Lieber Kai Goliath Gniffke,

Mai 16, 2026
1 min read
Wie die KI SWR-Intendant Gniffke als Goliath sieht.

na, da haben Sie aber wieder einen rausgehauen! Die Qualitätsmedien müssten ihre Perspektive überdenken, haben Sie der katholischen Nachrichtenagentur gesagt: »Wir sind Anwalt der Wirklichkeit und nicht Anwalt der vermeintlich Schwachen, der Machtlosen oder der Opfer.«

Als Chef des Giga-Unternehmens SWR haben Sie das, was wir »Wirklichkeit« nennen, allerdings sehr oft sehr gut im Piano bespielt – jedenfalls was die Musik betrifft: Die Causa Teodor Currentzis und seine Russland-Verbindungen, die Vorwürfe gegen dessen Nachfolger François-Xavier Roth, das Rumoren in Ihrem Orchester, den Protest Ihres Publikums – klare Positionierungen von Ihrer Seite zu diesen »Wirklichkeiten« fielen in der Regel leise aus.

Außerdem haben Sie in Ihrem Interview gegen Journalistenkollegen gepoltert, die recherchieren und aufdecken. Viele würden gern in der Dramastruktur »David gegen Goliath« erzählen. Das sei eine »wunderbare Geschichte«, haben Sie gesagt, die immer funktioniert, »aber leider nicht das, was ich unter Perspektivenvielfalt verstehe.«

Aber was genau meinen Sie mit Perspektivenvielfalt? Wenn Ihr Sender die Russlandbeziehungen seines Chefdirigenten kaum zum Thema macht? Wenn Musikerinnen und Musikern mitgeteilt wird, nicht mit der Presse zu sprechen? Wenn die Kolumne eines Journalisten aufgekündigt wird, weil der Kritik an Currentzis und an Ihrer Orchesterleiterin äußert? Oder gilt die Perspektivenvielfalt intern nicht?

Nein, lieber Kai Gniffke: Wenn Sie als Goliath nun auch noch anfangen, über die Davids da draußen zu jammern, wirkt das ein wenig lächerlich. Goliath verspottete die israelitische Armee, der Hirte David zog dagegen in den Kampf. Goliath fiel über seinen Hochmut.

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

Fördern

Artikel auf BackstageClassical sind kostenlos. Wir freuen uns, wenn Sie unabhängigen Klassik-Journalismus fördern.

Mehr aktuelle Artikel

Mit deutscher Schuld auf Grund gelaufen

Milo Rau will Wagners »Fliegenden Holländer« an der Deutschen Oper Berlin zu einer Abrechnung mit deutscher Schuld und Erinnerungskultur machen. Doch statt Widersprüche auszuloten, setzt er auf einfache politische Botschaften und plakative

Die erste Klassik-Late-Night!

Stand-up, Gespräche und Live-Musik: BackstageClassical und No-te starten mit »Klassik Late-Night mit Axel Brüggemann« ein neues Videoformat. Die erste Folge mit Dirigent Maximilian Haberstock und Countertenor Alois Mühlbacher ist ab sofort auf

Österreich setzt sich für inhaftierten Opernstar Burchuladze ein

Der georgische Opernsänger Paata Burchuladze besitzt auch die österreichische Staatsbürgerschaft. Wie die »Salzburger Nachrichten« berichten, betreut das Außenministerium in Wien den in Georgien inhaftierten Bassisten intensiv. Österreichische Diplomaten beobachten das Gerichtsverfahren.

Siegfried erobert Rom

Daniel Harding dirigiert Wagners »Siegfried« in Rom – und entfesselt mit dem Orchester der Accademia Santa Cecilia einen Klangrausch. Große Stimmen und eine Reise durch die Religionsgeschichte.

Wenn die Wirtschaft die Kultur streicht

Audi streicht Konzerte und Nachwuchsförderung, BWT zieht sich von den Salzburger Festspielen zurück. Gleichzeitig kürzt die öffentliche Hand Kulturhaushalte. Und selbst in den USA wird das Geld knapp. Wer soll die Kultur

Eine Prestige-Oper für Shanghai

Ein weißer Fächer am Ufer des Huangpu, drei Bühnen mit 4.200 Plätzen und ein Dach, das allen gehört: Shanghai hat eines der spektakulärsten Opernhäuser der Welt eröffnet. Der Neubau ist auch ein

Was soll das, Bonn?

Anne Netrebko kommt nach Bonn. Die Hütte ist voll. Den Intendanten freut’s. Aber ist es wirklich ein Grund zur Freude, wenn eine der zweifelsohne bekanntesten, aber auch nicht unumstrittenen Sängerinnen unserer Zeit

Verpassen Sie nicht ...