
Willkommen in der neuen Klassik-Woche,
heute mit den Fragen: Was steckt hinter der einvernehmlichen Auflösung in Salzburg? Muss es immer eine Stradivari sein? Wer dirigiert Wagner am besten? Und wie soll es in Bonns Klassikszene weitergehen?
Drei Gedanken zu Salzburg
Die Salzburger Festspiele haben eine neue Interim-Intendantin: Karin Bergmann. Jetzt geht es darum, eine Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft zu bauen. Die Hinterhäuser-Petition, über die BackstageClassical noch vor ihrer Veröffentlichung berichtet hatte (spannend ist hier, wer alles NICHT unterschrieben hat), ist ein ebenso unnützes Vergangenheits-Scharmützel wie der Protest des »Passauer Kreises«. Für mich bleiben derzeit drei wesentliche Gedanken:
ERSTENS: Karin Bergmann ist eine gute Lösung, aber – bitte – machen wir nicht wieder den Fehler wie beiMarkus Hinterhäuser: Wenn Feuilletons jetzt bedingungslos über »die Karin« schwärmen, halb Österreich (und ein Viertel der deutschen Feuilletons) erklären, mit ihr befreundet zu sein. Bergmanns naive Äußerungen zu Teodor Currentzis (»ein Brückenbauer«) und ihre unvoreingenommene Verteidigung Hinterhäusers (»großartiges Programm«) mögen einer Diplomatie der ersten Krisentage geschuldet sein. Aber sie geben auch Anlass, kritisch zu bleiben. »Intendantenkumpeln« – das hat der Fall Hinterhäuser gezeigt – ist niemals gut für die Presse.

ZWEITENS: Inzwischen haben Hinterhäuser und das Kuratorium offenbar eine einvernehmliche Auflösung verabredet. Es wird wohl keinen weiteren juristischen Streit geben. Nur: Was war der Deal? Eine lukrative Abfindung für den Intendanten? Oder doch eher ein beidseitiges Schweigen über das, was wirklich vorgefallen sein könnte? Wie gravierend muss das gewesen sein, wenn Hinterhäuser nun weitgehend protestlos unterschreibt? Und welche Rolle spielte Helga Rabl-Stadler – die ansonsten so redselige Hinterhäuser-Verteidigerin bleibt auffällig still. So oder so: Ein Neuanfang ohne Transparenz ist problematisch. Welche Rolle spielte eigentlich Kristina Hammer? Existiert das »Dossier« von ihr, über das so viel gemunkelt wird? Und wo bleiben die Stimmen, die jetzt offen sprechen, ohne Angst – über das, was war?
DRITTENS: Hinterhäusers letzte Spielzeit muss vernünftig »abgewickelt« werden. Für die Klassik müssen dringend kluge Berater her – aber wie kann es sein, dass es – trotz Schauspielchef Hinterhäuser – kaum ein Schauspielprogramm für 2027 gibt? Vieles liegt im Argen. Salzburg braucht nicht nur einen Intendantenwechsel, sondern einen grundlegenden Strukturwandel.
Baden-Badens Neuerfindung

Georg Rudiger hat sich für BackstageClassical die gesamten Osterfestspiele in Baden-Baden angeschaut. Sein Fazit: Nach dem Abgang der Berliner Philharmoniker wurden etwas weniger Tickets verkauft, aber das Festival hält ein hohes künstlerisches Niveau. Ich habe mir inzwischen den Lohengrin mit Joana Mallwitz auf arte angeschaut. Die aktuellen Wagner-Dirigate sind wirklich so divers wie spannend: Kirill Petrenko ist im Salzburger Rheingold in bislang ungehörte Tiefen vorgedrungen, Christian Thielemann (er wird den Sommer-Ring in Bayreuth leiten) surft weiterhin gekonnt und emotional rasant auf der Gischtkrone der Leitmotiv-Wellen – und Mallwitz? Sie dirigiert, was auf den ersten Blick in den Noten steht, wie ein in Klang gegossener »Einser« in der musikalische Analyse einer Abi-Klausur.
Bonner Bau-Betrachtungen
Bonn streitet weiterhin über seine Kulturbauten: Restaurierung der Oper? Oder doch ein Neubau? Und wenn ja: wo soll er stehen? Die drei musikalischen Leiter, Theaterintendant Bernhard Helmich, GMD Dirk Kaftan und Beethovenfest-Chef Steven Walter plädieren in einem Essay bei BackstageClassical für mehr Klugheit, Ausgeruhtheit und Vertrauen in der aktuellen Debatte. Der Bonner Generalanzeiger kritisiert, dass die Verantwortlichen zu lange gewartet haben und nun auf Worthülsen setzen, statt das Heft des Handelns in die Hand zu nehmen. Aber sollte nicht jedem Kulturbau eine tiefgreifende Diskusson vorausgehen?

Es muss nicht immer Stradivari sein
Jeder will eine Stradivari. Wirklich jeder? Es gibt großartige Instrumente, die heute gebaut werden. Im BackstageClassical-Podcast erklärt Geigenbauerin Julia Pasch, warum ein neues Instrument durchaus Vorteile für Solisten aber auch für Orchester haben kann. Ich finde auch das ist eine spannende Diskussion: Warum überlegen nicht mehr Orchester, ihren Klang auch an neuen Instrumenten zu orientieren?
Schweigen über Currentzis
Es ist schon ein bisschen amüsant: Seit Jahren schweigt Teodor Currentzis zu Putins brutalem Angriffskrieg auf die Ukraine. Das ist sein gutes Recht. Das Recht zu schweigen nimmt aber nun auch Österreichs Bundespräsident Alexander van der Bellen für sich in Anspruch: Seit Monaten lässt er einen Antrag bei sich in der Schublade vergammeln, der vorschlägt, dem Dirigenten das höchste Kultur-Ehrenzeichen Österreichs zu geben. Akteneinsicht gibt es auch keine. Aus dem Kulturministerium heißt es, es könnte Schwierigkeiten geben, weil die außenpolitischen Beziehungen Österreichs durch die Sache »potenziell beeinträchtigt« werden könnten. Wir lernen: Nichts zu sagen bedeutet eben manchmal sehr viel.
Personalien der Woche
Dem ehemaligen Cellisten des Leipziger Streichquartetts und AfD-Abgeordneten Matthias Moosdorf wird vorgeworfen, er habe im Bundestag den Hitlergruß gezeigt. Moosdorf bestreitet das und führt in einem Facebook-Post ausgerechnet einen ehrwürdigen toten Klassik-Star als Kronzeugen an. Unter einem gemeinsamen Bild mit Menahem Pressler schreibt Moosdorf: »Ich war bis zu seinem Tod 2023 eng mit dem israelischen Pianisten Menahem Pressler befreundet (…)«. Damit will er zeigen, dass ihm die NS-Ideologie »zutiefst zuwider« sei. Ich persönlich glaube nicht, dass Pressler ein AfD-Wähler gewesen wäre und finde diese Aktion eher geschmacklos! +++ Die deutsch-kolumbianische Dirigentin und Pianistin Anna Handler wird Conductor-in-Residence beim Los Angeles Philharmonic. Handler übernimmt die neue Position für zunächst drei Jahre. Zu ihren Aufgaben gehören Auftritte in der Walt Disney Concert Hall und im Hollywood Bowl, die Mitarbeit an Kammermusikformaten sowie ein jährliches Projekt mit dem Jugendorchester YOLA; zudem soll sie in der Saison 2026/27 ein Kammermusikprogramm mitgestalten und auch am Klavier mitwirken.

Und wo bleibt das Positive, Herr Brüggemann?
Ja, wo zum Teufel bleibt es denn? Vielleicht ja hier: Antonia Munding war in der Komischen Oper Berlin und freut sich über eine gelungen Suche nach dem Schicksal. Das Konzert Schicksalsklänge brachte zusammen, was auf den ersten Blick kaum zusammenzugehören scheint, schreibt sie bei BackstageClassical: »Die afroamerikanische Komponistin, Rapperin und Klangkünstlerin Camae Ayewa, bekannt als MOOR MOTHER, trifft Tschaikowskis Fünfte, dirigiert von Dirk Kaftan. Das klingt nach Pop-meets-Klassik-Crossover, geht aber glücklicherweise weit darüber hinaus. Die ganze Kritik hier.
In diesem Sinne: Halten Sie die Ohren steif.
Ihr
Axel Brüggemann

