English summary: Markus Hinterhäuser ignored the board’s ultimatum to extend his contract, making his future as Salzburg Festival director uncertain. The board will decide Friday on next steps, possibly suspending him. Interim leaders and legal disputes are likely while a new director is sought.
Markus Hinterhäuser hat das Ultimatum des Kuratoriums verstreichen lassen. Nun wird am kommenden Freitag über seine Zukunft entschieden. BackstageClassical entwickelt ein Szenario der weiteren möglichen Schritte.
Markus Hinterhäuser hat das Ultimatum verstreichen lassen, das ihm das Festspiel-Kuratorium gesetzt hat. Bis heute Mittag reagierte er nicht auf das Angebot, seinen im Herbst auslaufenden Vertrag um ein Jahr zu verlängern. Das teilte die Kuratoriumsvorsitzende und Landeshauptfrau Karoline Edtstadler der österreichischen Nachrichtenagentur APA mit. Damit wird ein Verbleib des Intendanten immer unwahrscheinlicher. BackstageClassical skizziert, wie es nun weitergehen könnte.
Entscheidung des Kuratoriums
Das Kuratorium will in seiner nächsten Sitzung am Freitag über das weitere Vorgehen entscheiden. Man kann allerdings davon ausgehen, dass bereits jetzt hinter den Kulissen nach Lösungen gesucht wird. Hinterhäusers derzeitiger Vertrag endet einen Monat nach den Festspielen 2026. Es besteht außerdem eine Vereinbarung über eine dritte Amtszeit bis 2031, doch das Kuratorium ist nach Edtstadlers Angaben geschlossen der Ansicht, dass der Intendant gegen die dafür vertraglich festgelegten Bedingungen (es geht um eine »Wohlverhaltensklausel«) verstoßen habe. Edtstadler sprach von Verstößen gegenüber dem Kuratorium wie gegenüber Dritten.
Wann geht Hinterhäuser?
Es ist nicht unmöglich, aber sehr unwahrscheinlich, dass das Kuratorium den Vertrag über die dritte Amtszeit in Kraft treten lässt. Das bedeutet: Hinterhäuser müsste die Intendanz spätestens nach den Festspielen räumen. Möglich ist aber auch, dass das Kuratorium den Intendanten bereits nach der kommenden Sitzung freistellt, da man keine Basis mehr für eine gemeinsame Zusammenarbeit sieht. In beiden Fällen würde es wohl zu einer juristischen Auseinandersetzung (oder zumindest zu Verhandlungen der Anwälte) darüber kommen, ob der bereits ausgehandelte Vertrag noch gültig ist (und Hinterhäuser abgefunden werden müsste), oder, ob genügend Beweise vorliegen, dass der Intendant gegen Vertragsklauseln verstoßen hat. So oder so bräuchten die Festspiele in diesem Szenario eine schnelle Übergangslösung.
Der Übergang
Die Planung für den kommenden Festspielsommer ist lange abgeschlossen, und die aktuellen Geschäfte könnten auch von einem Übergangsintendanten geführt werden. Die einzelnen Abteilungen der Festspiele sind gut aufgestellt, der Festspielalltag würde reibungslos weiterlaufen. Wenn Hinterhäuser sich einer geordneten Übergabe verweigert, wäre es denkbar, dass jemand anderes seine Geschäfte übernimmt, bis eine neue Intendanz ausgeschrieben und besetzt ist. Für diesen Übergangsjob wäre es gut, wenn sich die Kandidaten mit den lokalen Gegebenheiten auskennen und Erfahrung mit Salzburg und dem Personal der Festspiele haben würden. Beides trifft auf den derzeitigen Intendanten der Osterfestspiele, Nikolaus Bachler, zu, oder auf die Intendantin der Pfingstfestspiele, Cecilia Bartoli. Denkbar wäre aber auch ein Musikmanager von außerhalb, der den Übergang organisiert (Bernd Loebe von der Frankfurter Oper wäre einer dieser Leute, die auch schon den Übergang in Erl gemanaget haben).
Schauspielleitung
Dringlich ist auch die Bestellung einer neuen Schauspiel-Intendanz. Nachdem die Festspiele sich von Marina Davydova getrennt haben und Hinterhäuser das Schauspiel selber in die Hand genommen hat, ist es nicht unwahrscheinlich, dass nun ausgerechnet jene Direktorin den Übergang managen könnte, wegen der es zum offiziellen Eklat zwischen dem Intendant und dem Kuratorium gekommen war: Karin Bergmann hat sich immerhin schon als perfekte Organisatorin in schwierigen Zeiten des Wiener Burgtheaters bewährt, und ihre Loyalität zum Theater ist wohl größer als jene zu Markus Hinterhäuser. Und auch in diesem Fall wäre sie eine ideale Zwischenkandidatin, bis ein neues Intendanz-Team übernehmen könnte.
Ausschreibung der Intendanz
Eine schnelle Interimslösung – so wie oben beschrieben – würde dem Kuratorium Zeit geben, die neue Festspiel-Intendanz in Ruhe auszuschreiben, etwa bis Ende des Jahres. Geeignete Kandidaten gibt es reichlich: Serge Dorny von der Bayerischen Staatsoper hat sich gerade mit seinen Münchner Auslastungszahlen ins Gespräch gebracht (er wäre Hinterhäuser in vielen Aspekten der Amtsführung allerdings sehr ähnlich), Stuttgarts Intendant und einstiger Mortier- und Bachler-Intimus, Viktor Schoner, gilt als Alternative für einen echten Aufbruch (er hat gerade in der FAZ einen klugen Essay über die Zukunft des Theaters veröffentlicht). Ebenfalls im Gespräch ist der Intendant der Oper in Zürich, Matthias Schulz. Die Intendantin der Staatsoper in Berlin, Elisabeth Sobotka, ist gerade erst in Berlin angekommen und zeigt in ihrer neuen Saison nur wenig kreativen Mut. Wichtig ist wohl auch, wie die Findungskommission besetzt wird: Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda wäre ein Mann, den man fragen könnte,Franz Welser-Möst für musikalische Visionen oder den Theater-Haudegen Bernd Loebe von der Oper Frankfurt. Sicher ist: Die Salzburger Festspiele werden auch mit neuer Intendanz eine Zukunft haben.
Die Narrative – und ihre Bedeutung
In den kommenden Tagen wird es außerdem darum gehen, die eigenen Narrative öffentlich durchzusetzen. Das Lager um Markus Hinterhäuser hat bereits gezeigt, in welche Richtung es argumentiert: Salzburgs Politikerinnen und Politiker seien »provinziell« und würden weder den finanziellen Erfolg der Festspiele noch ihr erfolgreiches Programm wertschätzen. Tatsächlich gab es seitens der Politik keinerlei programmatische Einmischung in die Festspiele (selbst wenn die letzten Jahre mit den oft gleichen Namen durchaus diskussionswürdig waren). Politisch wird man argumentieren, dass es kaum provinziell ist, gegen einen großen Teil der veröffentlichten Meinung in Österreich zu agieren, und dass es die grundlegende Aufgabe der Träger der Festspiele sei, den Mitarbeitenden ein sicheres und faires Arbeitsumfeld zu garantieren. Hinterhäuser habe gegen den Verhaltenskodex verstoßen und man werfe ihm – so wie nach der letzten Kuratoriumssitzung – Fehlverhalten gegenüber dem Kuratorium und Dritten vor. Landeshauptfrau Edtstadler ist ausgebildete Juristin und wird derartige Vorwürfe kaum ohne haltbare Gründe anführen. Auffällig ist, dass das Kuratorium in der Benennung der Gründe bislang nicht öffentlich geworden ist (will man Hinterhäuser schützen und hebt man sich das für den »Ernstfall« einer »Schlammschlacht« auf?).
Die Ausschreibung
Eine weitere Überlegung könnte sein, dass derzeit eine vollkommene Neuordnung der Festspiele möglich wäre. Denn es muss auch die Stelle der Festspiel-Präsidentin neu ausgeschrieben werden. Momentan besetzt Kristina Hammer diese Position. Es ist durchaus möglich, dass nach den Querelen der letzten Monate politisch ein vollkommener Neuanfang favorisiert wird (Berlins Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson wäre sicherlich nicht abgeneigt). Aber es ist ebenso möglich, dass das Kuratorium auf Kontinuität – und damit auf Hammer – setzt. Gleiches scheint auch in Sachen Geschäftsführung zu gelten: Der kaufmännische Direktor Lukas Crepaz wird derzeit von niemandem in Frage gestellt, er wird als Schlüsselfigur für den anstehenden Umbau der Festspiele gebraucht. Gut möglich, dass sein Job vorzeitig verlängert wird.
Der Umbau
Am Freitag will das Kuratorium auch über die Sanierung der Festspielgebäude und den Ausbau des Großen Festspielhauses beraten. Dabei soll entschieden werden, ob das Haus für ein oder zwei Jahre gesperrt bleibt und wo in dieser Zeit die Ersatzspielstätte entstehen soll. Für diese ist ein Kostendeckel von 34,8 Millionen Euro vorgesehen, für das Gesamtprojekt gelten 395 Millionen Euro als Obergrenze. Ob sich diese Zahlen in der aktuellen Situation einhalten lassen – da darf man durchaus skeptisch sein.
Die Quintessenz
Das Kuratorium scheint sich seiner Argumente sicher zu sein und will offensichtlich nicht länger nach Markus Hinterhäusers Pfeife tanzen. Der scheint seine Gegenspieler unterschätzt zu haben und sich in den letzten Wochen und Monaten vielleicht den einen oder anderen Streit zu viel geleistet zu haben (auch die letzte Kuratoriumssitzung soll nach Angaben der APA eskaliert sein).
Trotz öffentlicher Kritik hält Edtstadler gemeinsam mit dem Kuratorium an ihrem Weg fest – vielleicht auch, weil sie weiß, dass das Thema Hinterhäuser keines mehr ist, wenn erst einmal ein Nachfolger oder eine Nachfolgerin bestimmt sind. Tatsächlich scheinen wir in dieser Woche die grundlegende Neuaufstellung der Festspiele zu beobachten. Zusammengefasst: Der aktuelle Machtkampf ist keine Katastrophe für die Festspiele, da es für jedes Szenario genügend Alternativen gibt, mit denen Salzburg in eine neue Zukunft geführt werden kann.

