Showdown: Das Festspielkuratorium der Salzburger Festspiele hat Markus Hinterhäuser ein Szenario offeriert, über das er nun bis zum 20. März nachdenken kann. Ein Kommentar.
English summary: Showdown at the Salzburger Festspiele: its board offered director Markus Hinterhäuser a deal to step down, citing loss of trust. Backed by Governor Karoline Edtstadler, the board seeks renewal; supporters frame it as political meddling. The standoff reflects a power and generational clash over leadership and reputation.
Der Showdown verlief nach Plan. Als das Kuratorium der Salzburger Festspiele am Donnerstagnachmittag zusammenkam, um gemeinsam mit Intendant Markus Hinterhäuser die Zukunft zu besprechen, muss ziemlich schnell klar geworden sein, dass beide Seiten mit unterschiedlichen Anliegen aufeinandertrafen. Das Kuratorium wollte den Vertrag des Intendanten vorzeitig auflösen, der Intendant aber wollte offensichtlich bleiben.
Aus Kreisen der Beteiligten ist hinter vorgehaltener Hand zu hören, dass Hinterhäuser angeboten worden sein soll, die Festspiele nach der Saison 2027 zu verlassen, um die Geschäfte geordnet an einen Nachfolger zu übergeben. Im offiziellen Statement hört sich das allerdings unkonkreter an: Man habe dem Intendanten einen Vorschlag unterbreitet, heißt es, über den der nun nachdenke: »Der Ball liegt bei ihm«.
Hinterhäusers Verteidigung
Hinterhäuser habe dem Gremium sein Vorgehen bei der Suche nach einer neuen Schauspielchefin erklärt und ein Statement verlesen, in dem es geheißen habe: »Es war nie meine Absicht, am Kuratorium vorbei oder hinter dem Rücken des Kuratoriums oder mit Umgehung des Kuratoriums« zu versuchen, »die Person meiner Wahl zu installieren, ich habe das auch nicht getan«. Hinterhäuser wird weiter wie folgt zitiert: »Es sind Fehler in der Kommunikation geschehen, aber die Frage an Sie als Kuratorium sei gestattet: Rechtfertigt das, einen derart massiven Vertrauensverlust medial öffentlich zu verkünden?«
Alles sieht aus, als hätte Markus Hinterhäuser Salzburgs Landeshauptfrau Karoline Edtstadler unterschätzt. Sie ist eine mit allen Wassern gewaschene Politikerin. Als sie ihr Amt antrat, übernahm sie mit Hinterhäuser auch den Festspielintendanten ihres Vorgängers Wilfried Haslauer. Viel wurde darüber getuschelt, dass die beiden einander nur wenig schätzen, von üblen Nachreden war die Rede, von Maßregelungen vor Publikum – einige Zeitungen spekulierten auch über eine Intrige gegen Hinterhäuser, inszeniert von Edtstadler und Festspielpräsidentin Kristina Hammer. Fakten für all das gab es keine. Aber klar war, dass die Salzburger Festspielluft brodelte.
Kampagnen gegen Strategie
Das wurde endgültig offenbar, als Edtstadler Hinterhäuser nach der letzten Sitzung des Kuratoriums öffentlich die »Gelbe Karte« zeigte. Wie sollte der Intendant danach noch zu halten sein? Ab jetzt konnte es nur noch Gewinner und Verlierer geben. Und Edtstadler wird genau das gewusst haben. Zumal bald auch eine neue Festspielpräsidentin gewählt werden muss. Würde Hinterhäuser eine weitere Amtszeit von Kristina Hammer kommentarlos schlucken?`
Unter seinen Unterstützern formierte sich (auch das war für Edtstadler ausrechenbar) schnell ein neues Narrativ: Die Landeshauptfrau würde sich in die künstlerischen Belange einmischen, das Kuratorium der Festspiele erkenne die künstlerische Größe des Intendanten nicht – und überhaupt: Ein vorzeitiges Ende Hinterhäusers würde den Ruf der Festspiele zerstören.
Eine Kampagne, die in erster Linie von Männern wie Österreichs Feuilleton-Auslaufmodellen Heinz Sichrovsky oder Wilhelm Sinkovicz angeführt wurde und in Deutschland von Manuel Brug oder Simon Strauß sekundiert wurde, die in ihren Artikeln wenig über Hinterhäusers Fehlverhalten und Skandale (hier eine Liste) berichteten, sondern sich immer wieder am Verfahren rund um die Schauspielchefin abarbeiteten. Mit ähnlicher Ambition wurde wohl auch eine Unterschriftenliste für den Intendanten zusammengestellt, in der sich viele Künstlerinnen und Künstler wiederfinden, die direkt von Hinterhäusers Festspielplanung profitieren. Erst kürzlich schrieben wir, dass diese Aktion großes Potenzial hat, nach hinten loszugehen. Denn das ist die vielleicht größte Schwäche des Hinterhäuser-Lagers, es kämpft mit veralteten Mitteln: Mit (Männer)-Netzwerken, Schlechtreden der Gegner und der Ignoranz gegenüber eigenen Fehlern.
Ein Generationenkonflikt
Die aktuelle Situation in Salzburg zeigt, dass der Machtkampf um die Amtszeit von Markus Hinterhäuser wohl mehr ist als die bloße Frage um die Abwicklung der Nachfolgesuche im Schauspiel. Es geht hier auch um einen Generationenkonflikt. Darum, dass die Amtsführung Hinterhäusers einfach nicht mehr zeitgemäß erscheint. Dass es schwer wird für Politikerinnen und Politiker, Kultursubventionen öffentlich zu vertreten, wenn das Schauspiel hinter den Kulissen zum eigentlichen Spektakel wird. Und letztlich ist der Machtkampf in Salzburg auch ein »Western von Gestern«, da hier eine Horde emotional entrüsteter Kerle gegen eine Politikerin (und Juristin) von heute antreten.
Edtstadler wusste natürlich früh, dass all das Geraune um die Amtsführung von Hinterhäuser nicht taugt, um den Intendanten vom Platz zu stellen. Sie brauchte eine juristisch verwertbare Handhabe. Und das von den Kuratoriumsmitgliedern in den letzten Wochen mantrahaft benutzte Wort des »Vertrauensverlustes« ist so ein juristischer Terminus.
Ein Angebot, das er nicht ablehnen kann
Während die Truppen des Intendanten wild um sich schlugen, ließ Edtstadler sich nicht aus der Ruhe bringen und spielte ihr juristisches Schachspiel in Ruhe weiter – Zug um Zug. Bis zur letzten Kuratoriumssitzung. Nun hat sie dem Intendanten die Ergebnisse ihrer Arbeit vorgelegt und ihm – im Stile von Don Corleone – offenbar ein Angebot gemacht, das er nicht ablehnen kann.
In Wahrheit kann er das natürlich. Aber dann würde endgültig schmutzige Salzburger Wäsche gewaschen – wahrscheinlich vor irgendwelchen Arbeitsgerichten. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Markus Hinterhäuser es auch darauf noch ankommen lassen könnte. Die kommenden Tage werden zeigen, ob er und seine Mitstreiter vollkommen verbrannte Erde hinterlassen wollen, und ob es hier wirklich noch um die Festspiele geht, um moderne Führungsstrukturen oder nur um verletzte Egos. Es ist spät, aber vielleicht nicht zu spät, für Markus Hinterhäuser, um zu gehen, ohne sein Gesicht zu verlieren.

