Rücktritte im Bozar‑Aufsichtsrat, politische Vorwürfe und Boykottdebatten eskalieren. Der Dirigent gerät zwischen Kultur, Kritik und Nahostkonflikt.
English summary: Three Bozar board members resigned over planned concerts by the Munich Philharmonic under Lahav Shani, amid political protests tied to Israel. Critics target Shani’s role, though he has condemned Gaza violence. The dispute reflects a broader debate on boycotting Israeli artists.
Die Situation am Brüsseler Kulturzentrums Bozar spitzt sich zu: Drei Mitglieder des Aufsichtsrats haben ihren Rücktritt erklärt – aus Protest gegen die geplanten Gastspiele der Münchner Philharmoniker unter ihrem Chefdirigenten Lahav Shani.
Initiator der erneuten Protestwelle war offensichtlich der flämische Grünen‑Chef Jos Geysels, der in einer öffentlichen Erklärung betonte: »Lahav Shani ist nicht einfach ein Dirigent. Er ist Musikdirektor des Israel Philharmonic Orchestra, eines Landes, dessen Vorgehen von Amnesty International als ‚Genozid‘ bezeichnet worden sei und das vom Internationalen Gerichtshof mit dem Vorwurf der Apartheid konfrontiert worden sei.«
Geysels’ Rücktrittsaufruf wurde laut Medienberichten von dem Schauspieler und Filmemacher Mohamed Ouachen sowie der Kulturkuratorin Els Silvrants‑Barclay unterstützt; beide gaben ihren Rücktritt aus demselben politischen Grund bekannt.
Zuvor hatte Inge Hermans von der Sozialgewerkschaft ACOD Cultuur erklärt: »Wir glauben, dass wir die Buchung von Personen, die sich nicht ausdrücklich gegen die Tragödien im Nahen Osten aussprechen, keinesfalls akzeptieren können.«
Irritierend ist, dass Shani sehr wohl Position bezieht. Die aktuelle Kontroverse um den Dirigenten reiht sich in eine länger andauernde Debatte um seine Auftritte ein: Bereits 2025 war ein Gastspiel der Münchner Philharmoniker unter Shani beim Flanders Festival in Gent abgesagt worden, was international breite Diskussionen ausgelöst hatte. Damals erklärte Shani explizit seine Haltung: »Am 7. Oktober 2023 erlebte Israel ein schreckliches und beispielloses Ereignis. Wie viele andere fürchtete auch ich um mein Leben und das meiner Nächsten. Kein Israeli blieb von diesen Ereignissen unberührt.« Gleichzeitig betonte Shani, dass er seine Werte nicht aufgegeben habe: »Die Bilder und Zeugnisse aus Gaza sind zutiefst erschütternd … Alles muss getan werden, um den Krieg so schnell wie möglich zu beenden und den langen Prozess der Heilung und des Wiederaufbaus für beide Gesellschaften zu beginnen.«
Um so unverständlicher ist der erneute Protest gegen den Dirigenten. Ein Boykott israelischer Künstlerinnen und Künstler beim ESC oder an anderen Orten ist vollkommen unverständlich, weil diese nicht automatisch Protagonisten der Regierung Netanjahu sind. Künstler wie Lahav Shani haben explizit das israelische Vorgehen in Gaza kritisiert. Sie sind Teil eines vielfältigen, demokratischen Staates.
Und hier liegt auch der Unterschied zu Künstlerinnen und Künstlern, die etwa unter der Flagge Russlands tätig sind. Sie werden – willentlich oder unwillentlich – in russischen Medien, aber zum Teil auch von ihren Sponsoren explizit als Künstlerinnen ihres Landes in die staatliche Propaganda einbezogen.
Die verständliche Wut und Verzweiflung über das brutale Vorgehen Israels und Netanjahus in Gaza darf nicht in eine Fortsetzung von Ungerechtigkeit münden, bei der Kulturveranstaltungen wie der ESC oder ein Konzert Lahav Shanis boykottiert werden. Gerade beim ESC zeigt sich, dass die Künstlerinnen und Künstler der letzten Jahre in all ihrer Diversität kaum als Vertreter der Regierung Netanjahu und seiner nationalistischen Koalitionspartner aufgetreten sind, sondern vielmehr als Ikonen eine diversen und freiheitlichen Landes. Ihre Auftritte, aber auch die von Lahav Shani sind wichtige Möglichkeiten, ein anderes Gesicht Israels zu teigen – das eines großen Teils seiner Bevölkerung, die Nitanjahu durchaus kritisch sieht.

