Einer weitere Offenbarung: Daniel Harding dirigiert Haydns »Schöpfung« bei den Salzburger Osterfestpielen.
Der britische Dirigent Daniel Harding ist seit zwei Jahren Orchesterchef der Accademia di Santa Cecilia in Rom; neben der Mailänder Scala die bedeutendste musikalische Institution Italiens. Im »Zweitberuf« ist er Pilot für Passagiermaschinen bei der Air France – und kommt auch sonst viel rum, als international gefragter Maestro aller Spitzenorchester.
Bei den Salzburger Osterfestpielen 2026 leitet er die Berliner Philharmoniker, die dieses Jahr die Rückkehr als dortiges Residenzorchester feiern (hier geht es zur Rheingold-Kritik) am 28. März und 5. Apil mit ‚Die Schöpfung‘ von Joseph Haydn.
Dieses Oratorium (uraufgeführt 1798) ist eine Art dramatisierte Nacherzählung der ersten sechs Tage, in denen Gott die Welt erschuf. Mit einem Libretto, das aus Bibeltexten (Genesis, Psalmen) und Teilen des Gedichtes Paradise lost von John Milton zusammengesetzt ist. Dieses Werk ist nicht vergleichbar mit den eher strengen Passionen Bachs oder einer Nummernrevue wie Händels Messias. Es hat eine ganz eigene Stimmung, die Harding mit den Philharmonikern, dem Chor des Bayerischen Rundfunks (Einstudierung Peter Dijkstra) und drei Weltklasse-Solisten auf umwerfende Weise auf die Bühne des Großen Festspielhauses brachte.
Tonmalerische Bildhaftigkeit etwa bei Tier- oder Naturschilderungen – kirchlich anmutende Hymnen, Chöre und Lobpreisungen Gottes – und innige, opernähnliche Arien, Duette oder Terzette mit Figuren (Adam und Eva und drei Erzengel).
Die Berliner beweisen auch an diesem Abend, dass sie zu Recht berühmt dafür sind, dass jedes Mitglied eigentlich ein meisterhafter Solist seines/ihres Instrumentes ist, wodurch im Gesamten diese unvergleichliche handwerkliche und künstlerische Präzision entsteht, die den Klang des Orchesters ausmacht.
Harding ist seit Jahren ein kongenialer Partner für dieses Ensemble: Die Klarinetten singen noch einen Ticken melodiöser, Violinen scheinen zu leben und der Glanz der Trompeten ist wie beseelt. Passend zu einem theologischen Stück, das nicht abgehoben mystifiziert, sondern im Sinne der Philosophie der Aufklärung die Entstehung unserer Welt und ihrer Menschen als das Werk eines »intelligenten Schöpfers« erklärt.
Wenn der leidenschaftliche Bariton Konstantin Krimmel und die leuchtende Sopranistin Louise Alder als Adam und Eva singen »Holde Gattin, holder Gatte, Dir zur Seite fließen sanft die Stunden hin. Jeder Augenblick ist Wonne, keine Sorge trübet sie«, klingt das textlich kitschig, ist aber so aufrichtig und authentisch interpretiert (nein: verkörpert!), dass an der Glaubhaftigkeit keine Fragen offen bleiben.
Ebenso glaubt man dem exzellenten Rundfunkchor, wenn er singt »Laßt zu Ehren seines Namens, Lob im Wettgesang erschallen! Des Herren Ruhm, er bleibt in Ewigkeit!«. Tenor Andrew Staples erinnert von seiner Intonation her an die Evangelisten aus den Bach’schen Passionen, was dem ganzen Oratorium wiederum eine weitere, funkelnde Facette verleiht.
Am Ende Applaus, Jubel und begeistertes Trampeln. Ein beglücktes Publikum von der Kunst, die Daniel Harding und die Berliner Philharmoniker an diesem Abend im wahrsten Sinne »offenbart« haben.
P.S.: Im Anschluss an das Konzert verliehen Dirigentochter Arabel von Karajan und Festspielintendant Nikolaus Bachler den diesjährigen ‚Herbert von Karajan-Preis‘ an Konstantin Krimmel sowie an zwei ‚Rheingold‘-Mitwirkende: Altistin Jasmin White (‚Erda‘) und Bassbariton Le Bu (‚Fasolt‘).

