In Salzburg kursiert eine erneute Petition gegen die Trennung von Markus Hinterhäuser als Intendant der Festspiele. Sie wirft Fragen auf – und man darf gespannt sein, wer sie noch unterschreibt.
English summary: A new petition in Salzburg protests the dismissal of festival director Markus Hinterhäuser, calling it political and harmful. However, allegations of misconduct and past failed petitions suggest it will not change the decision, highlighting ongoing resistance among some artists to accept his removal.
»Versteht er nicht, wenn eine Sach‘ ein End hat?« – so fragt die Marschallin am Ende des Rosenkavaliers Baron Ochs auf Lerchenau, nachdem dessen untragbares Verhalten aufgeflogen ist.
Und irgendwie scheint es auch in Salzburg derzeit noch Kräfte zu geben, die einfach nicht akzeptieren wollen, dass »die Sach‘ ein End hat.« Dabei war das Kuratorium der Festspiele unmissverständlich, als es Intendant Markus Hinterhäuser mit sofortiger Wirkung beurlaubt und angekündigt hat, dass man – auf Grund des Verhaltens des Intendanten – seinen kommenden Vertrag nicht erfüllen und stattdessen einen Nachfolger suchen wolle.
In den letzten Tagen haben verschiedene Künstlerinnen und Künstler der Redaktion von BackstageClassical erstaunt und irritiert darüber berichtet, dass sie gebeten wurden, eine Petition zu unterschreiben, die im Namen der »Künstler der Salzburger Festspiele« verfasst wurde. Darin wird die vorzeitige Entlassung des Intendanten scharf kritisiert (die Erklärung im Wortlaut unten). Man sehe in der Absetzung Hinterhäusers einen respektlosen, politisch motivierten Eingriff, der die Zusammenarbeit, die künstlerische Qualität und die internationale Reputation des Festivals gefährde, heißt es. Einer der Mitinitiatoren soll mutmaßlich der italienische Regisseur Romeo Castellucci sein, den Hinterhäuser in den letzten Jahren immer wieder an die Salzach geholt hatte.
Geschichte der Petitionen
Petitionen sind im Ringen um die Salzburger Intendanz nichts Neues. Bereits vor der Trennung des Kuratoriums von Hinterhäuser gab es einen offenen Brief, in dem der Politik vorgeworfen wurde, sich in die künstlerische Freiheit der Festspiele einzumischen. Damals hatten zum großen Teil ebenfalls Künstlerinnen und Künstler unterschrieben, die von Hinterhäusers Festspiel-Einladungen profitierten – unter ihnen Elfriede Jelinek oder Peter Handke. Doch die Petition blieb – wie wir heute wissen – ohne Wirkung. Nicht auszuschließen, dass sie den Konflikt damals durch ihren konfrontativen Ton sogar verschärfte.
Auch die Petition, die derzeit kursiert, wird an der aktuellen Situation wohl nichts mehr ändern. Zumal das Kuratorium sich zu keinem Zeitpunkt in künstlerische Belange eingemischt hat, sondern Hinterhäuser lediglich für den Stil seiner Amtsführung kritisierte. Der Intendant habe mit seinem Verhalten gegenüber dem Kuratorium als auch gegenüber Dritten gegen eine sogenannte »Wohlverhaltensklausel« verstoßen. Hinzu kommt, dass der Spiegel inzwischen ebenfalls ausführlich über das Verhalten des Intendanten berichtet hat. Im Text des Magazins heißt es: »Dem Spiegel liegen Aussagen vor, die nahelegen, dass Hinterhäuser als Intendant über Jahre Menschen beleidigt und beschimpft hat. Seine Verbalattacken seien derart heftig gewesen, so eine Person, die für Hinterhäuser gearbeitet hat, dass sie sich ‚gewalttätig angefühlt‘ hätten. Im Festspielhaus herrsche unter Hinterhäuser, der seit 2016 Intendant ist, ‚Angst‘.«
Wer wird unterschreiben?
Es wird sich zeigen, wer die neue Petition nach diesen Berichten noch unterschreibt. Zumal der Text eine ziemlich plumpe Umkehr der Vorwürfe versucht, indem ausgerechnet den politisch Handelnden vorgeworfen wird, gegen »Prinzipien von Maß und Anstand« verstoßen zu haben. Außerdem wirkt es ein wenig befremdlich, dass die Künstlerinnen und Künstler der Festspiele sich selber in ihrer Petition über den grünen Klee loben und erklärten, dass sie gemeinsam mit dem Intendanten für die »künstlerisch anspruchsvollsten Aufführungen und Konzerte« verantwortlich seien.
Werden Pianisten wie Igor Levit oder Dirigenten wie Christian Thielemann derartige Petitionen nach den neuen Veröffentlichungen wirklich noch bedenkenlos unterschreiben? Die Geigerin Patricia Kopatchinskaja bekannte sich kürzlich bei Facebook zu Hinterhäuser und löste damit eine durchaus heftige Debatte in den Kommentaren aus.
Besonnenes Festspiel-Team
Ganz anders ist die Tonlage in der Kommunikation des Festspiel-Teams. Hier scheint Besonnenheit die Devise der Stunde zu sein. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Festspiele stellen in ihrem Anschrieben an die Künstlerinnen und Künstler die Kunst an sich in den Vordergrund. »Wir möchten Euch versichern, dass wir die Vorbereitungen für die Salzburger Festspiele 2026 mit aller Kraft weiterführen«, heißt es, man wolle die von Hinterhäuser geplanten Festspiele gemeinsam zu einem Erfolg werden lassen. »Uns ist bewusst, dass die aktuelle Situation unterschiedlich wahrgenommen wird und Fragen aufwirft. Umso wichtiger ist uns ein offener und respektvoller Austausch. Bitte zögert nicht, Euch mit Anliegen oder Unsicherheiten an uns zu wenden.«
Über das weitere Vorgehen heißt es in der Mail: »Nach aktuellem Stand wird das Kuratorium kurzfristig eine interimistische künstlerische Leitung bestellen, die 2026 begleiten wird und mit der wir die bereits bestehenden Planungen für 2027 erweitern werden, bis im Rahmen eines regulären Ausschreibungsverfahrens eine neue Intendanz bestimmt ist. Wir hoffen sehr, dass diese Übergangsregelung zeitnah umgesetzt wird und eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Euch ermöglicht.«
Kritik wird lauter
Derweil wird die öffentliche Kritik aus der Kultur und in der Politik an der Amtsführung Hinterhäusers lauter. Der Linzer Intendant, Hermann Schneider, erklärte den Oberösterreichischen Nachrichten mit Blick auf Salzburg: »Ich habe die Beschneidung der Freiheit der Kunst nicht beobachtet. Es ist interessant, dass Dinge, die wir für die Norm eines Wohlverhaltens halten müssten, nicht mehr selbstverständlich sind.« Außerdem sagte er mit Blick auch auf andere Diskussionen um Fehlverhalten in Führungsetagen von Kulturbetrieben: »In der Kunst herrscht ein gewisser Absolutismus. Und leider gibt es da Persönlichkeiten, die meinen: Ich muss mich nicht an die Spielregeln halten, ich bin ja genial.«
Salzburgs ehemaliger Landeshauptmann Franz Schausberger erklärte dem Kurier derweil: »Derzeit kommt – auch durch einen Spiegel-Artikel – manches heraus, was auch ich nicht wusste. Der Umgang mit der Belegschaft war offensichtlich inakzeptabel. (…) Es wird dennoch gut weitergehen. (…) Die Salzburger Festspiele hatten in ihrer Geschichte ununterbrochen Krisen und Skandale.« Schausberger wünscht sich den Dirigenten Franz Welser-Möst als neuen Intendanten, ist aber – da der bereits abwinkte – sicher, dass auch andere geeignete Kandidaten gefunden werden können.
Der aktuelle Aufruf zu einer erneuten Petition in Salzburg wird sicher nichts an der Trennung von Hinterhäuser ändern. Aber sie zeigt, dass es noch immer Künstlerinnen und Künstler in Salzburg gibt, die einfach nicht verstehen wollen, wenn »eine Sach‘ ein End hat«.
Die geplante Petition im Wortlaut:
»Als Künstlerinnen und Künstler der kommenden Ausgabe der Salzburger Festspiele sind wir fassungslos über den beispiellos entwürdigenden und für uns nicht nachvollziehbaren Vorgang, mit dem Markus Hinterhäuser vorzeitig von seinen Aufgaben entbunden wurde — jener Mann, mit dem wir seit mehreren Jahren eng und kontinuierlich zusammenarbeiten, um dem Publikum des Festivals im Sommer 2026 die künstlerisch anspruchsvollsten Aufführungen und Konzerte zu präsentieren und so zur Ausstrahlung einer der wichtigsten künstlerischen Institutionen Europas beizutragen.
Der Geist der Projekte, die ab dem 17. Juli präsentiert werden sollen, wurde von diesem Intendanten geprägt. Uns zu zwingen, die Zusammenarbeit mit ihm 75 Tage vor Beginn der ersten Proben zu unterbrechen, ist inakzeptabel.
Im weiteren Sinne stellt die Art und Weise, wie Markus Hinterhäuser und die Institution der Salzburger Festspiele behandelt werden, ein exemplarisches Beispiel für ein politisches Handeln dar, das grundlegende Prinzipien von Maß, Anstand und langfristiger Perspektive außer Acht lässt. Eine derartige Vorgehensweise beschädigt die Institution, die mit ihr verbundenen Menschen und die gemeinsame künstlerische Arbeit.
Wir alle stehen in einem internationalen Kontext, der mehr denn je von uns verlangt, den Geist zu verteidigen, mit dem die Salzburger Festspiele gegründet wurden.«

