Augen zu und weiter so!

August 24, 2025
3 mins read
Aida Garifullina (Foto: DECCA, Fowler)

Wie die Klassik-Szene ihre politischen und moralischen Leitplanken abbaut: Das Bolschoi kündigt einen Auftritt von Aida Garifullina an, und Auftritte von Teodor Currentzis lösen kaum noch Proteste aus.

English summary: This summer revealed how the classical music scene is dismantling its moral and political boundaries. Despite Russia’s ongoing war in Ukraine criticism fades as cultural institutions return to „normal.“

Das war ein Sommer weitgehend ohne Sommerloch – jedenfalls in der Politik. Im August schien die Welt jeden Tag etwas weiter aus den Fugen gedreht zu sein: Andauernde Eskalation in Nahost, und trotz Alaska-Gipfel und EU-Deligation im Weißen Haus jagt Russland unvermindert Bomben auf zivile Ziele in der Ukraine. 

Wenn wir aus den letzten Tagen und Wochen eines gelernt haben, dann, dass Vladimir Putin ein Meister der Inszenierung ist und jedes Bild für Propaganda in eigener Sache nutzt. Nichts scheint ihm wichtiger, als auf die große (westliche) Weltbühne zurückzukehren und so zu tun, als wären sein Krieg gegen die Ukraine und sein diktatorisches Verhalten vollkommen normal. Einige Medien und Menschen helfen ihm dabei, indem sie seiner Politik weitgehend kritiklos begegnen. Und auch ein Großteil der Klassik-Welt scheint in diesem Spiel mitzumachen, ausgerechnet in einer Zeit, in der sich die brutale Machtpolitik Russlands immer deutlicher offenbart. Ein Großteil der Musikszene schließt am liebsten die Augen und tut, als würde sie die Weltpolitik überhaupt nicht betreffen. 

Aida Garifullina in Moskau?

So wurde dieser Klassik-Sommer auch ein Sommer der vermeintlichen Normalisierung des alten Geschäfts. Während Italien vor den Sommerferien noch ein von EU-Geldern mitfinanziertes Valery Gergiev-Konzert in letzter Sekunde absagte, kündigte das Bolschoi in Moskau nun eine Gala für den 5. September mit der Sopranistin Aida Garifullina an – angeblich an ihrer Seite: Vadim Repin, Svetlana Zakharova, Evgeny Mironov, Irina Shishkova und der Dirigent Anton Grishanin

Teodor Currentzis zog derweil mit seinem Utopia-Ensemble durch die Gegend und wurde dabei von der Kritik zum großen Teil gefeiert (in Salzburg etwa gemeinsam mit der Sopranistin Regula Mühlemann). Die politische Auseinandersetzung um den Dirigenten und die Finanzierung seiner Ensembles tritt dabei wieder in den Hintergrund. 

Kritik ist selten

Bei einem Event wie dem Musikfest Bremen stimmen regionale Platzhirsch-Medien wie der Weser-Kurier in den weitgehend kritiklosen Jubel ein. Immerhin hat die vermeintlich noch regionalere Kreiszeitung bei den Veranstaltern nachgefragt und bei der verantwortlichen Kulturpolitikerin, die Steuergelder für das Unterfangen ausgibt. Die Antworten klangen allerdings weitgehend abgeklärt: Intendant Thomas Albert schwadroniert irgendetwas darüber, dass Musik nun mal Musik sei und Politik Politik – und überhaupt in der Causa Currentzis alles gesagt wäre. Und während die Bundesregierung händeringend nach Auswegen gegen Russlands perversen Angriffskrieg und die Bombardements der Zivilbevölkerung sucht, scheinen die regionalen Kulturpolitiker der Regierungsparteien so zu tun, als habe ihre Arbeit nichts mit der Weltpolitik zu tun. Sie habe Urlaub, erklärte Bremens Kulturdezernentin Carmen Emigholz und könne sich deshalb nicht zur Causa äußern, und Bremens Bürgermeister Andreas Bovenschulte, der auch Kultursenator ist und ansonsten immer gern große Politik spielt (etwa bei seinen Markus Lanz-Auftritten), blieb in diesem Fall ebenfalls stumm.

London ringt um Netrebko

Da mutet es fast absurd an, dass ausgerechnet Anna Netrebko, die sich nach anfänglicher Kritik immerhin streng daran gehalten hat, nicht mehr in Russland aufzutreten, nun ausgerechnet den größten Shitstorm abbekommt. Gegen ihren geplanten Auftritt am 7. September 2025 in Covent Garden haben mehr als 50 Kulturschaffende in einem Brief im Guardian protestiert, unter ihnen die ukrainischen Schriftsteller Andriy Kurkov and Serhiy Zhadan, der Oscar-Preisträger Mstyslav Chernov die ehemalige Premierministerin Neuseelands, Helen Clark oder der französische Intellektuelle Bernard-Henri Lévy. Auf Facebook kursiert ein Bild das ein vermeintliches Plakat der Royal Opera zeigt, in der sie mit Uralt-Zitaten Putin bewundert. Es ist davon auszugehen, dass die London-Proteste gegen Netrebko heftiger ausfallen werden als einst die Demonstrationen in Wien oder Berlin. 

Dieses gefälschte Plakat von Anna Netrebko an der Royal Opera in London kursiert derzeit im Netz (Foto: Facebook)

Ebenso wie gegen Netrebkos Auftritt wurden auch gegen das erste Konzert von François-Xavier Roth beim SWR Symphonieorchester Proteste angekündigt. Die Orchester-PR setzt derweil auf eine ähnliche Masche wie schon in der Currentzis-Debatte: Abducken und Thema wechseln. Dafür ist in diesem Fall (die ebenfalls vom SWR beschäftigte) Journalistin Susanne Benda verantwortlich, die in der Stuttgarter Zeitung ein Roth Interview veröffentlichte, in dem sie den Dirigenten weitgehend unkommentiert erklären ließ: »Mir ist jetzt sehr bewusst, was ein Dirigent als Führungspersönlichkeit tun muss und tun darf. Ich denke, ich bin heute ein anderer Mensch und ein anderer Dirigent. Ich verstehe, dass viele damals sehr irritiert waren, aber ich habe mir Zeit genommen und komme zurück mit großer Energie für unser Orchester, für die Musik.« 

Mit anderen Worten: War was? Ist was? Wollen wir nach diesem Sommer wirklich so weiter machen wie immer? Oder wäre es nicht gerade jetzt an der Zeit, auch in der Kultur ein politisches Bewusstsein zu etablieren? 

Leseempfehlung: In einem Essay zum Jahresbeginn haben wir erklärt, warum es gerade jetzt wichtig ist, Kunst und Kultur als politische Kraft zu verstehen.

Axel Brüggemann

Axel Brüggemann arbeitet als Autor, Regisseur und Moderator. Er war als Kulturredakteur und Textchef bei der Welt am Sonntag tätig und schrieb danach für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. Heute veröffentlicht er u.a. im Tagesspiegel, im Freitag, der Jüdischen Allgemeinen oder in der Luzerner Zeitung. Er arbeitet für Radiosender wie den Deutschlandfunk, den WDR oder den HR. Seine Fernsehsendungen und Dokumentationen (für ARD, ZDF, arte oder SKY) wurden für den Grimmepreis nominiert und mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Brüggemann schrieb zahlreiche Bücher u.a. für Bärenreiter, Rowohlt, Beltz & Gelberg oder FAZ Buch.

Fördern

Artikel auf BackstageClassical sind kostenlos. Wir freuen uns, wenn Sie unabhängigen Klassik-Journalismus fördern.

Mehr aktuelle Artikel

Das Reich der kulturellen Mitte

China profitiert vom Chaos der Welt. Auch kulturell. In Peking gastieren sowohl Valery Gergiev und sein Mariinksy Orchester als auch die Berliner Philharmoniker mit Kirill Petrenko.  

Liebe deutsche Schule,

früher hätte man vielleicht gesagt: »Du bist derzeit von einer curricularen Simplifizierung und inhaltlicher Entkernung geprägt, bei der nachhaltige Erkenntnisprozesse zugunsten kurzfristiger Kompetenzsimulation substituiert werden.« Aber wenn man so wäre wie Du,

Donald, Yannick, Lorenzo und Bert

Heute geht es im Newsletter um einen Ausblick auf das, was im neuen Jahr wichtig wird, ein Plädoyer für mehr Tiefe und um neue Klassik-Protagonisten.

Venezuela, Grönland, Kennedy-Center

Donald Trump entführt den Präsidenten von Venezuela und überlegt, Grönland zu annektieren. Das Kennedy Center in Washington hat er schon lange in seine Propagandamaschine integriert. Die kleine Geschichte einer großen Übernahme. 

Wie Konrad und Louis sich zum Bert machen

Konrad und Louis sollen die ARD-Klassik aufmischten und sorgen für Fremdscham. Dabei macht Opera Bert vor, dass Klassik so bedeutsam sein kann wie das Lackieren von Fingernägeln.

Er machte die Metropolitan Opera stark

Der Werber Bruce Crawford, einst Chef der Metropolitan Opera und später Vorsitzender des Lincoln Center, prägte New Yorks Opern- und Musikwelt über Jahrzehnte. Er starb mit 96 Jahren in Manhattan.

Verpassen Sie nicht ...