Der Unterschätzte

Januar 22, 2026
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Der Komponist Albert Lortzing passt gut in unsere Zeit.

Leipzig feiert dieses Jahr den Komponisten Albert Lortzing. Ein Leben zwischen Biedermeier und Revolution – das passt ziemlich gut in unsere Zeit.

English summary: Leipzig celebrates composer Albert Lortzing, a crowd-pleasing theater man between Biedermeier and revolution. Loved by audiences but ignored by elites, he challenged authority with humorous, socially critical operas. Despite protests, he lost his post and later died poor, yet his works still speak to today’s political and emotional tensions.

»Lortzing hierbleiben!«, skandierte das Publikum in den Rängen, „Lortzing muss bleiben!“ – die Sprechchöre in der Leipziger Oper waren laut. Die Menschen kämpften für den damaligen Leipziger Kapellmeister Albert Lortzing, der gerade seine Entlassungspapiere vom Theaterintendanten bekommen hatte. Offiziell aufgrund seiner Gichterkrankung, in Wahrheit aber wohl auch, weil die Oper mit ihrem elitären Spielplan nicht länger rentabel war. Also sollte der Publikumsliebling geopfert werden und sein Honorar von 1.000 Talern eingespart werden. 

Doch der Intendant machte die Rechnung ohne die Leipziger: In jeder Aufführung, die der geschasste Kapellmeister dirigierte, wurde er nach jeder Nummer bejubelt, während andere Dirigenten erbarmungslos ausgebuht wurden.

Der Liebling des Publikums

Diese letzten Szenen der Leipziger Karriere von Albert Lortzing zeigen die Bedeutung des wahrscheinlich unterschätztesten Musikers der Stadtgeschichte. Albert Lortzing war ein Publikumsliebling, während die intellektuelle Elite der Stadt ihn am liebsten ignorierte. Und so ist seine Geschichte auch die Geschichte über die Rolle des Theaters innerhalb einer Stadt. Es ist daher nur konsequent, dass die Oper Leipzig und ihre Musikalische Komödie diesem ganz besonderen Theatermann nun – pünktlich zu seinem 225. Jubiläum – ein eigenes Festival widmen.

Albert Lortzing wurde 1801 in Berlin geboren. Seine Eltern waren Lederhändler und Theaternarren und haben sich mit der Berliner Theatergesellschaft Urania selbstständig gemacht. Fortan führten sie ein Tingelleben und reisten von Stadt zu Stadt. Stets dabei: Sohn Albert, der das Publikum schon als Kind durch seine humorvollen Pauseneinlagen begeisterte.

Karriere in Leipzig

1833, also mit 32 Jahren, kam Lortzing mit seiner Frau, der Schauspielerin Rosina Regina Albers, nach Leipzig und wurde schnell als Mime und Buffo-Tenor gefeiert. Lortzing war ein politischer Kopf, wurde Mitglied der Freimaurerloge Balduin zur Linde und holte die Ideale des Vormärz auch auf die Bühne. Er stellte Autoritäten infrage und plädierte für mehr Selbstbestimmung. Gedanken, die er gern in kurzen Improvisationen während der Theateraufführungen formulierte, was für regelmäßige Einsätze der Zensurbehörden sorgte.

Hans Sachs an der Musikalischen Komödie in Leipzig (Foto: Nijhof)

Lortzing bediente die Sehnsucht des Publikums nach einem Theater, das die Autoritäten der Realität infrage stellte und gern auch lächerlich machte. Die Komposition von Opern betrieb der Schauspieler zunächst als Hobby. Und vorerst schien auch niemand Interesse an seinem Erstling „Die beiden Schützen“ zu haben. Zwei Jahre lang blieb das Werk unaufgeführt, bis der Leipziger Opernintendant zugriff und es 1873 auf die Bühne brachte. Was dann passierte, sollte zum Leitmotiv der Lortzing-Rezeption werden: Die öffentliche Kritik blieb verhalten, während das Publikum jubelte.

Leidenschaftlicher Theatermann

Es ist Albert Lortzings Gemüt als leidenschaftlicher Theatermann zu verdanken, dass ihm die Zuschauerinnen und Zuschauer stets wichtiger waren als sein öffentliches Bild. Es mag ihn geärgert haben, dass Felix Mendelssohn Bartholdy ihn weitgehend ignorierte und dass Robert Schumann ihn in nur einer einzigen Kritik erwähnte. Über die Uraufführung von „Hans Sachs“ berichtete er weniger über die Musik als vielmehr über die Stimmung im Theater: „Der Beifall durch Kränze-werfen und Hervorrufen ist nicht ausgeblieben.“

Immerhin musste auch Schumann anerkennen, dass Lortzing den Geist der Menschen traf. Auch deshalb, weil er an die Erneuerung einer Welt glaubte, die zwischen den politischen Führern, Metternich in Wien und Friedrich Wilhelm III. in Berlin, stagnierte. Lortzing identifizierte sich mit Revolutionären wie Robert Blum und ihrem Humor.

Gott erhalte die Fürsten

Hagen Kunze zitiert in seinem sehr lesenswerten Buch über die Musikgeschichte Leipzigs, Gesang vom Leben, einen Witz, der in den 1830er-Jahren in Leipzig kursierte. Eine Karikatur zeigte damals Robert Blum, der einem anderen Mann zuprostet. »Gott erhalte alle unsere Fürsten«, sagt der, und Blum antwortet: »Ja, und er stelle uns recht bald die Quittung aus, dass er sie alle erhalten hat.«

Die Opern, die nun beim Festival Lortzing 26 an der Oper Leipzig gezeigt werden, spiegeln seinen ironischen Widerstandsgeist wider: Besonders Zar und Zimmermann (inszeniert von Dominik Wilgenbus) mit seinem spielerischen Verwirrspiel der Hierarchien, aber auch Der Waffenschmied (in der Regie von Sonja Trebes und geleitet von Michael Nündel) oder Regina (inszeniert von Bernd Mottl, dirigiert von Constantin Trinks) sind Opern, in denen das Volk zum eigentlichen Protagonisten wird. Ihm verschafft Lortzing in seinen einprägsamen Gassenhauer-Chören immer wieder eine einmalige und nachhaltige musikalische Stimme.

Der Intendant der Oper Leipzig, Tobias Wolff , ist sicher, dass Lortzing gerade auch heute ein breites Publikum begeistert. »In diesen Zeiten, in denen die Welt sehr unübersichtlich geworden ist«, sagt er, »stelle ich fest, dass viele Leute von unseren Kulturinstitutionen auch erwarten, die Welt nicht nur intellektuell, sondern auch emotional zu ordnen – und Lortzings Opern schaffen genau diesen Spannungsbogen. Sie sind unterhaltsam und gleichzeitig unglaublich gesellschaftskritisch.«

Verarmt in Berlin

Vor allen Dingen aber knüpft das Festival an die Breitenwirkung des Komponisten an: Es wird eine »Open Stage« geben, auf der Chöre aus der Region Musik von Lortzing aufführen – aber auch aus allen anderen musikalischen Genres. Außerdem kooperiert die Oper mit dem Leipziger a cappella Festival, das mit Musik von Lortzing und einem romantischen Programm eröffnet.

Auch wenn die damalige musikalische Elite wie Mendelssohn und Schumann Lortzing am liebsten ignorierte, darf man seine Bedeutung für die Musikstadt Leipzig nicht unterschätzen. Als der beliebte Intendant Friedrich Sebald Ringelhardt aufgrund einer Intrige entlassen werden sollte, schrieb Lortzing einen Protestbrief an die Stadt, den er von zehn Kollegen unterschreiben ließ. Der Musikwissenschaftler Hagen Kuntze sieht in diesem Schreiben zum ersten Mal das, „was später als Künstlergewerkschaft bezeichnet wird.«

Zwölf Jahre lang wirkte Albert Lortzing in Leipzig, und er bezeichnete diese Zeit als »glücklich«. Obwohl die Stadt es ihm nicht immer leicht gemacht hat. Als die Schauspielerei und das Singen Lortzing immer schwerer fielen, wurde er zum Kapellmeister ernannt. Doch nach einem Intendantenwechsel verlor er diese Position. Die Proteste des Leipziger Publikums halfen wenig. Die Entscheidungsträger saßen die öffentlichen

Proteste einfach aus. Albert Lortzing verließ Leipzig. Er nahm einen Posten am Theater an der Wien an, musste aber auch hier nach einiger Zeit wieder gehen und seine Arbeit als freiberuflicher Schauspieler und Gastdirigent wieder aufnehmen. 1851 starb Albert Lortzing hoch verschuldet in Berlin. Er wurde in einem schwarz-rot-goldenen Sarg begraben, der an die gescheiterten Aufstände von 1848 erinnerte.

Zur Seite des Festivals Lortzing 26

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

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