Wolfgang Schmidt: Stählerne Stimme, musikalischer Präzision und unbändige Bühnenpräsenz. Sein Humor bleibt unvergessen. Ein Nachruf von Sven Friedrich.
English summary: Not a bel canto singer, but a Wagnerian heldentenor of exceptional precision, stamina and power, famed for his bright high C, clear diction and unique timbre. A true stage animal with humor and immense energy, he built a major international career before passing away at 70.
Nein, ein Belcantist war er nicht. Aber ein Sänger von außergewöhnlicher musikalischer Präzision, mit obertonreicher Stimme und einem lupenreinen hohen C, hoher Textverständlichkeit dank eines vorderen Stimmsitzes und mit marathonmäßigem Durchhaltevermögen. Kurz: ein Wagner-Heldentenor par excellence. Kein Schallplattensänger, sondern ein Bühnentier, dem es unbändige Freude machte, die Zügel schießen zu lassen, auch wenn das beträchtliche Metall in seinem Stimmklang dabei gelegentlich zu Stahl wurde, unverwechselbar mit dem Rachen-R, da er es mit der Zunge nicht rollen konnte.
Seine unbändige Energie und sein Humor machen ihn bis heute zum Urheber und Gegenstand zahlloser Anekdoten, seine Bühne fand er nicht nur im Festspielhaus, sondern auch mit Freunden bei der »Krenfleisch-Kerwa« in Neustädtlein und anderen Lustbarkeiten, die ihm mindestens ebenso wichtig waren wie die Blutsbrüderschaft mit Gunther in der Götterdämmerung. Lediglich an Tagen vor einem Auftritt pflegte er sich strenge Karenz aufzuerlegen.
Der Folterkammersänger
Seinem Geburtsort setzte er – vom Publikum in der Regel unbemerkt – gerne mit den Schlussworten Siegmunds im 1. Aufzug der Walküre ein Denkmal: »So blühe denn, Melsungen-Blut!«. Nach dem Abitur hatte er Gesang bei Martin Gründler an der Frankfurter Musikhochschule studiert und erhielt schon damals eine Auszeichnung für besondere Leistungen von der Hindemith-Stiftung. Noch vor seinem Abschluss konzertierte er bereits in ganz Westeuropa und Übersee und sang auf der Bühne der »pocket opera companynürnberg«.

Sein erstes festes Engagement erhielt er am Städtebundtheater Hof, wo sich wieder einmal zeigte, dass ein guter Operettentenor ein herausragender Wagner-Sänger werden kann. Später war er Ensemblemitglied in Kiel und Dortmund, von 1988 bis 2021 an der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf, wo er nahezu alle bedeutenden Partien seines Fachs verkörpert hat. Hier wurde ihm 1996 auch der Titel eines Kammersängers verliehen (er bevorzugte die Bezeichnung »Folterkammersänger«), 2023 wurde er zu deren Ehrenmitglied ernannt. Außerdem war er ständiger Gast an der Wiener Staatsoper.
Siegfried vom Dienst
Sein Debüt bei den Bayreuther Festspielen 1992 als Tannhäuser kann getrost als sensationell bezeichnet werden und war für ihn der entscheidende Durchbruch für seineWeltkarriere. Von 1994 bis 2004 war er dann in 10 Festspieljahren in zwei aufeinanderfolgenden Produktionen des Ring des Nibelungen der Siegfried vom Dienst. Keiner hat diese Partie in Bayreuth öfter gesungen als er. 1996 sprang er zusätzlich zum »jungen« und »alten« Siegfried überdies auch noch als Tristan ein, was ein Tenor stimmlich nur dann überleben kann, wenn er über eine erzgesunde, technisch einwandfrei geführte Stimme verfügt. Nach eigenem Bekunden hätte er aber auch noch den Siegmund übernommen…
Auf allen großen Bühnen der Opernhäuer weltweit sang er sämtliche Heldentenor-Partien Wagners und bewältigte das schwere Fach dabei stets mit erstaunlicher Leichtigkeit. So antwortete er einmal auf die Frage, woran er denn denke, wenn er nach getaner Arbeit und von Hagen wacker hingemordet in der Götterdämmerung zum Trauermarsch tatenlos und zumeist eine ganze Weile auf der Bühne liegen musste, ebenso trocken wie professionell: »An mein Bankkonto…!«
Humor in schwerer Zeit
In der Saison 2003/2004 wechselte er dann ins Charaktertenor-Fach und erweiterte dadurch laufend sein Repertoire. So konnte man ihn jetzt auch als Loge im Rheingold erleben, nach Bayreuth kehrte er noch einmal in den Jahren 2009 und 2010 als Mime zurück. Vor allem in der Spätphase seiner Karriere war er so ein gesuchter Vertreter des »Zwischenfachs« und sang vor allem die Partien des Herodes (Salome), Tambourmajors (Wozzeck), Aegisth (Elektra), Peter Grimes, Schuiski (Boris Godunow) und Jim Mahoney.
Viele Sängerinnen und Sänger berichten von der Einsamkeit nach dem Schlussapplaus. Ein ausgesprochener Gesellschaftsmensch wie Wolfgang Schmidt muss diese besonders stark empfunden haben. Vor allem in seinen letzten, von schwerer und doch stets mit dem ihm eigenen Humor geduldig und tapfer ertragenen Krankheit ist er der Welt, die er und die ihn geliebt hat, zunehmend abhandengekommen. Da freilich nützen weder Geld, noch Ruhm oder Ehre.
Nun ist er in der Nacht vom 16. auf den 17. Februar im 70. Lebensjahr nach Walhall gegangen. Möge er dort ewigen Frieden finden! Wir verlieren mit ihm einen großen Künstler, Menschen und Freund. Die Erinnerung aber ist nach Jean Paul »das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können.«

