die Beurlaubung von Markus Hinterhäuser durch das Kuratorium der Salzburger Festspiele offenbart, wie träge ein System werden kann, das zu lange um seine eigene Aura kreist. Wie konnte ein Intendant, dem seit Jahren autoritäres Gebaren nachgesagt wird, derart unangefochten wirken? Und wie groß war die Angst im Kosmos der Festspiele, dem Nimbus des »genialen Machers« zu widersprechen?
Bereits vor einem Jahr erkannten sowohl das Landgericht als auch das Oberlandesgericht Hamburg an, dass es zulässig sei, zu schreiben »In Salzburg werden Menschen intern verfolgt« und »Markus Hinterhäuser (…) konzentrier(t) sich in Sachen Trouble-Shooting offensichtlich eher darauf, interne und externe Kritiker mundtot zu machen und aus dem Weg zu räumen«.
Dass Hinterhäuser (und das Präsidium der Festspiele) BackstageClassical für diese (und fünf andere) Aussagen erfolglos verklagte, konnte bereits als Zeichen verstanden werden, dass der subjektive Blick des Festspielchefs verrutscht war, und dass Hinterhäuser kein Mittel scheut, seinen Kritikern das Leben schwer zu machen.
In einem aktuellen Text berichtet nun auch der Spiegel über Aussagen, »die nahelegen, dass Hinterhäuser als Intendant über Jahre Menschen beleidigt und beschimpft hat.« Es heißt: »Häufig sei es zu Situationen gekommen, in denen Hinterhäuser ‚völlig ausgeflippt‘ sei: ‚Er schreit Leute an, rennt aus den Räumen, rennt wieder zurück, brüllt weiter, beschimpft unflätig.‘«
Man musste vollkommen taub sein, oder wirklich weit außerhalb der Festspiele stehen, um all das nicht mitzubekommen. Es gab genügend öffentliche Kritik (unter anderen von Marina Davydova oder Michael Sturminger) und viele kleine Hinweise (wie das Lokalverbot im Café Bazar), die erkennen ließen, dass es sich hier um ein strukturelles Problem handeln könnte.
Und deshalb müssen wir heute auch fragen: Wie konnte es sein, dass weder Landeshauptmann Wilfried Haslauer noch die ehemalige Festspielpräsidentin Helga Rabl Stadler reagiert haben? Warum schwieg auch ein Großteil der beobachtenden Journalisten? Viele Kommentatoren (auch großer deutscher Feuilletons) haben Salzburgs neuer Landeshauptfrau, Karoline Edtstadler, sogar vorgeworfen in die Kunstfreiheit einzugreifen und den »genialen Intendanten« zu demontieren. Dabei war sie die erste, die tat, was lange getan werden musste: die Mitarbeiter und Partner der Festspiele schützen.
Der Fall Hinterhäuser ist eine Lehrstunde darin, wie Macht nicht nur jene, die sie ausüben, sondern auch jene, die von ihr abhängig sind, verändert. Und vielleicht ist das die wahre Moral der Ära Hinterhäuser: Wir dürfen die Augen nicht verschließen, müssen Mut haben, Grenzüberschreitungen zu benennen und dürfen niemals selber zum Teil eines Klimas der Angst werden.


