Liebe Auslastungszahlen,

September 2, 2026
1 min read
Voller als voll? So sieht die KI unsere Konzerthausstatistiken.

ihr seid der neue Fetisch unserer Intendantinnen und Intendanten, und dieses Jahr ist der Virus der Superlativitis besonders verbreitet.

Serge Dorny meldet in München 99 Prozent Auslastung, die Salzburger Festspiele legten mit (so hieß es wirklich) »mehr als 99 Prozent Auslastung« nach. Bregenz rechnete 275.000 Besucher vor – mehr als je zuvor, und die Elbphilharmonie wirbt mit mehr als sieben Millionen Besucherinnen und Besuchern seit ihrem Bestehen!

Klassik-Manager schleudern dem allgemeinen Krisengejammer ihre Zahlen nur so um die Ohren und schreien damit auch: »Klassik-Krise? NICHT. BEI. MIR!«

Was keiner sagt: Wie viele unverkaufte Tickets hat Salzburg in letzter Minute noch an Studierende abgegeben? Wie viele Freikarten wurden in München verteilt? Kommt die höhere Auslastung durch weniger Aufführungen zustande? Rechne ich Open Airs mit ein? Und hat die Elbphilharmonie (wer kommt hier wegen des Hauses und wer wegen der Musik?) nicht einfach den Konzerthäusern in der Region und ihrer eigenen Laeiszhalle das Publikum »abgenommen«?

Klar, jeder freut sich über volle Häuser, und gerade weil die Klassik unter politischem und gesellschaftlichem Druck steht, scheinen gute Nachrichten auch Nachrichten zu sein, die unsere Kunst bestätigen und absichern.

Aber ist Quantität wirklich ein Beweis, dass Klassik boomt und gesund ist? Musicaltheater und Popkonzerte sind auch voll (ganz ohne Zuschüsse)! Über die Qualität sagt all das nur wenig aus.

Die gängigen Statistik-Tricks sind längst bekannt: Hier wird ein Rang geschlossen, dort werden Resttickets günstig oder kostenlos auf den Markt geworfen. Mehr Publikum bekomme ich durch mehr Aufführungen, eine bessere Auslastung durch weniger.

Es ist gut, wenn die Klassik boomt. Aber es ist schlecht, wenn wir uns (und der Politik) all das nur in die Tasche lügen. Wenn Auslastung zum Qualitätsmaßstab wird, macht die subventionierte Kultur genau das, wovor die Subvention sie schützen soll: Markt.

Die 99 Prozent scheinen die neuen 23 Zentimeter der stolzen Intendanten zu sein! Und was kommt danach? Wann wird der nächste Intendant endlich »etwas weniger als 120 Prozent Auslastung« melden?

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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