Bei Naxos gibt es Streit zwischen den Eigentümern. Gründer Klaus Heymann hat einst die Mehrheit verkauft und später auch die operative Kontrolle verloren. Nun fordert er Darlehen zurück – und betreibt ausgerechnet Winding-up-Verfahren gegen Gesellschaften der Naxos-Gruppe, an der er selbst weiterhin beteiligt ist.
English summary: A battle over the future of Naxos is unfolding behind the scenes. Founder Klaus Heymann sold his majority stake and later lost operational control. Now he is demanding repayment of loans – and, in an extraordinary twist, pursuing winding-up proceedings against companies in the Naxos group in which he himself still holds a stake.
Auf den ersten Blick ist die Geschichte paradox: Klaus Heymann hat Naxos 1987 gegründet und zu einem der wichtigsten Klassik-Unternehmen der Welt aufgebaut. Noch heute halten er und seine Frau Takako Nishizaki nach Heymanns Angaben 25 Prozent. Trotzdem betreibt seine Heymann Family Holdings in Hongkong Winding-up-Verfahren gegen zwei Gesellschaften der Gruppe; sie werden unter den Aktennummern HCCW 103/2026 und HCCW 104/2026 geführt.
Um all das zu verstehen, hilft ein Blick in die Geschichte. Der Konflikt beginnt mit Heymanns Entscheidung, die Mehrheit an Naxos abzugeben. Einen großen Teil seiner Anteile verkaufte er an den chinesischen Unternehmer He Yu, mit dem Naxos lange zusammengearbeitet hatte. Kuke Music, das von He Yu aufgebaute chinesische Klassik-Unternehmen, vermarktete unter anderem die Naxos Music Library in China.
Alte Freundschaft
Aber die Verbindungen war nicht nur geschäftlich. Nach Heymanns Angaben kannte er He Yu seit vielen Jahren über die Zusammenarbeit mit Kuke. Außerdem ist He Yu Bruder des Dirigenten Long Yu und ein Enkel des chinesischen Komponisten Ding Shande, dem Heymann ebenfalls sehr verbunden war.
Finanziert worden sei der Erwerb der Naxos-Anteile zunächst vom Shanghaier Immobilienkonzern Da Hua. Heymann und Nishizaki behielten nach Heymanns Darstellung 25 Prozent sowie zwei von fünf Sitzen im Board; drei Sitze entfielen auf die chinesische Seite.
Heymann blieb beteiligt, hatte aber keine Mehrheit mehr. Matthias Lutzweiler wurde 2024 zunächst kommissarischer Leiter und im Februar 2025 CEO. Heymann sagt gegenüber BackstageClassical, dies sei gegen seinen Willen geschehen. Lutzweiler wollte sich auf Anfrage zu den Auseinandersetzungen nicht äußern und verwies bei Fragen zur Eigentümerseite an einen Vertreter der Shareholder.
Streit um Kuke-Kontrolle
Im September 2025 erklärte die börsennotierte Kuke Music, die Kontrolle über die Mehrheitsbeteiligung an Naxos übernommen zu haben. Konkret erklärte Kuke, durch zwei Transaktionen 70,43 Prozent an Naxos One erworben zu haben. Der angegebene Gesamtwert lag bei 106,35 Millionen Dollar. Bezahlt wurde allerdings nicht in bar, sondern mit neu ausgegebenen Kuke-Aktien.
Heymann, seine Frau und Classical Music Museum widersprachen öffentlich und bestritten die Wirksamkeit der Transaktion. Kuke wiederum erklärte, bestehende Bezugs- und Mitverkaufsrechte seien nicht fristgerecht ausgeübt worden. Was genau innerhalb der Eigentümerstruktur geschehen ist und wie die Beteiligungsverhältnisse heute rechtlich zu bewerten sind, lässt sich von außen nicht abschließend beurteilen.
Klar ist: Zwischen den Eigentümern gibt es erhebliche Unstimmigkeiten. Wie tief der Konflikt reicht, zeigt ein weiteres Verfahren: Bereits 2025 beantragte Classical Music Museum Limited auf den British Virgin Islands die Abwicklung von Naxos One Holding Limited. Als Grund wurde ein Verlust von Vertrauen zwischen den Beteiligten angeführt. Parallel dazu wird auf den British Virgin Islands ein Verfahren zwischen Da Hua und Desun Holding geführt. Der Streit um Naxos ist damit offenbar Teil eines größeren Konflikts zwischen den Anteilseignern. Mehrfache Anfragen von BackstageClassical bei den Parteien blieben unbeantwortet.
Wie geht es weiter?
Dabei geht es auch um die Zukunft des Unternehmens. Heymann sagt, Naxos sei profitabel und verfüge über erhebliche Vermögenswerte. Doch er und seine Frau hätten der Gruppe Darlehen gewährt, die sie nun zurückfordern. Auch die operative Führung vermittelt nach außen nicht den Eindruck eines Unternehmens vor dem Ende: CEO Lutzweiler erklärte gegenüber BackstageClassical, er plane bereits das 40-jährige Jubiläum von Naxos im Jahr 2027.
Nach Heymanns Darstellung gibt es mehrere Interessenten für einen Kauf von Naxos-Anteilen. Ein Verkauf komme jedoch nicht zustande, weil sich die Eigentümer nicht einigen könnten. BackstageClassical hat die anderen Anteilseigner auch in dieser Sache um Stellungnahme gebeten, zur Eigentümerstruktur, zu den Darlehen und zu den Winding-up-Verfahren. Bislang gingen auch hier keine Antworten ein. Ihre Sicht auf den Konflikt bleibt deshalb offen.
Aber hier könnte der Schlüssel zu den Winding-up-Verfahren liegen: Heymann tritt nicht nur als Anteilseigner auf, sondern über seine Heymann Family Holdings als Gläubiger. Diese fordert die Rückzahlung ihrer Darlehen. Für Heymann könnte das Winding-up inzwischen der einzige Weg sein, die Blockade zwischen den Eigentümern aufzubrechen.
Winding-up als Ende der Blockade?
Ein Winding-up-Verfahren bedeutet dabei nicht zwangsläufig, dass ein Unternehmen wirtschaftlich am Ende ist. Es ist ein gerichtliches Verfahren zur Abwicklung einer Gesellschaft. Wird dem Antrag stattgegeben, kann ein unabhängiger Liquidator eingesetzt werden, der die Kontrolle übernimmt, Vermögenswerte verwertet und daraus Gläubiger bedient.
Damit erklärt sich zumindest aus Heymanns Perspektive das scheinbare Paradox: Heymann betreibt die Verfahren nicht, weil Naxos nach seiner Darstellung wirtschaftlich gescheitert wäre. Er will vielmehr eine Situation auflösen, in der er als Minderheitseigentümer Entscheidungen nicht mehr durchsetzen kann und zugleich als Gläubiger Geld vom Unternehmen fordert.
Ob die anderen Eigentümer diese Darstellung teilen, ist offen. Ebenso offen sind die genaue Höhe und die Bedingungen der Darlehen. Heymann zufolge soll die juristische Auseinandersetzung Anfang Oktober in Hongkong weitergehen. Einzelheiten zu diesem Termin sind öffentlich bislang nicht ersichtlich.
Und während vor Gericht um die Zukunft der beiden Naxos-Gesellschaften gestritten wird, denkt der inzwischen fast 90-jährige Heymann offenbar keineswegs ans Aufhören. 2024 übernahm er Chandos Records, inzwischen kamen Oehms Classics und Orfeo hinzu, zuletzt das amerikanische Label Bridge Records.

