Lieber Andrea Bocelli,

Oktober 24, 2025
1 min read
Andrea Bocelli bei Donald Trump (Foto: Instagram)

ich habe nix gegen Sie. Okay, ich muss mir Ihren Rodolfo und Ihren Werther nicht unbedingt anhören. Aber Con te partirò war wirklich nen super Song! Er passte zum Abgang vom Gentleman-Boxer Henry Maske wie Faust auf Auge! 

Ihre Stimme hat Johannes Paul II. und Benedikt den Himmel auf Erden geträllert und die Kronjuwelen der britischen Royals wackeln lassen. Sie haben beim G7-Gipfel gesungen und sogar vor den US-Präsidenten George W. Bush und Bill Clinton.

Mit letzterem hat Amerikas neuer Präsident immerhin seine Freundschaft zu Jeffery Epstein gemeinsam. Sie haben Donald Trump gerade im Goldenen Haus (einstmals Weißes Haus) besucht: Schwarzer Anzug, schwarze Sonnenbrille, schwarze Krawatte. Sie wirkten so fehl am Platz wie ein Espresso in einer Bubble-Tea-Bar (hier das Video). 

Irgendwann drückte der YMCA-Präsident auf einen Knopf, und aus der Oval-Office-Stereoanlage erklang Con te partirò .Trump bat Sie zu singen. Sie hielten sich am Schreibtisch fest, trällertenn einige schiefe Töne, suchten dann Halt bei Ihrer Freundin … setzten noch mal an – und lachen.

Ich will nicht glauben, dass Sie wirklich jenem Mann gehuldigt haben, der das Kennedy Center, den Ort Ihres ersten US-Triumphes, den Namen seiner Frau geben will. Immerhin schaffte Ihre Stimme es, dass der Präsident, der so gern als König aus einem Flugzeug auf seine Bürger kackt, für einen Moment menschlich-bewegt aussieht. Vielleicht hat BigMac-Donald gar nicht verstanden, was Sie gesungen haben: »Time to say goodbye!«. Die Porträts von George Washington und Ronald Reagen haben auf jeden Fall aus ihren Goldrahmen geschmunzelt.

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

Fördern

Artikel auf BackstageClassical sind kostenlos. Wir freuen uns, wenn Sie unabhängigen Klassik-Journalismus fördern.

Mehr aktuelle Artikel

Buhs zur »Todesfuge«?

Samstagabend im Stuttgarter Opernhaus: Es gibt Zwischenrufe in der »Meistersinger«-Premiere, ausgerechnet in der »Todesfuge«. Versuch einer Einordnung von Johannes Lachermeier.

Lieber Simon Strauß,

vollkommen legitim, dass Sie Ihre FAZ-Feder spitzen, um Intendant Hinterhäuser im Amt zu halten. Merkwürdig nur, wie Sie das tun: Sie wittern eine Intrige gegen den kongenialen »König« und schieben die Schuld

Der auf den Grenzen tanzt

Biografie eines genialen Exzentrikers: »Pianist – Musiker – Freigeist« heißt ein Buch, in dem sich der Musikwissenschaftler Rüdiger Albrecht den ganz unterschiedlichen Facetten von Friedrich Gulda widmet. Ein exklusiver Vorabdruck bei BackstageClassical.

Dear Yannick Nézet-Séguin,

The conductor defends the clumsy waltz version of Florence Price at the New Year’s Concert — and in doing so also reveals himself.

Tenor Aaron Pegram verstorben

Die Semperoper Dresden trauert um den Tenor Aaron Pegram. Wie das Opernhaus am Montag mitteilte, starb das langjährige Ensemblemitglied am Sonntag in Dresden völlig unerwartet. Pegram gehörte seit der Spielzeit 2009/10 zum

Schlittenfahren mit der Musik 

heute mit einem Neujahrsschwindel, weiteren Entlassungen in der Musikkritik, mit Blicken hinter die Salzburger Festspiel-Kulissen und einer sportlichen Enttäuschung.

Lieber Daniel Froschauer,

Der Vorstand der Wiener Philharmoniker weist Kritik am Arrangement von Florence Prices »Rainbow Waltz« zurück – und macht die Sache damit nur noch schlimmer.

Lieber Michael Andor Brodeur,

Sie sind die gewissenhafte Klassikstimme der Washington Post. Keiner, der große Themen ausgräbt, der Musik in die Mitte der Gesellschaft stellt – aber ein guter Kritiker. Einer der alten Schule.  Nun müssen Sie

Verpassen Sie nicht ...