Wer schreit am lautesten »Antisemitismus«?

Juni 17, 2026
3 mins read
Chilly Gonzales dirigiert »F*uck Wagner«
Chilly Gonzales dirigiert »F*uck Wagner« (Foto: ZDF, Still aus »Neomagazin Royale«

Die Bayreuther Festspiele haben eine Veranstaltung mit Michel Friedman nicht weiter verfolgt – und der darf in der Süddeutschen Zeitung nun sein vollkommenes Unwissen über die Festspiel-Geschichte verbreiten.  

English summary: A canceled discussion at the Bayreuth Festival has sparked accusations of antisemitism and historical denial. Axel Brüggemann rejects those claims, arguing that Bayreuth has spent decades confronting Richard Wagner’s legacy and Nazi-era connections, and that the controversy stems from mismanagement rather than prejudice.

Es wäre ein Wunder, hätte es dieses Jahr vor den Bayreuther Festspielen nicht wieder eine Skandal-Eskalation gegeben. Was haben wir nicht schon alles erlebt: Schlingensiefs »Führerwein«, ein Runen-Tattoo, Finanz-Engpässe und Nachfolgedebatten. Dieses Jahr ist es nun wieder das Thema: »Antisemitismus«. Also gut. Was ist geschehen? 

Die Süddeutsche Zeitung hat herausgefunden, dass eine Veranstaltung, die weder angekündigt wurde noch im Verkauf war, nun auch nicht stattfinden wird. Und sofort schreit das Blatt, das einst Bollwerk der Kultur und des recherchierenden Journalismus war: Skandal! Die Bayreuther Festspiele von Katharina Wagner hätten Michel Friedman angefragt und wieder ausgeladen. Und dann stellt die Süddeutsche die rhetorische Frage: Ist das Antisemitismus? Drückt Bayreuth sich vor der Aufarbeitung der eigenen Geschichte? 

Friedman bekommt natürlich ein XXL-Interview, in dem er dann auch loslegt. »Die Ernsthaftigkeit, sich mit dem Antisemiten Wagner auseinanderzusetzen, ist durch diese Absage ad absurdum geführt«, poltert er, und »der Boden in Bayreuth ist kontaminiert (…) mit der Gründung der Bundesrepublik ist hier nichts aufgeräumt worden.«  Und dann sagt er noch, dass Katharina Wagners Glaubwürdigkeit »in Richtung Null« gehe.  

Axel Brüggemann spricht in Bayreuth mit Stephen Fry über Wagners Antisemitismus

Bayreuth selber sieht die Sache anders: Katharina Wagner macht Sicherheitsbedenken verantwortlich, Christian Thielemann (er wurde ebenfalls angefragt) erklärt, man habe vor über einem Jahr über eine Veranstaltung gesprochen, aber er habe nie zugesagt, da das unseriös wäre – zwischen dem Eröffnungskonzert und seinem Ring Dirigat. Mit anderen Worten: Bayreuth hat nicht optimal geplant und schief kommuniziert. Aber Antisemitismus? Wohl eher nicht.

Wenn man alle Seiten sieht, ergibt sich eher ein ziemlich unspektakuläres Bild der Situation: Die Bayreuther Festspiele haben in ihrem 150-Jahr Trubel und durch die andauernden Veränderungen durch die andauernden Einsparungen einfach etwas verpennt. Und Michel Friedman – angestachelt von der Süddeutschen Zeitung – kommt irgendwie nicht darüber hinweg, dass man ihm nun absagt.

Das Fatale ist, dass er mit vielen seiner Behauptungen und Vorwürfe einfach falsch liegt. Er wirft Bayreuth vor, was Bayreuth nun wirklich nicht vorzuwerfen ist. Ja, Wagner war Antisemit – das wird auch in Bayreuth niemand bestreiten. Im Gegenteil: Genau das wird regelmäßig – sogar auf der Bühne – thematisiert: von Katharina Wagner selbst (in ihren Meistersingern) über Stefan Herheim (Parsifal) bis zu Barrie Koskys Meistersingern, die sogar im Gerichtssaal der Nürnberger Prozesse spielten! Weiß Friedman nichts davon. Dann wäre er eh der falsche Gast für einen Vortrag gewesen.  

Und, ja: Vor und während des Nationalsozialismus war der Kreis um die Familie Wagner und die Familie selber zutiefst nationalsozialistisch. Aber auch das ist – spätestens seit der Intendanz von Katharina Wagner – explizit zum Thema geworden. Nicht zuletzt durch die Stelen, die jede Besucherin und jeden Besucher bereits im Festspielpark an ermordete und vertriebene Juden erinnern. Ganz abgesehen von den vielen Symposien, die in Bayreuth abgehalten wurden und der Arbeit, die das Haus Wahnfried von Sven Friedrich prägt: Hier steht der Umgang mit Wagners Antisemitismus und die Rolle der Familie Wagner im Nationalsozialismus auf der Tagesordnung.

Ganz zu schweigen von der jahrelangen künstlerischen Auseinandersetzung mit all diesen Themen: Jüdische Dirigenten haben seit jeher (auch den kritischen) Klang der Festspiele bestimmt: Von Daniel Barenboim bis zu Kirill Petrenko. Ich selber habe vor einigen Jahren an vier Abenden zum Castorf-Ring immer wieder – auf Empfehlung von Katharina Wagner – mit dem britischen Schauspieler Stephen Fry über Wagners Antisemitismus gesprochen. Man kann Bayreuth also vieles vorwerfen, sicher aber keinen institutionalisierten Antisemitismus. Im Gegenteil: Die Festspiele und ihr wissenschaftliches Umfeld lassen sich in den letzten 20 Jahren durchaus als Vorbild dafür verstehen, Kunst und ihre Geschichte zu kontextualisieren.

Ihr einziger Fehler ist vielleicht, dass Michel Friedman dabei bislang keine Rolle gespielt hat. Vielleicht aus dem ganz einfachen Grund, dass er von diesem Thema offensichtlich keine Ahnung hat. Ebensowenig wie die Journalisten, die derzeit die Kampagne der Süddeutschen Zeitung fahren – es ist übrigens weniger das Feuilleton als die Politik-Redaktion, die den aktuellen Zoff schüren. 

All das zeigt vor allen Dingen eines: Bayreuth eignet sich noch immer prächtig als Ort, in dem um die Seele der Deutschen gerungen wird. Es wäre der Sache allerdings geholfen, wenn das in den nächsten Tagen etwas weniger Ich-bezogen und mit mehr Kenntnis der Geschichte der Bayreuther Festspiele passieren würde als derzeit. Der große Verlierer ist für mich schon jetzt die Süddeutsche Zeitung, die – was Antisemitismus betrifft – doch einfach auch noch mal in der eigenen Vergangenheit nachschlagen sollte.   

Inzwischen wurde bekannt, dass Bayreuth sich bei Michel Friedman entschuldigt hat und die Veranstaltung doch stattfinden wird.

Transparenzhinweis: Axel Brüggemann moderiert das Open Air der Bayreuther Festspiele.

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

Fördern

Artikel auf BackstageClassical sind kostenlos. Wir freuen uns, wenn Sie unabhängigen Klassik-Journalismus fördern.

Mehr aktuelle Artikel

Radikale Krise? Radikale Hoffnung! 

Der BackstageClassical-Newsletter: Heute mit deprimierenden Zahlen und allerhand Hoffnung. Kultur und Klassik sind keine Selbstläufer – wir müssen sie behaupten: Von Paris über Berlin bis nach Ingolstadt. 

»Die Zukunft der Oper liegt in Warschau«

Klare Worte und große Ambitionen: Yoel Gamzou tritt sein Amt als Generalmusikdirektor der Polnischen Nationaloper an. Gemeinsam mit Intendant Boris Kudlička will er das Haus grundlegend erneuern – mit mehr Gegenwartsbezug und

Lieber Moritz Döbler,

ich kenne Dich ja noch aus Bremen, als Chefredakteur des Weser-Kurier. Kultur hat Dich schon damals herzlich wenig interessiert. Zahlen, Geld und Selbstdarstellung – das waren eher Deine Themenfelder.  Als Chefredakteur der Rheinischen

Friedman doch in Bayreuth

Nach Kritik an der Absage eines Gedenkkonzerts hat Festspielleiterin Katharina Wagner den Publizisten Michel Friedman um Entschuldigung gebeten – er wird nun doch bei den Festspielen reden.

Hört Euch das mal an, Wiener Philharmoniker!

Der Komponist Alexander Strauch gehörte zu den Kritikern des Wiener Arrangements von Florence Prices »Rainbow Waltz«. Nun hat der Präsident des Deutschen Komponistenverbandes das Stück für sein »Rainbow Orchestra« neu vertont. Wir

Das neue Dirigentenzeitalter

Ein globales Personalkarussell, jüngere Namen, mehr Diversität: Die Wechsel an den Spitzen der Orchester markieren mehr als Routine. In der Klassik formiert sich ein neues Selbstverständnis. Beobachtungen des Dirigenten John Axelrod.

Kann Klassik Social Media? 

Der newsletter von BackstageClassical: Wie kann Klassik in den sozialen Medien wirken? Außerdem: Die Retro-Mode beim Sängernachwuchs und Kölns große Eröffnungssause!

Verpassen Sie nicht ...