Zur Langeweile wird hier die Zeit

März 21, 2024
1 min read
Die Parsifal-Inszenierung der Wiener Staatsoper. (Foto: Wiener Staatsoper, Michael Pöhn)

Der »Parsifal« mit Jonas Kaufmann hätte eine Referenzaufnahme unserer Gegenwart werden können. Dafür hätte es nur eines anderen Dirigenten bedurft.

Kaum eine Oper erwartet von einem Dirigenten so viel Positionierung wie Richard Wagners »Parsifal«: Heilig wie Knappertsbusch oder entheiligt wie Boulez? Als Rausch wie bei Thielemann oder als Farbmalerei wie bei Pablo Heras-Casado (ein Interview mit ihm über seine Bayreuth-Interpretation hier)? Und genau diese Positionierung ist das Problem dieser neuen »Parsifal«-Einspielung von Sony, denn Philippe Jordan scheint sich gar keine Gedanken über einen grundlegenden Blick auf diese Oper um Schmerz, Sünde und Erlösung gemacht zu haben, um die Frage, was den alten Glauben heute ersetzen könnte oder: wohin Wagner uns mit seiner Musik führen könnte. 

Das ist um so erstaunlicher, weil die Zeit dieser Aufnahme, die Corona-Pandemie, prädestiniert war, genau diese Fragen zu stellen. Und Regisseur Kirill Serebrennikov hat seine Antworten damals auf der Bühne der Wiener Staatsoper durchaus gegeben (per Zoom aus Moskau). Nun ist ein Mitschnitt dieser denkwürdigen Aufführung erschienen, und: Sie hätte eine Referenz für die »Parsifal«-Deutung unserer Zeit werden können. 

Das Ensemble dafür war gegeben. Für Jonas Kaufmann ist die Titelrolle perfekt zugeschnitten – es gibt keine zu großen vokalen Anforderungen (anders als beim Tristan oder Siegfried), der Tenor kann mit seiner Stimme Psychologien formen, und das tut er auch naiv zuweilen, kämpferisch dann wieder und verzaubert. 

Für letzteres sorgt besonders Elīna Garančas Kundry. Sie hat in Wien für ihren fulminanten Bayreuth-Auftritt geprobt. Und wie! Selten hört man so viel VerKÖRPERUNG in dieser Rolle, so viel lodernde Verführung in der Stimme – ein musikalischer Funke, der sich im Gesamtzen zweiten Aufzug auf Jonas Kaufmann überträgt.

Und auch die anderen Rollen sind aus der Stimm-Championsleague besetzt: Georg Zeppenfeld ist mehr als Zuverlässig – er verströmt Weisheit, Suche und Gebrochenheit in seiner Silberstimme als Gralshüter Gurnemanz. Ludovic Tézier erhebt das Leiden als Amfortas zur Tugend, bereits jenseits der Potenz, aber mit schauspielerischer Verve operiert Wolfgang Koch als Klingsor.

Es war also alles angerichtet für eine Große Aufnahme. Allein Dirigent Philippe Jordan verschleppt schon die Ouvertüre. Vielleicht lag es am leeren Opernhaus, dass der Dirigent das Orchester der Wiener Staatsoper nicht zwingend durch die Leidens- und Erlösungsmomente der Partitur führt. Vielleicht aber auch daran, dass Philippe Jordan sich keine Mühe gemacht zu haben scheint, sich zu fragen, was er mit diesem »Parsifal« eigentlich will. Die Zeit wird hier nicht zum Raum, sondern zu einer zähen Angelegenheit, die sich ohne Akzente, ohne Farbtiefe und ohne Maß in die Bedeutungslosigkeit meändert. Schade. 

★★★☆☆

Wagner: Parsifal

Jonas Kaufmann, Elīna Garanča, Ludovic Tézier, Chor & Orchester der Wiener Staatsoper, Philippe Jordan

Label: Sony Classical

Hier streamen auf Spotify

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

Fördern

Artikel auf BackstageClassical sind kostenlos. Wir freuen uns, wenn Sie unabhängigen Klassik-Journalismus fördern.

Mehr aktuelle Artikel

Ein Angebot, das er nicht ablehnen kann

Showdown: Das Festspielkuratorium der Salzburger Festspiele hat Markus Hinterhäuser ein Szenario offeriert, über das er nun bis zum 20. März nachdenken kann. Ein Kommentar.  

American Nightmares in der Klassik

Kultur-Diskurs zwischen Eskapismus und Widerstand: Hannah Schmidt und Axel Brüggemann debattieren im Podcast Takt & taktlos die aktuellen Themen der Klassik.

Das Reich der kulturellen Mitte

Kanzler Friedrich Merz ist in China. In Peking gastieren sowohl Valery Gergiev und sein Mariinksy Orchester als auch die Berliner Philharmoniker mit Kirill Petrenko. Ein historischer Rückblick auf Europäisch-Chinesische Musik-Beziehungen.  

Liebe Papagenas,

Achtung! Achtung! Da draußen ist ein bunter Vogelfänger unterwegs. Er tarnt sich als Sänger. Früher war er Tenor, heute hat er Federn gelassen – tingelt als Bariton und Clown durch die Gegend.

Einspruch, Herr Wolffsohn

Michael Wolffsohn hat Karajan in seinem neuen Buch vom Nazi-Sympathisantentum weitgehend reingewaschsen. Nun widerspricht ihm der Karajan-Experte und Historiker Oliver Rathkolb. Er sagt: die Faktenlage spricht eine andere Sprache.

Fliegender Teppich ohne Magie

Bluescreen-Effekte prägen Händels »Tamerlano« bei den 48. Internationalen Händel-Festspielen Karlsruhe. Doch der eigentliche Zauber entsteht im Orchestergraben.
Bogdan Roščić Porträt

Lieber Bogdan Roščić,

meinten Sie wirklich den gerngroßen Medien-Mufti Mucha, der über Ihr Opernball-Musical-Programm polterte, als Sie George Bernard Shaw auf Instagram zitierten: »I learned long ago never to wrestle a pig. You get dirty

Liebe Stefanie,

seit der BR sich Dich als »Gesicht« für sein Klassik-Programm vorstellt, bist Du irgendwie anders geworden. Weißt Du noch, wie wir auf dem Flokati gelegen, Tristan gehört und Erdnussflips gegessen haben? Und

Epstein und die Klassik

In den Epstein Files kommen auch zahlreiche Klassik-Künstler vor – oft sollten sie das Image des kulturinteressierten Mäzen pflegen. 

Verpassen Sie nicht ...