Mythos Blüthner

April 25, 2025
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Hände, die mit dem Hammer ein Klavier zusammenhänmmern.
Manufaktur: Jedes Blüthner-Instrument ist 100 Prozent Handwerk (Foto: Blüthner)

Der Klavierbauer zwischen Fachkräftemangel und Visionen für die Zukunft. Ein Besuch in der Leipziger Manufaktur.

English summary: Amid skilled labor shortages and global economic shifts, Christian Blüthner-Haessler leads Leipzig’s Blüthner piano factory with passion and vision. Rooted in family tradition since 1853, the company crafts pianos using in-house parts and time-honored methods. Despite global challenges, Blüthner remains committed to artisanal quality, training talent, and preserving its legacy of “singing tone.”

In seinem Büro über dem Ausstellungsraum mit all den Flügeln ist Christian Blüthner-Haessler offensichtlich zu Hause. Hier gerät er ins Schwärmen. Über das Handwerk. Über die Materialien. Und natürlich: über den Klang seiner Instrumente. Der Dirigent Wilhelm Furtwängler hat von einem »singenden Ton« gesprochen, als er über Klaviere aus der Manufaktur Blüthner redete.Christian Blüthner spricht von »Meisterwerken«.

Bis er als Geschäftsführer im Büro über dem Ausstellungsraum ankam, nahm er allerdings einige biographische Umwege. Christian Blüthner-Haessler ist erst einmal in die Welt gezogen: Ausbildung als Arzt, Arbeit am King‘s College Hospital in London, dann ein Wirtschaftsstudium. Erst danach kehrte er zurück, um gemeinsam mit seinem Bruder, der für das Handwerk verantwortlich ist, die legendäre Klaviermanufaktur in fünfter Generation zu übernehmen.

Die Anfänge der Manufaktur

1853 gründete Julius Blüthner die »Pianofabrik« in Leipzig. Als Reaktion auf Leipzigs wachsende Rolle in der internationalen Musik-Kultur. Das Gewandhausund Felix Mendelssohn Bartholdy prägten den Ruf der Bach-Stadt, die im 19. Jahrhundert selbstbewusst neben London, Wien oder Paris stand und internationale Künstlerinnen und Künstler anlockte.

Ähnliches gelang auch Julius Blüthner mit seinen Instrumenten: Johannes Brahms, Franz Liszt, Gustav Mahler, Sergej Rachmaninow oder Peter Tschaikowski waren gern gesehene Gäste im Hause Blüthner, Künstler wie Mikhail Pletnev oder Juliana Steinbach sind auch heute noch prominente Blüthner-Künstler. Arthur­ Rubinstein, Max Reger, Stevie Wonder, Marlene Dietrich oder Andrew Lloyd Webber haben an den Flügeln aus der Leipziger Instrumentenmanufaktur gespielt.

Christian und Knut Blüthner
Christian und Knut Blüthner (Foto: Blüthner)

Die Geschichte des Klavierhauses ist auch eine Geschichte Leipzigs im Spiegel der Welt-Wirren: 1943 wurde die Blüthner Manufaktur komplett zerstört, bereits 1948 konnte Rudolph Blüthner die Produktion wieder aufnehmen. In Zeiten der DDR wurde ein Großteil der Produktion gegen Devisen in den Westen verkauft, und 1972 wurde das Unternehmen schließlich enteignet. Dennoch führte Ingbert Blüthner das Unternehmen als Geschäftsführer weiter und legte so den Grundstein dafür, dass seine Söhne das Haus nun wieder als Familienbetrieb führen können.

Turbulenzen der Weltwirtschaft

Ein Haus wie Blüthner wird natürlich auch von der Weltwirtschaft geprägt: In den 90er Jahren boomten die Exporte nach Australien, inzwischen ist Asien der größte Markt der Instrumentenmanufaktur – und natürlich machen sich auch Kriege, wie der Angriff Russlands auf die Ukraine bemerkbar. Das Unternehmen muss in den Wirren der Welt flexibel agieren. 

Heute entstehen in Leipzig jedes Jahr rund 5.000 Klaviere, die an Pianistinnen und Pianisten oder an Konzerthäuser und Konservatorien in der ganzen Welt verkauft werden.

Christian Blüthner steht inzwischen mitten in der Werkstatt: Schwere Rahmen werden durch die Halle getragen, es wird geleimt und gehämmert. Christian Blüthner erklärt den wichtigsten Grundsatz seiner Klaviermanufaktur: die »Herkunftstiefe« der Instrumente. Ein Instrument besteht aus mehr als 12.000 Teilen, und Blüthners Geheimnis ist, dass alle Teile im Unternehmen selber hergestellt werden. Jahrelang trocknet das Holz für seine Klaviere in freier Luft auf dem Blüthner-Gelände, bis es die richtige Reife hat. Christian Blüthner erklärt, dass man sich im Hause selbst um die Herkunft der Wolle von neuseeländischen Schafen für die Herstellung der Hämmer kümmere, denn »jedes Detail wird am Ende zum Teil des Klanges«.

Suche nach Fachkräften

Eine Manufaktur verlangt viel traditionelles Wissen und einen festen Glauben an die Vielfalt des Handwerks. Bei Blüthner arbeiten 86 Handwerkerinnen und Handwerker an den Flügeln – jeder einzelne ist Experte für seinen Arbeitsbereich. »Auch wenn es immer schwerer fällt,Fachkräfte zu bekommen, und wenn der internationale Markt immer mehr auf den Preis schielt«, erklärt Blüthner, »ist es uns wichtig, die qualifiziertesten Handwerker durch Praktika für uns zu gewinnen, sie auszubilden und langfristig an den Betrieb zu binden.« Nur höchste Qualität sichere die Zukunft der Manufaktur, sagt ihr Geschäftsführer, denn wer sich entscheide, viel Geld für ein Instrument auszugeben, der wolle am Ende auch einen Flügel, in dem jedes Detail eine Bedeutung hat. Die Blüthner Klaviermanufaktur behauptet seine Rolle als führender Handwerksbetrieb inmitten einer sich rasend globalisierenden Welt.

Der Text entstand ursprünglich für das Magazin der Musikstadt Leipzig.

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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