Nach dem Weggang der Berliner Philharmoniker muss sich das Festspielhaus Baden-Baden neu erfinden. Es verkaufte zwar 3000 Tickets weniger – aber die musikalische Qualität war hoch. Ein Fazit von Georg Rudiger.
English summary: After the Berlin Philharmonic’s departure, Baden-Baden’s festival reinvented itself with slightly lower ticket sales but high artistic quality. Highlights included Mallwitz’s Lohengrin with the Mahler Chamber Orchestra and strong concerts. Despite some staging flaws, performances impressed, and new collaborations signal a confident, independent future.
Schwebende Streicherklänge in achtfach geteilten Violinen – plötzlich knallt etwas zu Boden. Das ätherische Vorspiel zu Richard Wagners Lohengrin beginnt im Festspielhaus Baden-Baden mit einer Störung. Es sollte die einzige bei diesen Osterfestspielen bleiben, die sich nach dem Weggang der Berliner Philharmoniker nach Salzburg neu aufstellen mussten. Für die Lohengrin-Premiere hielt sie gleich zwei Besonderheiten bereit: Joana Mallwitz erstmals in Baden-Baden und das Mahler Chamber Orchestra zum ersten Mal mit einer Wagner-Oper.
Das auf die doppelte Größe angewachsene, selbstverwaltete Projektorchester braucht im Graben ein wenig Zeit, um sich zu orientieren. Einige Bläsereinsätze sind nicht perfekt zusammen, der Verschmelzungsgrad der Musik hat noch Luft nach oben. Joana Mallwitz lässt sich in diesem Lohengrin viel Zeit für die großen Melodiebögen. Chor und Orchester nimmt sie immer wieder ins Pianissimo zurück. Transparenz und atmosphärische Dichte kennzeichnen ihre Interpretation. Kontrastreich gelingt die Differenzierung zwischen hellen und dunklen Farben. Das Mahler Chamber Orchestra entwickelt an diesem viereinhalbstündigen, mit stehenden Ovationen gefeierten Abend mehr und mehr Suggestionskraft und glänzt mit Homogenität in den Streichern und edlen Holzbläsersoli. Auch bei den Konzerten mit Helénè Grimaud (Klavierkonzerte von Brahms und Robert Schumann) und Brittens War Requiem zeigt es außergewöhnliche Qualitäten.
Die Federn des Schwans
Wagners letzte romantische Oper inszeniert Johannes Erath als Nachtstück. Die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit sind fließend. Ein in einen Lichtrahmen gefasster dunkler Wald mit hellen Bäumen ist das Setting, in dem er dieses musikalische Märchen spielen lässt (Bühne: Herbert Murauer). Der in den hohen Männerstimmen nicht immer ganz intonationsreine, klangmächtige Tschechische Philharmonische Chor (Einstudierung: Petr Fiala) und Philharmonia Chor Wien (Einstudierung: Walter Zeh, Thomas Böttcher) trägt elegante blaue Abendkleider und schicke schwarze Anzüge (Kostüme: Gesine Völlm).

Zu Lohengrins erstem Auftritt rieseln Federn in den Zuschauerraum. Der Gralsritter ist selbst ein Schwan mit flokatiähnlichem Federmantel. Erath schafft mit seinem Team (Licht: Joachim Klein, Video: Bibi Abel) magische Bilder, wenn er die zu schweben scheinende, runde LED-Treppe mal zu einem Meer, mal zu einem Auge oder einem Sternenhimmel macht. Es gelingen ihm in seiner musikalischen, fantasievollen Inszenierung auch subtile Szenenübergänge wie im 2. Aufzug, wenn die Ehehölle von Telramund und Ortrud zum Schlafzimmer von Elsa wird – das sich langsam drehende Ehebett zeigt beide Gemächer.
Aber insgesamt fehlt seiner Regiearbeit die Fokussierung. Die ästhetischen Bilder mäandern assoziativ im freien Raum. Ein Röhrenfernseher als Leitmotiv, die Doppelung der Szene durch Videos, die unmotivierte Bühnenräumung im 3. Aufzug – einiges bleibt rätselhaft.
Beczala, der Altmeister
Piotr Beczala singt Lohengrin mit leuchtendem Tenor, weicher Stimmgebung und kantablen Melodiephrasen. Seine Kräfte teilt er sich gut ein, so dass er für die Gralserzählung im letzten Aufzug noch über genügend Reserven verfügt. Rachel Willis-Sorensen schenkt Elsa, die bereits in der ersten Szene im Brautkleid auftritt und Handschellen angelegt hat, strahlende Spitzentöne und auch in den leisen Passagen Tragfähigkeit. Wolfgang Koch ist ein dunkel timbrierter, bedrohlicher Telramund. Tanja Aria Baumgartner macht Ortrud zu einer charismatischen, unheimlichen Intrigantin. Nur Kwangchul Youn als Heinrich der Vogler fällt mit seinem wabernden Bass ab im guten Solistenensemble, das Samuel Hasselhorn als überzeugender Heerrufer komplettiert.
Mäkelä springt über alle Messlatten
Neben dem Debüt von Joana Mallwitz in Baden-Baden war auch das Gastspiel des Royal Concertgebouw Orchestra unter seinem designierten Chefdirigenten Klaus Mäkelä mit drei Orchesterkonzerten und mehreren Kammerkonzerten, bei denen auch Mäkelä mit den 12 Cellisten des Orchesters als 13. Cellist im Weinbrennersaal zu hören war, ein voller Erfolg. Neben einer ausmusizierten, ein wenig zu glatten 8. Sinfonie von Anton Bruckner blieb vor allem das 1. Violinkonzert von Max Bruch mit Daniel Lozakowich und die 5. Sinfonie von Gustav Mahler in Erinnerung, die Klaus Mäkela und das groß aufspielende Amsterdamer Orchester zu einem existentiellen Musikerlebnis machten. Die Messlatte hatten die Berliner Philharmoniker in den 13 Baden-Baden Festivaljahren hochgelegt – das Royal Concertgebouw Orchestra sprang an diesem Abend drüber.
Auch Intendant Benedikt Stampa zeigte sich im Pausengespräch erfreut: »Künstlerisch wurden unsere Erwartungen noch übertroffen.« Auch mit den rund 17.000 verkauften Tickets sei er zufrieden. Das seien zwar 3.000 Besucher weniger als im letzten Jahr, als sich die Berliner Philharmoniker verabschiedeten, aber mehr als 2024, als Elektra gespielt wurde. »Das Publikum ist großenteils bei uns geblieben«, sagt Stampa – eine genaue Besucher-Analyse steht noch aus. Man hörte jedenfalls neben Englisch, Französisch, Russisch und Japanisch erstmals auch Niederländisch im Festspielhaus. Die harte Zäsur mit dem Abschied der Berliner Philharmoniker haben Stampa und sein Team sportlich genommen. »Das ist auch eine Chance, uns von den Berliner Philharmonikern zu emanzipieren und unsere eigenen Osterfestspiele Baden-Baden zu entwickeln.«
Ausblick auf nächstes Jahr
Zum 200. Todestag Ludwig van Beethovens wird es im nächsten Jahr den Fidelio in der Regie von Krzysztof Warlikowski, die Missa solemnis und die 7. Symphonie geben, dazu unter anderem das Mozart-Requiem und Berlioz’ Symphonie fantastique. Das modernste Werk in den Konzerten des Mahler Chamber Orchestra und des Royal Concertgebouw Orchestra ist das 1904 uraufgeführte Violinkonzert von Jean Sibelius. Als künstlerisch besonders ambitioniert kann dieses Programm nicht gelten. Stampa spricht von erhofften »exzeptionellen Aufführungen« und davon, dass er auch immer unternehmerisch denken müsse. Dass sich in diesem Jahr entgegen der Erwartung das War Requiem gut verkaufte, spricht aber durchaus für die Aufgeschlossenheit des Publikums. Und davon, dass man nach erfolgreichem Start der neuen Osterfestspiele in Baden-Baden in Zukunft ruhig noch mutiger sein könnte.
Den Lohengrin aus Baden-Baden können Sie auch bei arte nachschauen.

