Lieber Peter Konwitschny,

November 19, 2025
1 min read
Peter Konwitschny am Theater Dortmund (Foto: Theater Dortmund, Hickmann)

ich war Ihnen einst verfallen. Sie waren mein Messias. Und wegen Ihnen wurde ich Opern-Jünger. Heute blutet das Herz, wie Sie zum Thomas Gottschalk der Klassik werden. Früher haben Sie die Oper auf Links gedreht, heute kreisen Sie wie ein orientierungsloser Opern-Greis nur noch um sich selber.

Sie müssen hart um die Liebe Ihres Über-Vaters Franz gekämpft haben. Aber irgendwann scheint die Liebe bei Ihnen zum Synonym für einen Krieg geworden zu sein. Ein Krieg gegen Ihre eigene Kindheit? Ein Krieg gegen jeden Kitsch in der Oper? Ein Krieg gegen Wagner, Mozart und Verdi? Ein Krieg sogar gegen Ihre eigenen Künstlerinnen und Künstler? Ich höre von Beleidigungen, Ausrastern, Macho-Verhalten! 

Früher hätten Sie einem präpotenten Musik-Macker, der Sie heute selber sind, das Fürchten gelehrt. Warum werden Revolutionäre so oft zu selber zu Despoten?   

Jetzt werfen Sie in Bonn ausgerechnet noch Richard Strauss und seiner Frau ohne Schatten Frauenfeindlichkeit vor. Lieber Peter Konwitschny: Wenn ein verhaltensauffälliger Regisseur einem verhaltensauffälligen Komponisten die Arien-Beine ausreißt und die Duett-Arme zerstückelt, kann daraus keine Liebesgeschichte mehr werden. Dann schrumpft die Moral zum Massaker, das weniger über Strauss und seine Welt als über Peterchens Reise zum Sehnsuchts-Mond nach Liebe verrät.

Ich habe vor Ihrem Lohengrin im Klassenzimmer gekniet, Ihrem Siegfried auf dem Steckenpferd applaudiert. Aber irgendwann hat Ihr Handwerk in die immer gleiche Regie-Kiste gegriffen. Inzwischen schwingen Sie den Konwitschny-Hammer gegen alles und jeden. Das ist nicht provokant, sonder langweilig. 

Bitte missverstehen Sie meine Enttäuschung über Ihren Weg nicht als Lob der Provokation. Vielleicht brauchen Sie einfach einmal jemanden, der Sie wieder in den Arm nimmt – damit Sie die Oper wieder lieben können. So wie früher. Ich wünsche es Ihnen.  

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

Fördern

Artikel auf BackstageClassical sind kostenlos. Wir freuen uns, wenn Sie unabhängigen Klassik-Journalismus fördern.

Mehr aktuelle Artikel

Ein Angebot, das er nicht ablehnen kann

Showdown: Das Festspielkuratorium der Salzburger Festspiele hat Markus Hinterhäuser ein Szenario offeriert, über das er nun bis zum 20. März nachdenken kann. Ein Kommentar.  

American Nightmares in der Klassik

Kultur-Diskurs zwischen Eskapismus und Widerstand: Hannah Schmidt und Axel Brüggemann debattieren im Podcast Takt & taktlos die aktuellen Themen der Klassik.

Das Reich der kulturellen Mitte

Kanzler Friedrich Merz ist in China. In Peking gastieren sowohl Valery Gergiev und sein Mariinksy Orchester als auch die Berliner Philharmoniker mit Kirill Petrenko. Ein historischer Rückblick auf Europäisch-Chinesische Musik-Beziehungen.  

Liebe Papagenas,

Achtung! Achtung! Da draußen ist ein bunter Vogelfänger unterwegs. Er tarnt sich als Sänger. Früher war er Tenor, heute hat er Federn gelassen – tingelt als Bariton und Clown durch die Gegend.

Einspruch, Herr Wolffsohn

Michael Wolffsohn hat Karajan in seinem neuen Buch vom Nazi-Sympathisantentum weitgehend reingewaschsen. Nun widerspricht ihm der Karajan-Experte und Historiker Oliver Rathkolb. Er sagt: die Faktenlage spricht eine andere Sprache.

Fliegender Teppich ohne Magie

Bluescreen-Effekte prägen Händels »Tamerlano« bei den 48. Internationalen Händel-Festspielen Karlsruhe. Doch der eigentliche Zauber entsteht im Orchestergraben.
Bogdan Roščić Porträt

Lieber Bogdan Roščić,

meinten Sie wirklich den gerngroßen Medien-Mufti Mucha, der über Ihr Opernball-Musical-Programm polterte, als Sie George Bernard Shaw auf Instagram zitierten: »I learned long ago never to wrestle a pig. You get dirty

Liebe Stefanie,

seit der BR sich Dich als »Gesicht« für sein Klassik-Programm vorstellt, bist Du irgendwie anders geworden. Weißt Du noch, wie wir auf dem Flokati gelegen, Tristan gehört und Erdnussflips gegessen haben? Und

Epstein und die Klassik

In den Epstein Files kommen auch zahlreiche Klassik-Künstler vor – oft sollten sie das Image des kulturinteressierten Mäzen pflegen. 

Verpassen Sie nicht ...