von Nathalie Stutzmann und Simone Young, und Katharina Wagner stellt ausgerechnet Rienzi auf den Spielplan. Aber die Rechnung geht auf. Michel Friedman lobt Wagner für ihren Zugriff auf die Vergangenheit, und der Rienzi gerät zu einer bedrückenden Parabel darüber, dass am Anfang aller Diktaturen das Volk steht – und seine öffentliche Meinung. Es gibt viel nachzudenken, viel neu zu deuten und auch ziemlich gute Musik. Hier all unsere Texte zum Thema:

Kritik zum Rienzi
Rede von Katharina Wagner im Wortlaut
Kritik des Festaktes
Highlights der Rede von Michel Friedman
Podcast mit Katharina Wagner 

Karajan versachlicht

Wolfgang Rathert bringt mit seiner neuen Karajan-Biografie (Macht–Ohnmacht–Vermächtnis) einen neuen, erfrischend sachlichen Ton in die alte Debatte: Weg von der Frage nach Karajans NSDAP-Mitgliedschaft (wie bei Michael Wolffsohn), hin zu seiner strukturellen Vernetzung mit dem NS-System. Rathert macht all das wissenschaftlich nüchtern und bringt neue Quellen. Er zeichnet kein Bild eines überzeugten Nationalsozialisten, aber auch keines eines unpolitischen Künstlers. Karajan war ein ehrgeiziger Karrierist, bereit, politische Erwartungen zu erfüllen, wenn sie seinem Fortkommen dienten. Eine Schlüsselrolle im Buch spielt die Zeit des Dirigenten in Aachen. BackstageClassical druckt dieses Kapitel exklusiv ab – diese Woche werden wir für unsere Seite auch einen Podcast mit Rathert zum Thema aufnehmen. 

Anzeige

Das Machtparadox

Es ist schon erstaunlich, wie sehr einige Klassik-Stars derzeit auf den politischen Grenzen tänzeln: Zuletzt Igor Levit mit seiner linken Unterstützung für Danger Dan und dessen Song »Keine Angst«, in dem Grüße an die brutale »Hammerbande« rausgehen, Justus Frantz solidarisiert sich dafür nicht nur mit Putins Russland, sondern auch mit Rechts-»Comedian« Uwe Steimle. Und Gustavo Dudamel fiel schon damals der Abschied vom venezolanischen Chavez-System schwer, nun trat der Dirigent bei der Abschlussveranstaltung der FIFA-WM auf: Mit Musikern aus den USA und von El Sistema, das nicht nur als alte Propaganda-Institution, sondern auch wegen sexuellen Übergriffen und Machtmissbrauch in der Kritik stand. Shoko Kuroe schreibt bei BackstageClassical über das »Machtparadox der Klassik« zwischen gesellschaftlicher Reichweite und humanistischer Kraft.

Die große Rehabilitation?

Wie heißt es im Rosenkavalier? »Versteht er nicht, wenn eine Sach’ ein End’ hat?«. Markus Hinterhäuser jedenfalls ist wieder da: Bei den Salzburger Festspielen – in erster Linie als Zuschauer. Aber – so hört man – er wird wohl auch beim lange geplanten Liederabend als Pianist auftreten. Nicht selten in seiner Nähe zu sehen: Die ehemalige Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler. Es kann für Außenstehende ein wenig befremdlich wirken, wenn Leute nicht loslassen können (oder wollen). Aber vielleicht läuft ja auch eh alles nach Plan. Die erste große Opernpremiere in Salzburg, Bizets Carmen, scheint wie eine Rehabilitation von Teodor Currentzis zu werden: Selbst arte will den Abend übertragen (eine Antwort auf unsere Anfrage dazu steht noch aus), und ein breiter Teil der Presse freut sich ebenfalls. War was? Ist was? Der Komponist und Blogger Alexander Strauch hat gerade festgestellt, dass die Salzburger Festspiele bei einem Insta-Post gemeinsam mit Currentzis‘ MusicaAeterna als »Collab-Partner« geführt sind – mit dem Orchester also, das von VTB, Gazprom und anderen sanktionierten Unternehmen gesponsert wird. Hat man an der Salzach denn gar nichts gelernt? Wann wird hier endlich die Operette über die Schönheit des Loslassens und die Freuden des Ruhestandes gegeben? 

Anzeige

Die Tote vom Bodensee

Auch in Bregenz war letzte Woche Premiere: Die erste neu inszenierte Seeoper von   Intendantin Lilli Paasikivi konnte unseren Kritiker Georg Rudiger allerdings nicht ganz überzeugen. Ein riesiger Spiegel aus 86 Scherben ist Schauplatz von Damiano Michielettos La Traviata, ein Pool im Bodensee und eine herausragende Marjukka Tepponen als Violetta. Eindrucksvolle Bilder und große Emotionen – aber auch wenig Abgründe im großen Glanz. 

Liebling, wer hat das Publikum geschrumpft?

Wie erreichen Veranstalter ein junges Publikum? Ein Text von Karl Keller bei BackstageClassical hatte für heftige Debatten gesorgt. Der Intendant des Beethovenfestes Bonn, Steven Walter, hatte ihm daraufhin geantwortet. Nun versucht Shoko Kuroe zwischen den Fronten zu vermitteln: Die Debatte über Techno und Klassik greift zu kurz, sagt sie. Junge Menschen sind keine einheitliche Zielgruppe: Während neue Formate Publikum gewinnen, fühlen sich klassikaffine Jugendliche oft übersehen. Die eigentliche Frage lautet daher nicht, wie man Jugend erreicht, sondern welcher Auftrag Konzerthäusern zukommt. Lesen Sie Ihren Text hier

Anzeige

Personalien der Woche

Mit Michael Spyres, Elsa Dreisig, Vida Miknevičiūtė, Klaus Florian Vogt und Piotr Beczała setzen die Bayreuther Festspiele in der Saison 2027 auf eine Reihe prominenter Wagner-Interpreten. Spyres und Dreisig stehen in der Neuproduktion von „Lohengrin“ auf der Bühne, die Tarmo Peltokoski dirigiert. Christian Thielemann leitet die Neuproduktion von „Parsifal“ mit Beczała in der Titelpartie. Simon Young dirigiert „Die Meistersinger von Nürnberg“ mit Vogt und Miknevičiūtė, Thomas Guggeis übernimmt „Tannhäuser“ mit demselben Sängerduo. +++ Die aus Kyjiw stammende Dirigentin Polina Lebedieva wird neue Conductor-in-Residence an der Opéra national de Paris. Die derzeitige Assistenzdirigentin des Ensemble Intercontemporain tritt ihr neues Amt im Januar an. Lebedieva lebt seit vier Jahren in Paris.

Anzeige

Und wo bleibt das Positive, Herr Brüggemann?

Ja, wo zum Teufel bleibt es denn? Vielleicht ja hier: Das Jahr war aufregend, die Debatten zum Teil sehr hitzig (Karajan, Friedman, Levit, Roth und und und…). Aber all das zeigt auch, dass die klassische Musik lebt. Sie streitet um ihren Kurs. Geht ganz unterschiedliche Wege. Vielleicht ist es zuweilen gut, sich bewusst zu machen, dass unsere Blase eine sehr kleine ist – und dass am Ende alle das gleiche wollen: Unsere Begeisterung an der Musik teilen und debattieren. Dafür sind Dispute wichtig, und wir versuchen bei BackstageClassical ganz unterschiedliche Meinungen zu Wort kommen zu lassen. 

Danke, dass Sie uns – in immer größerer Zahl – dabei begleiten. Inzwischen gibt es uns schon über zwei Jahre, und was als kleines Projekt begonnen hat, ist heute ein Magazin geworden, das Sie täglich mit Nachrichten aus der Welt der Klassik versorgt, mit exklusiven Interviews, Podcasts, Vorabdrucken und prominenten Gastbeiträgen. Unser Angebot ist kostenlos für unsere Leserinnen und Leser – und soll es auch bleiben. Wenn Sie unsere Arbeit unterstützen wollen (einmalig oder regelmäßig), freuen wir uns sehr über Ihre Hilfe. 

Wir werden auf unserer Seite (und auf unseren Social-Media-Kanälen) noch über die Highlights aus Bayreuth und Salzburg berichten – und dann ebenfalls in die Sommerpause gehen. Der nächste Newsletter erscheint erst wieder am 7. September. 

Nutzen Sie den Festspielsommer, um neue Energie zu tanken, und vor allen Dingen: Genießen Sie die wunderbare Welt der Musik.

In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif.

Ihr 

Axel Brüggemann 

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

Fördern

Artikel auf BackstageClassical sind kostenlos. Wir freuen uns, wenn Sie unabhängigen Klassik-Journalismus fördern.

Mehr aktuelle Artikel

Diktatur – das sind wir alle

Mit Rienzi bringt Katharina Wagner ausgerechnet die politisch umstrittenste Oper ihres Urgroßvaters auf die Bayreuther Bühne. Die Inszenierung von Alexandra Szemerédy und Magdolna Parditka macht daraus keinen Hitler-Abend, sondern eine verstörend aktuelle

»Ich will. Wollen Sie auch«

Mit einer bewegenden Rede bei den Bayreuther Festspielen mahnt Michel Fiedman dazu, die Freiheit zu verteidigen, indem wir uns der Vergangenheit stellen.

»Nein zu Verharmlosungen«

Katharina Wagner eröffnet das Jubiläum 150 Jahre Bayreuther Festspiele mit einer Klaren Absage an Antisemitismus und einem Bekenntnis zu historischer Verantwortung. BackstageClassical bringt ihre Rede im Wortlaut.

Die heilige Helga

Wie BackstageClassical exklusiv erfahren hat, werden die Salzburger Festspiele diesen Sommer kurzfristig die Uraufführung einer Operette ins Programm nehmen: »Die heilige Helga« ist eine fromme Täuschung über Macht, Eitelkeit und den Trost

Das Machtparadox der Klassik

Die Klassik versteht sich als humanistische Kraft, die Menschen verbindet. Doch je größer ihre gesellschaftliche Reichweite wird, desto stärker gerät sie in politische Machtverhältnisse. Der Fall Gustavo Dudamel zeigt exemplarisch, wie schmal

Glanz ohne Abgründe

Ein riesiger Spiegel aus 86 Scherben, ein Pool im Bodensee und eine herausragende Marjukka Tepponen als Violetta: Die neue „La Traviata“ bei den Bregenzer Festspielen setzt auf eindrucksvolle Bilder und große Emotionen.

Neef bleibt Paris treu

Der Deutsche Alexander Neef bleibt bis 2032 Generaldirektor der Pariser Nationaloper. Frankreichs Staatspräsident hat den 2020 angetretenen Opernmanager auf Vorschlag von Kulturministerin Catherine Pégard für eine zweite sechsjährige Amtszeit bestätigt. Das teilte

Nicht jeder will abgeholt werden

Die Debatte über Techno und Klassik greift zu kurz. Junge Menschen sind keine einheitliche Zielgruppe: Während neue Formate Publikum gewinnen, fühlen sich klassikaffine Jugendliche oft übersehen. Eine Replik.