Liebe Salzburger Festspiele,

März 26, 2026
1 min read
Die Salzburger Festspiele (Foto: Salzburg Tourismus)

die Beurlaubung von Markus Hinterhäuser durch das Kuratorium der Salzburger Festspiele offenbart, wie träge ein System werden kann, das zu lange um seine eigene Aura kreist. Wie konnte ein Intendant, dem seit Jahren autoritäres Gebaren nachgesagt wird, derart unangefochten wirken? Und wie groß war die Angst im Kosmos der Festspiele, dem Nimbus des »genialen Machers« zu widersprechen?

Bereits vor einem Jahr erkannten sowohl das Landgericht als auch das Oberlandesgericht Hamburg an, dass es zulässig sei, zu schreiben »In Salzburg werden Menschen intern verfolgt« und »Markus Hinterhäuser (…) konzentrier(t) sich in Sachen Trouble-Shooting offensichtlich eher darauf, interne und externe Kritiker mundtot zu machen und aus dem Weg zu räumen«. 

Dass Hinterhäuser (und das Präsidium der Festspiele) BackstageClassical für diese (und fünf andere) Aussagen erfolglos verklagte, konnte bereits als Zeichen verstanden werden, dass der subjektive Blick des Festspielchefs verrutscht war, und dass Hinterhäuser kein Mittel scheut, seinen Kritikern das Leben schwer zu machen.

In einem aktuellen Text berichtet nun auch der Spiegel über Aussagen, »die nahelegen, dass Hinterhäuser als Intendant über Jahre Menschen beleidigt und beschimpft hat.« Es heißt: »Häufig sei es zu Situationen gekommen, in denen Hinterhäuser ‚völlig ausgeflippt‘ sei: ‚Er schreit Leute an, rennt aus den Räumen, rennt wieder zurück, brüllt weiter, beschimpft unflätig.‘«

Man musste vollkommen taub sein, oder wirklich weit außerhalb der Festspiele stehen, um all das nicht mitzubekommen. Es gab genügend öffentliche Kritik (unter anderen von Marina Davydova oder Michael Sturminger) und viele kleine Hinweise (wie das Lokalverbot im Café Bazar), die erkennen ließen, dass es sich hier um ein strukturelles Problem handeln könnte.

Und deshalb müssen wir heute auch fragen: Wie konnte es sein, dass weder Landeshauptmann Wilfried Haslauer noch die ehemalige Festspielpräsidentin Helga Rabl Stadler reagiert haben? Warum schwieg auch ein Großteil der beobachtenden Journalisten? Viele Kommentatoren (auch großer deutscher Feuilletons) haben Salzburgs neuer Landeshauptfrau, Karoline Edtstadler, sogar vorgeworfen in die Kunstfreiheit einzugreifen und den »genialen Intendanten« zu demontieren. Dabei war sie die erste, die tat, was lange getan werden musste: die Mitarbeiter und Partner der Festspiele schützen.

Der Fall Hinterhäuser ist eine Lehrstunde darin, wie Macht nicht nur jene, die sie ausüben, sondern auch jene, die von ihr abhängig sind, verändert. Und vielleicht ist das die wahre Moral der Ära Hinterhäuser: Wir dürfen die Augen nicht verschließen, müssen Mut haben, Grenzüberschreitungen zu benennen und dürfen niemals selber zum Teil eines Klimas der Angst werden.

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

Fördern

Artikel auf BackstageClassical sind kostenlos. Wir freuen uns, wenn Sie unabhängigen Klassik-Journalismus fördern.

Mehr aktuelle Artikel

Selbstverwaltung, Klangideal und Unabhängigkeit 

»Die Politik braucht uns« – Im BackstageClassical-Podcast verteidigen die Wiener Philharmoniker ihren Kurs gegen Kritik. Vorstand Daniel Froschauer und Geschäftsführer Michael Bladerer sprechen über die USA-Tournee, ihr Klangideal, neue Dirigentinnen und den Stellenwert

Hinterhäuser beurlaubt

Ende für den Intendanten: Markus Hinterhäuser wird die Salzburger Festspiele mit sofortiger Wirkung verlassen.

»Kraftwerk der Gefühle«

Alexander Kluge ist tot. Wie der Suhrkamp Verlag mitteilte, starb er bereits am Mittwoch im Alter von 94 Jahren in München.

Folkwang Hochschule bestellt Problem-Intendantin

Merle Fahrholz geriet durch ihren Führungsstil am Theater Essen in die Kritik, inzwischen wurde ihr Peter Theiler an die Seite gestellt. Trotzdem soll sie nun den Dramaturgie-Nachwuchs an der Folkwang Hochschule unterrichten.

Warum Kunst und Kultur fördern? 

Den Kommunen fehlen Gelder für Kultur. Weil diese keine Pflichtaufgabe ist. Dabei ist Kultur der Grund, warum eine Gesellschaft überhaupt Gründe hat – für alles! Ein kleiner Argumentationstanz von Steven Walter.

Lieber Tarmo Peltokoski,

Tarmo Peltokoski Ist der Shooting Star unter den Dirigenten. Nun bekommt sein Orchester auch noch einen DG Exklusivvertrag. Langsam!

Lieber Günther Jauch,

Sie sind der Oberlehrer unserer Nation. Und während bei uns an den Schulen Musik von den Stundenplänen purzelt, halten Sie die gute alte Klassik hoch! Neulich legten Sie Ihrer Kandidatin für 2.000

Steckt dahinter noch ein kluger Kopf?

Der Klassik-Journalismus war schon immer Laufsteg schriller Eitelkeiten, aber jetzt ist es an der Zeit, die Kultur wieder mit ernsthaftem Journalismus zu begleiten. Die Welt ist zu gaga für Feuilleton-Operetten.

Zukunft ist immer

Newsletter: Es geht um das Ende des Theaters in Ingolstadt, die Zukunft der Oper, um eine Salzburg-Nachlese und das neue »Umarmungstheater«. 

Verpassen Sie nicht ...