Haben die Wiener Philharmoniker Florence Price nur »benutzt«?   

Februar 5, 2026
4 mins read
Die Komponistin Florence Price

War der Rainbow Walz von Florence Price nur ein Etikettenschwindel beim Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker? Fachleute sprechen von groben Verfälschungen – und befürchten ein Geschäft auf dem Rücken der Schwarzen Komponistin. Alexander Strauch analysiert die Stücke für uns.

English summary: Experts say the Vienna Philharmonic’s 2026 New Year’s Concert used an orchestral Rainbow Waltz wrongly credited to Florence Price. Critics argue it barely matches her original piano work, raising concerns about misattribution, commercial exploitation, and misuse of the legacy of a historically marginalized Black composer.

Unter Musikwissenschaftlern in den USA entfaltet sich eine Debatte um den beim Neujahrskonzert 2026 gespielte Rainbow Waltz der afroamerikanischen Komponistin Florence Price. John Michael Cooper kritisiert die beim Konzert der Wiener Philharmoniker aufgeführte Orchesterfassung als tiefgreifende Verfälschung des originalen Klavierstücks und stellt Fragen nach der tatsächlichen Autorschaft. Cooper wirft den Wiener Philharmonikern vor, beim Neujahrskonzert 2026 unter dem Namen Florence Price faktisch ein anderes Werk präsentiert zu haben.

Die Hoffnung seien groß gewesen, als Yannick Nézet-Séguin – der mit Einspielungen von Prices Sinfonien einen Grammy gewonnen hat – eine Orchesterfassung des Rainbow Waltz ankündigte. Doch die beim Konzert gespielte und als Arrangement von Wolfgang Dörner ausgewiesene Fassung habe mit der authentischen, edierten Klavierfassung musikalisch kaum etwas gemein und sei deshalb keine Bearbeitung, sondern ein anderes Stück, argumentiert Cooper.Damit sei die historische Chance vertan worden, Price tatsächlich ins Programm der Wiener Philharmoniker zu holen – obwohl sie mehrere originale Walzer geschrieben habe, die sich für ein Neujahrskonzert eigneten. 

Cooper schildert, dass Kolleginnen und Kollegen bei Orchester, Dirigent und Arrangeur nachgefragt hätten – bislang allerdings ohne Antwort. Er fordert Aufklärung, wie es zu dieser Zuschreibung kommen konnte.

Alles nur Kommerz?

Scharfe Kritik kommt auch von der US-Oboistin Katherine Needleman. Sie stellt die  wirtschaftliche Dimension in den Fokus. Needleman verweist auf ungewöhnlich hohe Streamingzahlen der Sony-Classical-Veröffentlichung des Neujahrskonzerts: Die dort als Rainbow Waltz (Arr. for Orchestra by Wolfgang Dörner) geführte Nummer werde auf Plattformen wie Spotify drei- bis fünfmal so häufig angeklickt wie die meisten übrigen Titel des Albums und generiere damit erheblich Einnahmen unter Prices Namen. Zugleich sei bislang keine historische Orchesterfassung des Stücks nachweisbar, und die Wiener Version unterscheide sich so stark vom publizierten Klavieroriginal, dass nicht mehr Auslegung, sondern Autorschaft zur Frage werde, heißt es.

2026 dirigierte Yannick Nézet-Séguin das Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker (Foto: Nagel/ Wiener Philharmoniker)

Needleman befürchtet, dass Prices Name – vor dem Hintergrund ihrer Ausgrenzung als Schwarze Komponistin – inzwischen als kommerzieller Motor für Musik diene, die weitgehend nicht von ihr stamme. Hörerinnen und Hörer gingen davon aus, Florence Price zu hören, Streamingdienste führten sie als Komponistin, die Erlöse aber könnten im Kern auf einem anderen musikalischen Material beruhen. Dies werfe, so die Oboistin, grundsätzliche Fragen nach Zuschreibung, Urheberrecht und Aneignung auf – insbesondere, wenn ein historisch marginalisiertes Werk auf einer weltweit beachteten Bühne wie dem Neujahrskonzert und in einem hochprofitablen Tonträgerkontext präsentiert werde.

Cooper und Needleman fordern die Wiener Philharmoniker, Chefdirigent Yannick Nézet-Séguin sowie den als Arrangeur genannten Wolfgang Dörner auf, transparent offenzulegen, in welchem Umfang die aufgeführte Fassung tatsächlich auf Musik von Florence Price beruht. Solange diese Fragen unbeantwortet blieben, sei unklar, ob unter Prices Namen nicht in Wahrheit ein anderes Produkt vermarktet werde, das zwar von ihrem Renommee profitiere, aber ihre künstlerische Stimme verfälsche oder verdränge.

Ist denn schon 1. April?

Der Komponist Alexander Strauch hat für BackstageClassical einmal einen Vergleich angestellt. Hier sein Kommentar.

Alexander Strauch

Im Netz kursiert derzeit die Frage: Spielte man im Neujahrskonzert am 01.01.2026 der Wiener Philharmoniker wirklich Florence Prices Rainbow Waltz? Vollmundig wurde dies als eines der ersten Stücke einer Komponistin im Programm des global übertragenen Marketingereignisses der Wiener Philharmoniker angepriesen. Jetzt sah sich das Katherine Needleman genauer an. Genauso John Michael Cooper, der sich intensivst mit dem Schaffen der afroamerikanischen Pionierin amerikanischer Komposition auseinandersetzt. Beide kommen zu dem Schluss, dass die Wiener Philharmoniker mit Yannick Nézet-Séguin, der eigentlich als Experte zumindest für seine Sinfonieeinspielungen von Florence Price galt, und dem Arrangement von Wolfgang Dörner mutmasslich ein anderes Werk aufführten.

Machen wir den Hörtest! In dieser Klavierversion gespielt von Kevin Wayne Bumpers nach der Ausgabe von Dr. Barbara Garvey Jackson hört man zu Beginn über der Basshandquint Des-As eine aufsteigende Des-Dur-Akkordbrechung, spielend mit dem sixte ajouteé Reiz des hinzugefügten B, nach drei Takten abkadenzierend mit As Dur und dem Vorhalt b-des zu c-es, damit den sixte ajouteé Reiz fortführend in anderer harmonischer Beleuchtung. In der nun ansetzenden Wiederholung folgen leichte, nun chromatische Vorhalte als Reizerweiterungen, als träfe hier Jazz des 20. Jahrhunderts auf walzerselige Eleganz des 19. Jahrhunderts.

Jetzt das Arrangement der Wiener Philharmoniker: Harfenarpeggio, Bläserakkord, aber kein Spiel mit dem sixte ajouteé Reiz der Klavierfassung. Ab Sekunde 10 Holzbläservorhalte, aber nicht wie in der Klavierfassung. Da scheint eine Introduktion hinzugekommen zu sein. Dieser Anfang entspricht so gar nicht im Hören der Klaviereinspielung von Prof. Bumpers und deren Beginn, die der Walzerbeginn zu sein scheint. Im Wiener Arrangement nun Tremoli der Streicher, Oboen-, Flöten- und Geigenleid, auf fanfarenhaft kündendes Blech, auftrumpfende Überleitung. Ab Minute 1:08 ein Beginn des Walzers. Doch auch das klingt anders als der Soforteinstieg der Klavieredition. Ab 1:16 eine Geigenmelodie, die aber bei Price in der Klavierfassung gar nicht vorkommt. Das schmachtende 2. Thema ab ca. 2:00 hat nichts gemeinsam mit dem Blue-Note-haften 2. Thema ab 0:40 der Klavierfassung.

Das passt nicht zusammen. Die Partitur und das Manuskript von Price sind ein vollkommen anderes Werk. Nichts davon hat mit dem Beginn des 1. Themas der Orchestrierung zu tun. Ich selbst habe einmal zwei Stücke von Price für das Rainbow Sound Orchestra Munich gesetzt und folgte dabei dicht dem Notentext und wäre das auch, hätte ich eine eigene Introduktion dazu entworfen. Wenn man allerdings zum ersten Mal ein Werk von Price überhaupt der Klassikwelt, weltweit durch den ORF übertragen, in einer Orchesterfassung der originalen Klavierkomposition vorsetzt, dann eigentlich ohne jegliches Beiwerk. 

Der ORF verweist in einer Anfrage an die Wiener Philharmoniker. Die antworteten auf Anfrage, ob auch sie nicht ein anderes Werk in der originalen Klavierfassung als in der Orchestrierung erkennen lapidar »Ja« und verweisen auf demnächst angelsächsische Zeitungsrecherchen. Dörner schweigt sich aus. Genauso bisher Sony Classical, die das noch weltweit anbieten. Und das Philadelphia Orchester, eines der Orchester von Yannick Nézet-Séguin, kündigt für 2027 eine neue Orchestration an. Wenn es nicht so sehr eine Veräppelung der ganzen Musikwelt wäre, könnte man sagen: am 01.01.2026 war dann wohl schon der 01.04.2026.

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